Verein Windrose

„Ich mache mich stark“

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Seit über 40 Jahren ist der Internationale Verein Windrose in Oberursel eine Größe, wenn es um die Integration von Migranten geht. Was früher die Gastarbeiter waren, sind heute die Flüchtlinge, wie beim Neujahrsempfang am Samstag deutlich wurde.

„Das ist immer der Tag im Jahr, an dem hier am meisten los ist“, sagt Köchin Leopoldina Noeme lachend und füllt Crème brûlée in Tonschälchen. Auf dem Herd hinter ihr köchelt derweil noch der Rest einer würzig duftenden Mischung aus gehackten Tomaten in einer großen Pfanne, außer 100 belegten Brötchen haben die 47-Jährige und ihr Mann Paulo nämlich auch Bruschetta vorbereitet. Die vielen Gäste der Windrose, die sich am Samstag beim Neujahrsempfang 2017 in der Vereinsgaststätte in der Neutorallee drängen, greifen gerne zu.

Wenn es um die Integration von Migranten geht, ist der 1976 gegründete Internationale Verein Windrose in der Brunnenstadt eine feste Größe – mit fast 1000 Mitgliedern –, die nicht wegzudenken ist. Auch wenn sich der Schwerpunkt verschoben hat – ging es ursprünglich um die Gastarbeiter aus Südeuropa, ist in den vergangenen Jahren eine andere Gruppe von Menschen in den Fokus gerückt worden: die Flüchtlinge. „Wir widmen uns denjenigen, die unsere Hilfe brauchen“, sagt Vorsitzender Reinhard Dunger.

Sabine Lecher von der Flüchtlingsfamilienhilfe der Windrose kann dem nur zustimmen. „Wir dürfen nicht wieder den Fehler machen zu denken, dass diese Menschen sowieso wieder gehen. Sie werden bleiben. Als Nachbarn, Kollegen, im besten Fall als unsere Freunde“, sagt Lecher. „2017 – ich mache mich stark für Geflüchtete“, ist denn auch das Motto, unter das die Flüchtlingsfamilienhilfe das Jahr gestellt hat.

„Wir heißen Flüchtlingsfamilienhilfe, aber die allermeisten sind Ankommende. Sie lassen den Horror der Flucht hinter sich, ihr Blick geht nach vorne. Sie wollen hier eine gute Zukunft haben und machen die ersten Schritte mit großem Selbstvertrauen“, berichtet Lecher und plädiert für mehr Geduld: „Wir sind sehr ungeduldig. Wir meckern, wenn jemand nach einem Jahr noch nicht auf eigenen Beinen steht und nach zwei Jahren noch nicht fließend Deutsch spricht. Wenn es jemand in fünf Jahren schafft, ist das großartig.“

„Herzstück“ der Initiative, wie Lecher es formuliert, ist Sozialarbeiter Harald Schuster. Er betont, wie wichtig auch die Förderung der Freizeitaktivitäten der geflüchteten Jungen und Mädchen ist, sie ist ein Schwerpunkt der Arbeit. „Wir versuchen, die Kinder rauszuholen. Sie sammeln neue Erfahrungen, lernen die Sprache.“ Allein 2016 gab es 82 Ausflüge. Aktuell, so Schuster, stehen er und seine Mitstreiter in Kontakt zu 40 Familien, 130 Menschen sind es insgesamt. „Wir versuchen, alle zu erreichen, die uns brauchen. Egal, wie der Aufenthaltsstatus ist.“

Um Unterstützung speziell für Kinder geht es auch beim zweiten großen Projekt unter dem Dach der Windrose, dem Schulprojekt „Junge Europäer – junge Weltbürger“ an der Integrierten Gesamtschule Stierstadt. Peter List, der seit 16 Jahren dafür verantwortlich zeichnet, kann Positives berichten: An den verschiedenen Deutsch-, den Mathe-, Englisch- und Förderkursen, der Hausaufgabenhilfe und dem Klavierunterricht nehmen 77 Mädchen und Jungen teil. Neun Jugendliche, die alle von Anfang an das Projekt durchlaufen haben, machten 2016 einen Abschluss. Drei davon haben den Übergang ins Gymnasium geschafft.

Die Windrose blickt auch insgesamt freudig gestimmt in die Zukunft – und zwar auch, weil es am Samstag noch die ein oder andere gute Nachricht gibt. „Wir stehen in engem Austausch und es wird uns gelingen, im kommenden Jahr für neue Räumlichkeiten zu sorgen“, verspricht zum einen Bürgermeister Hans-Georg Brum (SPD). Eine Spende von 5000 Euro überreichte die Evangelische Auferstehungskirchengemeinde – das Geld stammt unter anderem aus einem Benefiz-Varieté-Abend.

Auch, was das Verfahren der albanischen Familie Malo anbelangt, der, wie berichtet, die Abschiebung droht, sind die Helfer optimistisch: „Wir rechnen erst einmal mit einem positiven Ergebnis. Bisher konnten alle Familien, die wir unterstützt haben, hierbleiben“, erinnert List.

(mrm)

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