Von einer schnellen Wiederaufforstung der Oberurseler Waldes hält Förster Luis Kriszeleit wenig.
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Von einer schnellen Wiederaufforstung hält Förster Luis Kriszeleit wenig.

Projekt Junge Zeitung

Interview mit Oberurseler Förster: "50 Prozent der Bäume sind geschädigt"

Förster Luis Kriszeleit erläutert Ursachen und Folgen des miserablen Zustands des Waldes

Oberursel - Die Zahlen erschrecken. Doch Oberursels Förster Luis Kriszeleit will im Interview mit Junge-Zeitung-Autorin Jennifer Cimring und Redakteurin Nadine Klein nicht nur klagen. Vielmehr sieht der Forstingenieur und Wildtierbiologe auch Chancen in der derzeitigen Situation, und er appelliert, dem Wald wieder mehr Respekt entgegenzubringen.

"Der Zustand des Waldes ist in weiten Teilen Hessens schlecht wie nie zuvor." So ist der Waldzustandsbericht 2020 überschrieben. Teilen Sie diese Aussage mit Blick auf den Oberurseler Forst?

Definitiv! 50 Prozent der Bäume weisen Schäden auf. Wir haben im Stadtwald einen Anteil an Fichten von 25 Prozent, davon haben wir drei Viertel verloren. Man kann insgesamt von einem Flächenverlust im Baumbestand von einem Viertel ausgehen. Im vergangenen Jahr haben wir 25 000 Festmeter an Schadholz eingeschlagen - mehr als das Fünffache des normalen Jahreseinschlags, der zwischen 3000 und 5000 Festmeter liegt.

Was sind die Ursachen dieser erschreckenden Zahlen?

Hauptproblem ist die Veränderung der klimatischen Verhältnisse. Wir kämpfen in den Sommermonaten mit Hitze und extremer Trockenheit. Hinzu kommt eine andere Verfügbarkeit von Wasser. Es gibt häufiger Starkregen, bei dem die ausgetrocknete Erde das Wasser gar nicht aufnehmen kann, so dass es oberflächlich abfließt. Außerdem nehmen Stürme zu. Und in den vergangenen beiden Jahren gab es wenig Schnee und Frost. Schnee schmilzt langsam, dringt in den Boden ein und durchfeuchtet ihn gut.

Besonders zu schaffen machen die klimatischen Veränderungen der Fichte . . .

Sie kommt besonders schlecht mit der Trockenheit klar und ist daher besonders anfällig für den Borkenkäfer. Normalerweise würde sie Harz produzieren und ihn damit verkleben. Doch dafür fehlt ihr das Wasser. Der Baum ist so geschwächt, dass die Käfer leichte Angriffsmöglichkeiten haben.

Wird es in 20 Jahren noch Fichten im Taunus geben?

Es wird sie definitiv noch geben, aber nicht mehr in Monokulturen wie heute. Die Fichte ist die Brotbaumart der deutschen Forstwirtschaft. Wir haben jahrelang gut von ihr gelebt, sie wurde von der Industrie gefordert und auch als Bauholz verwendet. Dabei ist sie relativ schnell wachsend mit einem Zielalter von 80 Jahren - bei Eichen etwa liegt dieses bei 250 bis 300 Jahren.

Welche Baumarten haben noch Zukunft? Wachsen bald Palmen im Oberurseler Stadtwald?

Wichtig wird die Mischung sein. Auf einer Fläche sollten wir mindestens vier verschiedene Baumarten setzen, damit wir eine Risikostreuung haben. Man kann aber momentan noch nicht sagen, welche Bäume profitieren und welche nicht. Wir können auch keine Bäume aus dem mediterranen Raum anpflanzen, da es im Winter zu Frostperioden kommen kann.

Das macht die Auswahl schwer . . .

Wir setzen weiter auf die heimischen Arten. Zwar können sich die Altbäume nicht mehr anpassen, aber deren Nachkommen stellen sich auf die veränderten Bedingungen mit weniger Wasser und langer Trockenheit ein. Eine Besonderheit im Oberurseler Stadtwald ist die Esskastanie, die sich als sehr klimastabil erwiesen hat. Im vergangenen Jahr haben wir als Hauptbaumart auf die Eiche gesetzt, die relativ gut mit dem Klima zurechtkommt, als Nebenbestand auf Linde und Hainbuche. Hinzu kommen Wildkirsche, Elsbeere und Speierling, die besser mit den klimatischen Bedingungen zurechtkommen. Unser Ziel ist ein naturnaher Mischwald. Man muss die momentane Situation auch als Chance dafür sehen, dass die fichtendominierten Monokulturen verschwinden und man die Möglichkeit hat, den Wald wieder so zu gestalten, wie er ursprünglich mal aussah.

Kann man Kahlflächen nicht einfach sich selbst überlassen? Irgendetwas wird sich dort schon aussäen und wachsen . . .

Eine Kahlfläche ist immer die schlechteste Ausgangsbedingung. Die Jungbäume sind Trockenheit, aber auch extremem Frost und Wind ausgesetzt, sie können nicht im Schutz von Altbäumen aufwachsen. Zu schnelle Aufforstungsmaßnahmen sollten nicht getroffen werden. Vielmehr sollte abgewartet werden, welches Potenzial die natürliche Verjüngung haben wird. Aufforstungsmaßnahmen sollten behutsam durchgeführt werden, da hohe Risiken eingegangen werden und enorme Kosten anfallen. Die Naturverjüngung eignet sich, wenn standortgerechte und vitale, qualitativ gut veranlagte Baumarten (Mutterbäume) als potenzielle Samenbäume vorhanden sind. Auf vielen Kalamitätsflächen in Oberursel kann auf die Naturverjüngung gesetzt werden, da der Oberurseler Stadtwald ein sehr breites Baumartenspektrum hat und somit viele potenzielle Samenbäume bietet.

Der Wald war über viele Jahre eine wichtige Einnahmequelle für die Kommunen. Damit scheint es derzeit und wohl auch künftig erst einmal vorbei zu sein.

Das stimmt leider. Oberursel hat 50 Prozent seiner Erlöse mit der Fichte generiert. Vor zweieinhalb Jahren lag der Fichtenpreis noch bei 95 bis 105 Euro für den Festmeter, aktuell sind es 35 Euro. In den nächsten Jahren ist nicht mit großen Gewinnen aus dem Wald zu rechnen. Im Gegenteil entstehen durch den starken Einschlag neue Kosten, da das Wegenetz leidet und teuer instandgesetzt werden muss. Zudem fallen die Kahlflächen für die nächsten 20 bis 50 Jahre aus. Wir müssen sogar Geld in die Hand nehmen, um diese Flächen neu zu begründen und zu pflegen, bis irgendwann wieder Holz rausgezogen werden kann. Das ist eine sehr dramatische Situation für viele Waldbesitzer.

Welche Folgen hat das Baumsterben für die Tierwelt?

Dem Wild bringt das Aus der Fichtenmonokulturen Vorteile, denn sie boten weder Deckung noch Nahrung. Die Verjüngung der Flächen bringt zunächst viel Nahrung und später auch Deckung. Für einen Großteil der Tiere verbessert sich das Habitat.

Da derzeit die Möglichkeiten der Freizeitgestaltung stark eingeschränkt sind, sind so viele Menschen im Wald unterwegs wie wahrscheinlich nie zuvor. Welche Folgen hat das?

Man kann verstehen, dass sich viele in der Natur erholen wollen. Das Problem ist, dass sich einige nicht an Regeln halten, nur an ihre eigenen Interessen denken, uneinsichtig sind und letztlich nur die Androhung von Strafen bleibt.

Können Sie Beispiele nennen?

Es fängt mit zurückgelassenem Müll an, über die Verschmutzung durch menschliche Exkremente - hinter jedem Holzstapel liegt etwas - bis hin zum Betreten von Naturschutzflächen. Autos fahren in den Wald, blockieren Zufahrtswege. Forstarbeiten werden gestört, da sich Menschen nicht an Absperrungen halten. Nicht zuletzt leidet das Wild, das durch viel mehr Hunde im Wald und durch Menschen, die nicht auf den Wegen bleiben, gestört wird.

Das Motto unseres diesjährigen Projekts Junge Zeitung ist: "Jetzt erst recht". Übertragen auf den Wald: Warum ist es jetzt erst recht so wichtig, etwas für die Wälder zu tun?

Viele Menschen bekommen derzeit mit, dass es dem Wald schlecht geht. Diese Aufmerksamkeit gilt es zu nutzen. Und es dauert, bis sich der Wald erneuert. Deswegen braucht man viel Geduld, auch Geduld dafür, dass der Wald sich selbst regenerieren kann.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Waldes?

Ich würde den Wald gerne wieder so natürlich sehen, wie er ursprünglich mal war - mit all seinen Schutz- und Nutzfunktionen. Von der Bevölkerung wünsche ich mir mehr Respekt vor dem Wald, vor Rückzugsräumen, in die Menschen nicht vordringen sollten, und vor natürlichen Prozessen und dass man ihm die Chance gibt, sich zu erholen.

Was kann jeder Einzelne von uns für den Wald tun?

Jeder kann beim Einkauf darauf achten, Holzprodukte aus nachhaltiger Bewirtschaftung zu kaufen, und nicht die billigen Produkte, für die letzte Urwälder in Polen oder Rumänien abgeholzt werden. Die Ressource Holz sollte wieder mehr wertgeschätzt werden - Holz ist der CO2-Speicher -, die Preise sind meist zu niedrig.

Nennen Sie uns zum Abschluss bitte drei Punkte, weshalb der Wald so wichtig für uns ist.

Der Wald ist Sauerstofflieferant und Kohlenstoffspeicher. Er bietet frisches Wasser, nachwachsende Rohstoffe und Erholung. Der Wald ist eine wichtige Grundlage des Lebens!

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