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Interview mit Antje Runge über neuen Frankfurter Stadtteil: „Nur bis zur A 5“

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Im März ist Antje Runge (48) zur Oberurseler SPD-Vorsitzenden gewählt worden und arbeitet nun an einer Erneuerung der Partei. Im Gespräch mit Redakteurin Stefanie Heil sagt sie, wo ihre Schwerpunkte liegen und was der künftige Bürgermeisterkandidat der SPD mitbringen muss.

Frau Runge, Sie haben den SPD-Vorsitz in bewegten Zeiten übernommen. Wo liegt für Sie die größere sozialdemokratische Baustelle: in Berlin oder in Oberursel?

ANTJE RUNGE: Für mich liegt die Perspektive auf Oberursel, denn das Herz der Politik schlägt für mich im Kommunalen. Hier werden die Entscheidungen getroffen, deren Folgen jeder merkt. Deshalb ist es für mich interessant, sich hier einzubringen und für die SPD tätig zu sein.

Sind die Aufgaben hier oder in Berlin größer?

RUNGE: Erneuerung findet für mich an der Basis statt. Die Veränderungen in Berlin werden vielleicht mehr wahrgenommen, aber ohne die SPD-Basis vor Ort funktioniert Erneuerung nicht.

Im Bund, im Kreis und in der Stadt gibt es große Koalitionen. Tut sich die SPD damit einen Gefallen?

RUNGE: Letzten Endes muss man immer schauen, welche Bündnisse möglich sind. Große Koalitionen sind das Ergebnis des Wählerwillens, sind Vernunftehen – auch wenn es für die SPD schwieriger ist, sich daraus zu profilieren und zu zeigen, wofür sie steht.

Können Sie sich in Oberursel genug profilieren?

RUNGE: Ich finde, in Oberursel läuft die Koalition gut. Ich kann mir selbstverständlich vorstellen, dass man von der Partei aus ein eigenes Profil erarbeitet mit einem Anforderungskatalog, der auch mal von der Fraktion abweichen kann.

Wie zufrieden sind Sie mit der Arbeit der SPD in der Koalition in Oberursel?

RUNGE: Ich halte die Arbeit für sehr gut, finde aber dennoch, dass man eigene Werte und Ziele, gerade im Bereich des Sozialen, noch mehr herausstellen kann.

Was können das für Werte und Ziele sein?

RUNGE: In Oberursel ist Wohnen das drängendste Problem. Als Normalverdiener, nicht nur als Geringverdiener, kann man sich kaum noch eine Wohnung leisten: nicht zu mieten und zu kaufen schon gar nicht. Jeder muss es sich leisten können, hier zu wohnen. Wir wollen eine Stadt für alle sein. Sozialer Wohnungsbau und bezahlbare Wohnungen müssen selbstverständlich sein. Und da muss man auch darüber reden, dass manche Leute das gar nicht wollen.

Zweites Thema ist das soziale Miteinander in Oberursel – eine Teilhabe von allen ist für mich sehr wichtig. Oberursel ist eine Stadt für Familien mit einem guten Angebot an Schulen und Kitas, und da ist es wichtig, dass Öffnungszeiten und Preise für alle passen.

Lassen Sie mich beim Thema Wohnen einhaken. Die Koalition will bis 2021 1000 Wohnungen schaffen. Reicht denn das angestrebte Drittel bezahlbare Wohnungen überhaupt aus?

RUNGE: Es ist ein erster Schritt. Wir reden hier immerhin über Bauvorhaben, die von privaten Investoren getätigt werden. Was sind bezahlbare Wohnungen? Was ist sozialer Wohnungsbau? Wenn man die 30 Prozent erreicht, ist das sehr gut. Aber: Wird das bei neuen Projekten mitgedacht und eingefordert? Ich meine: Da kann man noch eine Schippe drauflegen.

Sie haben noch das soziale Miteinander genannt: Was muss da konkret in Oberursel passieren?

RUNGE: In Oberursel gibt es zum Beispiel ganz viel Ehrenamtsarbeit. Es ist wichtig, diese zu unterstützen und sich als SPD zu vernetzen mit gesellschaftspolitischen Gruppierungen, Initiativen und Vereinen. Das Zweite ist, dass alle Menschen, die hier wohnen, an den Angeboten in der Stadt teilhaben können – unabhängig von Einkommen und Herkunft. Teilhabe, Integration und Bildung, das sind SPD-Themen. Niemand soll ausgeschlossen werden.

Die SPD hat eine vergleichsweise hohe Altersstruktur. Wie wollen Sie jungen Leuten schmackhaft machen, in die SPD einzutreten?

RUNGE: Man muss die SPD durch Beteiligungsformen für Nichtmitglieder öffnen. Das geht über Themen. Ich glaube, wir haben uns auch zu viel verwaltet. Die Meinungsbildung muss weg von Hierarchie und Gremien. Sie sollte in der Stadt stattfinden. Die SPD muss draußen präsent und ansprechbar sein, nicht nur in der Stadthalle und im Wahlkampf. Die Diskussion auf Bundesebene zum Thema Groko hat gezeigt, dass die SPD eine lebendige und streitbare Partei ist, die junge Leute interessiert.

Was ist noch denkbar?

RUNGE: Wir haben beispielsweise mit offenen Stammtischen angefangen für Interessierte, da kommen auch Nichtmitglieder, die politisch noch schnuppern, sich bei verschiedenen Parteien umschauen. Die SPD Oberursel soll für eine offene Debattenkultur stehen.

Letztlich müssen Sie aber Leute finden, die Mitglied werden, dauerhaft mitarbeiten und auch für die SPD werben . . .

RUNGE: Wichtig ist, dass der Wertekanon stimmt. Der Rest kann wachsen, muss aber nicht. Nicht jeder hat mit Familie und Arbeit die Zeit für die typische Vorstands- und Gremienarbeit. Es muss auch möglich sein, an Themen mitzuarbeiten. Jeder, der mitmachen möchte, soll sich beteiligen können.

Sie waren von der SPD als Stadträtin auserkoren, hätten höchstwahrscheinlich das Sozialressort übernommen. Doch dann scheiterte die Wahl Thorsten Schorrs (CDU) zum Ersten Stadtrat, und somit war der Plan der Koalition dahin, weil der weitere Stadtratsposten nicht neu zu besetzen war. Hat es daraufhin innerparteiliche Konflikte gegeben?

RUNGE: Nein.

Und schauen Sie den Koalitionspartner kritischer an?

RUNGE: Koalitionen sind Zweckbündnisse. Es lässt sich nicht klären, wer wie gestimmt hat, und letztlich ist es auch nicht zielführend. Es ist wichtig, jetzt an gemeinsamen Themen weiterzuarbeiten.

Wie sehr schmerzt Sie das heute noch?

RUNGE: Es handelt sich um ein demokratisches Ergebnis, das ich akzeptiere. Schmerzen ist das falsche Wort. Ich bedauere es. Ich hätte das wirklich gern gemacht und hätte auch Ideen gehabt, wie ich das gestalte.

Wie lang haben Sie gebraucht, das zu verarbeiten?

RUNGE: Für mich waren die Bündnisse von links bis rechts irritierender, die dazu geführt haben. Das war das, was mich beschäftigt hat.

Wem sollte denn da eins ausgewischt werden?

RUNGE: Da gibt es nur Vermutungen drüber. Aber geschadet hat es tatsächlich der SPD am meisten.

Die SPD will aber im hauptamtlichen Magistrat vertreten bleiben, muss einen aussichtsreichen Bürgermeisterkandidaten oder eine -kandidatin aufbauen, weil Amtsinhaber Hans-Georg Brum ja 2021 nicht mehr antreten will. Was muss der- oder diejenige mitbringen?

RUNGE: Es ist jetzt weder die Zeit noch der Ort, darüber nachzudenken.

Doch: Eine Partei, die Interesse daran hat, im hauptamtlichen Magistrat zu bleiben, macht sich jetzt schon Gedanken darüber . . .

RUNGE: Also für mich steht Herr Brum einerseits für Tradition, andererseits für eine moderne Stadt. Aus meiner Sicht sollte sich die SPD auch zukünftig so aufstellen.

Ihr Name wird in Sachen Kandidatur sehr, sehr hoch gehandelt . . .

RUNGE: So? Ich bringe mich für die SPD und ihre Inhalte ein, was ich jetzt über das Amt der Vorsitzenden tue.

Aus dem Amt der Stadträtin heraus hätten Sie ja auch gut als Bürgermeisterin kandidieren können. Sie sind zudem sehr präsent in der Stadt. Das legt ja nah, dass Sie Interesse haben.

RUNGE: Ich habe im Moment Interesse, die SPD zu vertreten, und habe Interesse an dem, was in der Stadt geschieht und bin präsent.

Würden Sie denn eine Kandidatur ausschließen?

RUNGE: Über eine Kandidatur entscheiden die Mitglieder, deshalb stellt sich mir die Frage derzeit nicht.

Wie stehen Sie zu Frankfurts Vorhaben, einen neuen Stadtteil nahe Oberursel und Steinbach zu schaffen?

RUNGE: Da bin ich ganz konsequent für einen Bau bis zur Autobahn. Das Thema ist wichtig – dass wir Wohnungen schaffen, da müssen wir regional denken. Trotzdem: Ein Heranwachsen bis an Oberursel würde die Stadt verändern.

Da vertreten Sie nicht die Linie von Herrn Brum, der die Autobahn nicht als Grenze definiert hat, sondern nur von einem freien Korridor spricht und mit Frankfurt verhandeln möchte.

RUNGE: Ich bin klar für eine Bebauung bis zur Autobahn. Trotzdem glaube ich, dass man mit dem Nachbarn sprechen muss. Wir können eine Position als Oberursel haben, aber wir müssen auch mit den Nachbarkommunen im Gespräch sein.

Ich frage nicht ohne Grund, schließlich stehen Sie zurzeit in Diensten der Stadt Frankfurt, in Diensten eines sozialdemokratischen Oberbürgermeisters und einer sozialdemokratischen Kulturdezernentin, also Ihrer Parteikollegen. Gibt es da keinen Interessenkonflikt?

RUNGE: Ich bin im Kulturbereich tätig, daher sehe ich inhaltlich keinen Konflikt.

In Oberursel entsteht oft der Eindruck, dass die hiesige SPD sehr nah an der Römer-SPD ist – der ehemalige Stadtverordnete Stefan Böhm-Ott zum Beispiel ist Referent von OB Peter Feldmann. Wie unabhängig ist denn tatsächlich die hiesige SPD von Frankfurt?

RUNGE: Sie ist komplett unabhängig. Die Stadtverwaltung Frankfurt hat 10 000 Mitarbeiter. Natürlich gibt es auch SPD-Mitglieder aus Oberursel, die dort arbeiten.

Das heißt, Sie als Oberurseler SPD-Vorsitzende versprechen, die Position „bis zur Autobahn“ zu vertreten?

RUNGE: Genau. Das sage ich für mich und als Vorsitzende.

Blicken wir zum Abschluss noch mal auf die Bundesebene: Worüber würden Sie bei einem Abendessen mit der designierten SPD-Vorsitzenden Andrea Nahles reden?

RUNGE: Über die Erneuerung der Partei, die für mich ein sehr wichtiges Thema ist, über das eigene Profil in der großen Koalition.

Worum beneiden Sie Andrea Nahles?

RUNGE: Sie ist mutig und durchsetzungsstark. Und die Farbe Rot steht ihr besser!

Und worum kann Andrea Nahles Antje Runge beneiden?

RUNGE: Darum, dass ich meinen Terminkalender noch selbst bestimmen kann.

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