Professor Christoph Barnbrock hält stolz sein jüngstes Werk in der Hand. Es trägt den Titel ?Hörbuch?.
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Professor Christoph Barnbrock hält stolz sein jüngstes Werk in der Hand. Es trägt den Titel ?Hörbuch?.

Professor Christoph Barnbrock

Vom Hören und Verstehen

  • vonGerrit Mai
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Professor Christoph Barnbrock hat ein Buch geschrieben, das Hörbuch heißt, für das man aber keine Lautsprecher noch Kopfhörer braucht. Aber der Leser erfährt viel vom richtigen Hören.

Wer weiß auf dem Heimweg noch, worüber der Pfarrer gerade in der Kirche gepredigt hat? Wenn nur hängen bleibt, dass es um die Sünde ging, und diese schlecht sei, dürfte das ein bisschen wenig sein. Predigten kommen bei jedem anders an. Das weiß auch Professor Christoph Barnbrock, der an der Lutherischen Theologischen Hochschule Oberursel den Lehrstuhl für Praktische Theologie innehat. Deshalb hat er ein Buch für „ganz normale“ Kirchenbesucher geschrieben.

Mit dem Titel „Hörbuch“ hat er sie auch noch aufs Glatteis geführt: Denn der Leser kann sich nicht entspannt die Stöpsel in die Ohren stecken, er muss selbst lesen, um zu lernen, bewusster zu hören und Wege der besseren Kommunikation zu finden.

Barnbrock hat recherchiert, dass es 95 verschiedene Arten des Hörens gibt, und da bleiben Missverständnisse auch zwischen Prediger und Zuhörer nicht aus. Das kenne jeder aus normalen Gesprächen, letztlich liege der Filter der eigenen Persönlichkeit und eigener Erfahrungen dazwischen. Der Autor vergleicht eine gute Predigt mit der Pfingstgeschichte, als der Heilige Geist die Menschen befähigte, Jesu’ Worte in ihrer Sprache, also mit ihrem jeweils eigenen Hintergrund zu hören – ob intellektuell, elementar oder fürs Herz.

Der erste Schritt in die „Entdeckungsreise für Predigthörer“ macht deutlich, dass Hören nicht gleich Zuhören oder gar Verstehen im Sinne des Predigers bedeutet. Wenn der Pfarrer im Erntedankgottesdienst betont, dass es nicht um die festlich geschmückte Kirche geht, sondern darum, Gott für die Gaben zu danken, könne er bei Schmückern oder Landwirten, die hart gearbeitet haben, ganz schön ins Fettnäpfen treten. Dabei wollte dieser Theologe das Schmücken nicht abwerten, aber als Stadtmensch, und durch einen zufälligen Aspekt von außen beim Schreiben der Predigt, wählte er dieses Beispiel. Die Zuhörer indes kannten den Zusammenhang nicht und einige waren sauer.

In solchen Fällen könne ein Predigtnachgespräch mit „liebevoller Kritik“ helfen. Wie das geht, schreibt Barnbrock auch, denn an den Mienen sei meist nicht zu erkennen, ob ein Gottesdienstbesucher getröstet in den Alltag gehe oder ängstlich, aufgewühlt oder gar ärgerlich. Schon Luther habe der Gemeinde im Sinne der Priesterschaft aller Gläubigen die Kompetenz zugeschrieben, die Verkündigung kritisch zu begleiten. Und wie zu Luthers Zeiten sei Mitschreiben bei der Predigt, um das Gehörte zu Hause zu vertiefen, erlaubt. Der Professor gibt jedoch den Rat, mit dem Pfarrer zu reden, der könnte das sonst als Zensur auffassen.

Anlass zu Irritationen bieten auch unterschiedliche theologische Ausrichtungen, die jedoch wegen der Vielseitigkeit des Protestantismus nicht auszuschließen seien. In solchen Fällen appelliert der Autor an die Toleranz und vergleicht das mit einem Fan von Borussia Dortmund, in dessen Gegenwart ein Anhänger von Schalke 04 schwärmt.

Ob man für den Gottesdienst gut ausgeschlafen sein muss, stellt Barnbrock infrage, aber ein anschließender Besuch im Café, um die Predigt nachklingen zu lassen, hält er für eine gute Idee. Und als Tipp für den Prediger hält er es mit dem Spruch: „Der Pfarrer darf über alles predigen nur nicht über 20 Minuten.“ Seine Empfehlung lautet allerdings: „Höchstens 15 Minuten, dann sollte alles Wichtige gesagt sein.“ Schließlich gebe es wieder eine Predigt.

Das Buch ist in den fünf Jahren, in denen der 41-Jährige in Oberursel lehrt, gediehen. Beim Urlaub mit seiner Frau und den beiden Kindern in Tansania im vergangenen Sommer hat er es geschrieben, und zu Hause bekam es den letzten Schliff. Es ist mit knapp 140 Seiten in 22 Kapiteln gut lesbar, und Barnbrock stellt vor jeden Abschnitt eine Illustration von Marie-Luise Voigt.

Das „Hörbuch – Eine Entdeckungsreise für Predigthörerinnen und Predigthörer“ ist in der Edition Ruprecht erschienen. Es ist für 19.90 Euro im Buchhandel (ISBN 978-3-8469-0245-5) erhältlich, es liegt aber auch am kommenden Sonntag beim Tag der offenen Tür an der Hochschule, Altkönigstraße 150, zum Erwerb aus.

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