Alferd-Delp-Haus

„Herzdenken“ für den Alltag

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Mit dem Projekt „Herzdenken“ will das Sankt Vincenzstift, der Betreiber des Oberurseler Alfred-Delp-Hauses, erfahren, welche Bedürfnisse und Wünsche Menschen mit geistiger Behinderung im Seniorenalter haben. Ziel ist, ein Handbuch zu erarbeiten, das Betreuern und Pflegern die Arbeit mit den behinderten Senioren erleichtern.

Seit gut einem Jahrhundert steigt – nicht zuletzt dank des medizinischen Fortschritts – die mittlere Lebenserwartung global stetig an, und das anscheinend unaufhaltsam. Von geschätzt rund 30 Jahren um 1900 ist die Menschheit heute bei einem globalen Altersdurchschnitt von rund 71 Jahren angelangt. In Deutschland lag die Lebenserwartung für neugeborene Jungen im Jahr 2015 bei 77 Jahren und 9 Monaten, bei Mädchen sogar bei 82 Jahren und 10 Monaten.

Mit dem gestiegenen Alter wachsen aber auch die Herausforderungen, immer mehr Menschen leiden heute zum Beispiel unter Demenz. Das betrifft Menschen mit als auch ohne kognitive Beeinträchtigungen. Dabei unterscheiden sich die Bedürfnisse, die Begleitung und Betreuung von Senioren ohne Beeinträchtigung stark von denen älterer Menschen mit geistiger Behinderung.

„Viele Einrichtungen oder Altenheime sind nicht ausreichend auf die Betreuung und Pflege dieser Menschen vorbereitet, was vor allem die Betreuungs- und die Pflegekräfte vor erhebliche Herausforderungen stellt“, sagt Birgitt Wagner, Pressesprecherin des Sankt Vincenzstifts. Das gelte natürlich auch für die Bewohner des Oberurseler Alfred-Delp-Hauses, das zu den Einrichtungen des Stifts gehört, sowie für ihre Betreuer und Pfleger.

Um der Problematik zu begegnen, nimmt das Vincenzstift gemeinsam mit drei Partnerorganisationen aus Österreich, Polen und Rumänien am Projekt „Herzdenken“ teil, das von der Europäischen Union gefördert wird. „Über den Zeitraum von zwei Jahren sammeln die vier Partner im Gespräch mit Mitarbeitern und Bewohnern Informationen darüber, welche Wünsche und Bedürfnisse Menschen mit geistigen Behinderungen im Seniorenalter haben, aber auch, worauf Betreuer in der Pflege und der Begleitung der Klienten achten sollen“, erläutert Wagner.

Um die Informationen möglichst praxisnah zusammenzutragen, hat das Vincenzstift im Alfred-Delp-Haus ein Pilotprojekt gestartet. Zwei Bewohner des Hauses, ihre Pfleger, Betreuer und Angehörigen sammeln jetzt gemeinsam die Daten. „Oft sind die Biografien der geistig behinderten Menschen gar nicht bekannt. Aber in Gesprächen lässt sich erfahren, welche Eigenheiten sie haben, welche Vorlieben oder welche Abneigungen“, sagt Wagner und nennt ein Beispiel: „Ein Bewohner des Alfred-Delp-Hauses wollte sich nur ungern waschen lassen, als ihm jedoch ein Kinderlied vorgesungen wurde, war das kein Problem mehr.“

Alle vier am „Herzdenken“ beteiligten Einrichtungen arbeiten nach dem Prinzip des mäeutischen Pflege- und Betreuungsmodells der Niederländerin Dr. Cora Van der Kooij, das helfen soll, den Alltag von Menschen mit Behinderung im Seniorenalter zu erleichtern (siehe nebenstehende Box).

Am Ende des Projektes sollen die gesammelten Informationen und Daten Eingang in ein Handbuch für den Umgang mit Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen finden, das im September kommenden Jahres fertiggestellt sein und einem großen Fachpublikum vorgestellt werden soll. Ergänzt werden soll das Handbuch um eine eigens entwickelte Schulungsmaßnahme für die pädagogischen Mitarbeiter im Pflegealltag. Wagner: „Handbuch und Schulung werden eine Wissenvermittlung über das Projekt ,Herzdenken‘ hinaus möglich machen.“

Die vier Partner werden nach Ende des zweijährigen Projektes aber nicht auseinander gehen. Vielmehr sind sie schon dabei, ein Netzwerk für die künftige Zusammenarbeiter zu knüpfen. „Es soll Basis sei für einen nachhaltigen Informationsaustausch.von Erfahrungen und Ergebnissen“, sagt Wagner.

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