Die Corona-Pandemie ist für jeden eine Herausforderung. Gerade auch für Beziehungen. In einer in Oberursel entwickelten App finden Paare Rat, bei denen es in er Beziehung kriselt.
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Die Corona-Pandemie ist für jeden eine Herausforderung. Gerade auch für Beziehungen. In einer in Oberursel entwickelten App finden Paare Rat, bei denen es in er Beziehung kriselt.

Gegen Beziehungsknatsch

Krisencoach fürs Handy aus Oberursel

  • vonManuela Reimer
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Ralf Hofmann und Felix Heller entwickeln eine App, die bei kriselnder Partnerschaft hilft.

Corona und kein Ende - in Monat 14 der Pandemie "liegen die Nerven in vielen Beziehungen blank", weiß der Oberurseler Coach Ralf Hofmann, der Paare berät, bei denen es kriselt. 24 Stunden an sieben Tagen in der Woche aufeinander zu sitzen, zwischen Homeoffice, Hausarbeit und Homeschooling, das werde für viele Paare zur Belastungsprobe. "Kleinigkeiten, die beide vorher weggelächelt haben, nerven plötzlich. Hat er schon immer beim Kochen die ganze Küche verwüstet? Hat sie schon immer so viel genörgelt? War unsere Partnerschaft schon immer so langweilig, öde und unspektakulär?" Es werde stiller in deutschen Schlafzimmern, "stattdessen wachsen Streit und Frust".

Die App "Beyond Breakup", die Hofmann gemeinsam mit seinem Frankfurter Kollegen Felix Heller auf den Markt gebracht hat, soll Abhilfe schaffen. "Wir können nicht die beste Freundin ersetzen oder das Kumpel-Wochenende, das nicht stattfindet. Komplett zerrüttete Beziehungen kitten, das geht auch nicht - aber die App kann helfen, Symptome zu lindern und Beziehungen wieder in Balance zu bringen, bevor das Paar vor einem Scherbenhaufen steht", erklärt Hofmann. "Es geht darum, verschüttete Qualitäten bei sich, beim anderen und in der Beziehung neu zu entdecken, damit die Momente der Harmonie zunehmen. Nebenbei kommt man aus der Spirale von Schuldzuweisung, Verzweiflung und Verbitterung wieder ins positive Erleben und Handeln."

Hofmann ist gelernter Krankenpfleger. "Während der Ausbildung, im Schwesternwohnheim, kamen die Mädels alle immer zu mir, wenn es ihnen nicht gutging, wenn sie Liebeskummer hatten. Der Coach scheint mir im Blut zu liegen", lacht der 50-Jährige. Sechs Jahre hat er in dem Beruf gearbeitet, dann wechselte er in den Medizintechnik-Vertrieb.

Die Fortbildung zum Coach: für ihn ein "logischer Schritt". "Man lernt, wie man mit stressauslösenden Situationen umgeht und wie man andere dabei unterstützt. Wenn ich das alles früher gewusst hätte! Meinen ganzen Kummer in Beziehungen, aber auch die Trennungssituationen, das hätte ich alles als nicht so gravierend wahrgenommen" - und die App-Idee war geboren.

Innere

Barrieren

"Das ist eine Mission für mich, das fühlt sich gar nicht an wie ein Business", sagt Hofmann. Lange habe er den Gedanken mit sich rumgetragen. "Da waren innere Barrieren: Man kann doch so etwas in einer App gar nicht darstellen, das möchte sowieso keiner..." Sein Mitstreiter Heller habe ihm immer wieder Mut gemacht. "Nach drei Jahren sind wir dann den Schritt gegangen: 2019 ging es los mit der konkreten Entwicklung", berichtet der 39-Jährige, der als IT-Projektleiter gearbeitet hat, bevor er sich zum Coach ausbilden ließ. Es war ein Sprung ins kalte Wasser: "Wir haben unsere Ersparnisse investiert und sind ins Risiko gegangen."

Mit der technischen Umsetzung haben sie eine professionelle Agentur beauftragt, nachdem klar war: Man kann eine App genau so designen, wie die beiden Gründer es sich vorgestellt hatten. Hofmann: "Wir haben mit unserem Konzept im Vorfeld einen Förderbonus gewonnen, den die Berliner Wirtschaftsförderung ausgeschrieben hatte, für die Entwicklung des Designs." Als es losging mit Corona, habe man den Entwicklern Druck gemacht, die App sollte fertig werden. Seit einem Jahr kann man sie nun aufs Endgerät herunterladen - ein "umfangreiches Angebot" sei kostenlos, mehr Inhalte gebe es im sechsmonatigen Abo für einmalig 49 Euro -, was schon 4500 Frauen und Männer getan hätten. 750 davon nutzten sie aktiv.

"Das läuft kostendeckend. Wir machen kein Marketing, das ist ein Nachteil - da fehlt einfach die Reichweite", sagt Hofmann, der stolz darauf ist, dass die App kürzlich von Apple gefeatured worden sei, also vorgestellt wurde. "Die haben sich bei uns gemeldet, weil sie das Thema spannend fanden." Auch wenn es schwer greifbar sei: "Es geht um Gefühle, um subjektive Zustände. ,Wir sind der Coach für die Hosentasche und du fühlst dich hinterher besser' - das lässt sich nicht in Zahlen ausdrücken und ist gar nicht so leicht zu vermitteln", so Hofmann. Am Bedarf ändert das freilich nichts: Seit Ende 2020 gehe es "spürbar voran". Am Anfang sei der Lockdown für viele noch ein Abenteuer gewesen - "jetzt ist der Druck größer, die Probleme treten viel stärker hervor".

Wer die App öffnet, wird erst einmal gefragt, wie es ihm geht, kann dann zum Beispiel mit einer zweiminütigen Meditation in den Tag starten. Außerdem gibt es eine Tagebuchfunktion, einen Blogartikelbereich und kurze Übungen für den Alltag, viele sollen das Selbstwertgefühl stärken. "Wenn ich glücklich und zufrieden bin, dann wirkt sich das auch auf mein Umfeld und eben meine Beziehung aus", weiß Hofmann. "Beide müssen die App gar nicht nutzen, damit sich etwas verbessert." 67 Prozent sind Nutzerinnen, auch das spuckt die Statistik von Apple aus. "Alle persönlichen Daten bleiben auf dem Handy", unterstreichen die Gründer - anonym sind auch die wöchentlichen Webinare, die sie für alle Nutzer der App anbieten. "Dabei können auch die besonders brennenden Fragen gestellt werden."

Dafür, dass sie am Anfang stünden, sei die Resonanz sehr positiv, freuen sich die beiden. Aktuell baue man eigene Entwicklerkompetenzen auf, um auch eine Android-Version zu realisieren. "Und es gibt ganz viele Ideen, was man noch in die App einbringen könnte - die liegen schon in der Schublade."

Manuela Reimer

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