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?Wohnzimmer im Freien?: Der Mangel an Wohnungen stand im Fokus der Podiumsdiskussion auf dem Vorplatz der Sankt Ursula-Kirche.

Bedarf wächst ständig

Wie kann mehr Wohnraum in Oberursel geschaffen werden?

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Dass Wohnungen rar und teuer sind, ist ein wirtschaftliches und ein gesellschaftliches Problem. Es kann nur mit vereinten Kräften gelöst werden, darüber waren sich die Teilnehmer der Podiumsdiskussion vor der St.-Ursula-Kirche einig.

In dem „Zimmer auf der Straße“, das St.-Ursula-Gemeinde und Caritas im Schatten der Kirche aufgebaut hatten, stand eine Couch zum Ausruhen und Austauschen. Die Festbesucher interessierten sich zwar in erster Linie für die dort ausgehängten Neubaupläne der Stadt. Für Pastoralreferent Christoph Reusch war es dennoch eine gute Möglichkeit, im Anschluss an die Podiumsdiskussion zum Thema „Grundrecht auf Wohnen“ von St.-Ursula-Gemeinde und Caritasverband Hochtaunus, moderiert von Anja Dürringer, ins Gespräch zu kommen.

Die Frage: „Wo wohnst Du denn so?“, beantworten immer mehr Menschen nicht gerne. Weil sie beengt wohnen, lange auf der Suche nach neuen Räumen sind oder sich die zu ihrer familiären Situation passenden nicht leisten können. Sie haben nur noch eine Lektüre: Wohnungsanzeigen, stehen bei Besichtigungen mit bis zu 100 Interessierten in Konkurrenz und erleben, dass Vermieter bei jedem neuen Vertrag weiter aufschlagen. Davon berichteten Narges Razai, die seit langem auf der Suche ist, und Johannes Ernst, der eine bezahlbare Vier-Zimmer-Wohnung braucht, weil seine Familie sich vergrößert hat, bei der Podiumsrunde.

Caritas-Leiter Ludger Engelhardt-Zühlsdorff bedauerte, dass seine Einrichtung zwar Notfallhilfe in finanziellen Schieflagen leisten könne, viel mehr aber nicht. Eine frustrierende Situation, die so nicht abzusehen war, versichert Bürgermeister Hans-Georg Brum (SPD). „Bis vor drei Jahren gingen Prognosen davon aus, dass die Bevölkerungszahlen in der Region sinken.“ In Frankfurt lebten heute 100 000 Einwohner mehr als angenommen. Oberursel habe Mitte der 1990er Jahren 100 Sozialwohnungen verkauft, was er kritisch gesehen habe. Der Rathauschef verweist darauf, dass Oberursel nur „ein kleiner Player“ im Rhein-Main-Gebiet sei. Die Stadt könne nur dort Einfluss nehmen, wo sie einen Hebel ansetzen könne. Für den Norden bestehe Planungsrecht, so dass die Baugesellschaft nicht auf die Stadt angewiesen sei. Dennoch sei vorgesehen, ein Drittel der 65 bis 70 Wohnungen mit bis zu 10 Euro pro Quadratmeter, aber auch Sozialwohnungen für höchstens 7,50 Euro anzubieten.

Bürger, die dort schon bis zu 70 Jahre wohnen, wollen die innerörtliche Nachverdichtung mit weiteren Wohnblöcken nicht und haben eine Bürgerinitiative (BI) gegründet. „Wir fühlen uns nicht ernst genommen“, klagte Mitglied Patrick Jandausch. Dass Bäume ohne vorherige Information der Anwohner abgeholzt wurden, ist für ihn Vorsatz. „Uns fehlt die Transparenz.“ Nach Meinung von Angelika Stübner passen weitere Häuser nicht auf das Areal, die BI sorge sich um Verkehr, Parkplätze, Natur, aber auch um die Gemeinschaft der Bewohner.

Brum betonte, dass er die Bürger durchaus ernst nehme, unterstrich aber, dass deren Argumente auf jedes andere Planungsgebiet zutreffen könnten. Das zeige die Interessengruppe in Bommersheim, die sich gegen den Bau von 22 Wohneinheiten wende. Für die Politik sei die Verdichtung und die Arrondierung des Stadtrands an einigen Stellen aber der einzig gangbare Weg. Die Stadt könne nicht, wie ein Zuhörer forderte, die Grundsteuer erhöhen oder Steuern auf Leerstände einführen.

Aber Wohnungen müssen her, denn an die Alternative möchte auch der Caritas-Chef nicht denken: Wohnungssuchende auf wenig besiedelte Regionen etwa im Vogelsberg zu verweisen. Die Folge wären breite Trassen, um die Menschen zur Arbeit zu bringen. Edeltraud Lintelow, Leiterin Pflege und Betreuung der Caritas, erlebt das Problem hautnah: „Wir könnten Pflegekräfte einstellen, wenn wir Wohnungen für sie hätten.“ Mit deren Gehalt, aber auch dem Lohn von Polizisten oder normalen Angestellten, seien 14 Euro und mehr pro Quadratmeter nicht zu bezahlen. Ihr ist wichtig, dass Arbeit, Leben und Familie weiterhin unter einen Hut zu bringen sein müssen.

Ihre Pflegekräfte stellten bei ihrer Arbeit fest, dass ältere Menschen in zu großen Wohnungen lebten. Um daraus neuen Wohnraum zu generieren, ist in Friedrichsdorf ein Projekt zum Thema gemeinsames Wohnen angelaufen: Senioren vermieten Zimmer an Auszubildende oder Studenten, die ihnen neben der Miete zur Hand gehen. Am Ende waren die Teilnehmer der Runde einig, dass die Wohnungsnot nur durch Bündelung der Kräfte gemeinsam gelöst werden könne.

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