Vielleicht steht keine andere Person für den Fußball-Club Oberursel wie sie: Maria Madl war 36 Jahre lang die Fleißbiene des Vereins.
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Vielleicht steht keine andere Person für den Fußball-Club Oberursel wie sie: Maria Madl war 36 Jahre lang die Fleißbiene des Vereins.

FC Oberursel

Maria Madl geht in den sportlichen Ruhestand

  • VonWolfgang Bardong
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Originale sind eine Spezies Mensch, die sich von vielen anderen abheben, allerdings in der heutigen Zeit immer seltener werden. Der FC Oberursel hat gestern ein solches Original verloren – aber nicht ganz.

Trainer, Spieler, Vorstände: Viele hat sie kommen und viele gehen sehen. Hat Woche für Woche und Spiel für Spiel über viele Jahre ihre Frau gestanden. Mit Rat, vor allem aber mit Tat. Und sich immer in den Dienst des FC Oberursel gestellt. Rund um die Uhr. Damit ist seit gestern Abend Schluss: Maria Madl trat im Rahmen der Jahreshauptversammlung des Traditionsclubs von der Stierstädter Heide nach sage und schreibe 36 Jahren als Mädchen für alles in den „sportlichen Ruhestand“.

Im normalen Leben hat sie den Ruhestand schon vor mehr als zwei Jahrzehnten erreicht. Die gebürtige Stierstädterin ist 87 Jahre alt. In Herz und Kopf aber viel, viel jünger. Da könnte sie ihre eigene Tochter sein.

Resolut, geradlinig, echt und unverfälscht. Hier mal eine sportliche Analyse, mit der sie den Nagel auf den Kopf trifft – dort mal ein durchaus derber, aber doch so passender Spruch. Dabei aber stets sich wohltuend zurücknehmend und den Mittelpunkt anderen überlassend: So war Maria Madl 1979 bei ihrem ersten Kontakt zum FC 04 Oberursel, als sie ihren 13 Jahre alten Sohn Carol zum Training anmeldete. So war sie im September 2001, als sie zur Einweihung einer neuen Flutlichtanlage auf der „Heide“ die Offenbacher Kickers als prominenten Gegner des FC verpflichtet oder aber die traditionsreichen Heide-Cup-Turniere mitorganisiert hatte. Und so ist sie auch noch heute. Und darum wird sie nicht nur auf dem heimischen Platz oberhalb Oberursels, sondern auf allen Plätzen dies- und vielen jenseits des Hochtaunuskreises mit Kusshand begrüßt.

„Wenn ich zum Sportplatz komme, dann geben mir die Spieler die Hand, fragen nach, wie’s mir geht – das zeigt mir, dass ich immer dazugehört habe“, sagt Maria Madl. Ob mit ihrem ersten Auto, einem Fiat 600, oder aber mit ihrem mittlerweile „20. und mehr“ Untersatz, einem silbergrauen Mercedes A: Die Maria aus Orschel, die mit 31 ihren Führerschein gemacht hat („Ich bin auch heute noch keine langsame, sondern eher zügige Fahrerin“), ließ ihre Oberurseler Fußballbuben nie alleine zu den Spielen fahren. Vielmehr durchlief sie mit ihnen alle Höhen, und erst recht die Tiefen.

1980 war sie dann offiziell dem FC Oberursel beigetreten: „Vom ersten Tag an war ich mit der Jugendbetreuung betraut worden“, erinnert sie sich an ihre Anfänge, als sie die elf bis 13 Jahren alten Fußballjungs des FCO unter ihre Fittiche genommen hatte. Und dabei auch als Betreuerin in den Genuss eines Trips in die USA kam.

Für sie, die sich als „leidenschaftlichen Eintracht-Frankfurt-Fan“ bezeichnet, wurde aus der reinen Fußballbetreuerin schnell mehr: „Im Oktober 1980 trat ich in die Gymnastik, eine damalige Sparte beim FC, ein. Im darauffolgenden Jahr wurde ich dann in den geschäftsführenden Vorstand gewählt“, sprudelt es aus der quirligen, rüstigen Dame mit dem Herz auf der Zunge nur so heraus.

Waschen, backen, putzen

16 Jahre Schriftführerin, 25 Jahre Jugendarbeit im Verein, ja sogar 34 Jahre lang Kassenverwalterin in der Abteilung Gymnastik: „Seit 1981 habe ich in sämtlichen Abteilungen des FC mitgeholfen. Wo es auch gebrannt hat – mit mir konnte man immer rechnen. Was ich in all den Jahren geschafft habe, das wahrscheinlich glaubt kein Mensch. Ich habe mich aber vor keiner Arbeit gescheut.“ Und damit ist alles vom Kassenprüfen über Trikots waschen und bügeln, Kaffee kochen, Kuchen backen zu den Heimspielen (ob Käsetorte, Pflaumen- oder Erdbeerkuchen, immer hatte sie die Kicker mit einer anderen Belag überrascht) gemeint – bis hin zum Toiletteputzen. An den meisten Sporttagen auf der Stierstädter Heide sei sie „die Erste – und auch die Letzte gewesen, die dann abends abschließt“.

Dabei hatte sie sich als eines von drei Geschwistern (sie hat noch zwei Brüder, darunter Emil Flohr, den früheren Spielausschussboss des FV Stierstadt) zunächst gar nicht für den Fußball begeistert. Stattdessen schlug ihr Herz als junge Dame unter 20 für pfeilschnelle Autos, Räder und Motorräder. „Es war das Jahr 1947, als ich mich so richtig für Auto- und Motorradrennen zu begeistern begann. Da war ich Feuer und Flamme. Ob in Stuttgart, am Hockenheimring, in Schotten, auf dem Feldberg oder sonst wo in Deutschland: Mit meiner Freundin Irene habe ich damals kein Rennen verpasst. Auch bei den Sechs-Tage-Rennen in der Frankfurter Festhalle war ich immer dabei.“

Zwei Herzen schlagen. . .

Zehn Jahre später begann dann ein zweites sportliches Herz in der Brust der einst auf der Frankfurter Zeil im Fernmeldeamt beschäftigten, gebürtigen Maria Flohr zu schlagen: Dieter Lindner, Istvan Sztani, Eckehard Feigenspan, Alfred Pfaff: „Ja, die Eintracht hatte es mir damals angetan.“

Daran hat sich bis auf den heutigen Tag null Komma nichts geändert. Ob Bundesliga oder aber auch Champions League – König Fußball ist im Hause von Maria Madl stets gern gesehener Gast. Lacht die 87-Jährige herzhaft: „Ich bin Eintracht-Fan, meine Enkel stehen auf Bayern München und Borussia Dortmund. Gut, dass wir vier Fernseher im Haus haben.“ Josef, ihr bereits 1995 verstorbener Ehemann, habe sich nie für Sport interessiert: „Wenn ich aber zu den Radrennen fuhr, war er immer einverstanden und hat sich meiner Vorliebe nie in den Weg gestellt.“

1965 wechselte sie dann von der Zeil nach Bad Homburg und war in der Bundesschuldenverwaltung tätig – sieben Jahre lang. Dann sattelte sie abermals um und arbeitete bei der Stadt Oberursel. Aktiv Sport treiben konnte sie nur höchst begrenzt: „Seit meinem 13. Lebensmonat litt ich an Kinderlähmung. Mehr als Radfahren war für mich leider nicht möglich“, erinnert sie sich. Die Liebe zum Sport entflammte wohl durch ihren Bruder Emil – vor allem für den Fußball, aber auch fürs Kunstradfahren. Eins ihrer größten Highlights als Betreuerin der FCO-Buben verbindet Maria Madl mit dem Jahr 2007: „Nach 25 Jahren Jugendarbeit lief meine G-Jugend bei einem Heimspiel der Eintracht mit ein. Das bleibt für mich unvergesslich.“

Wie für viele „ihrer“ Jungs stets in bleibender Erinnerung bleiben wird, wenn sie dank „der Maria“ Trainingsanzüge gespendet bekamen, von ihr auf die Skateanlage begleitet wurden oder es zum Bowlen nach Oberstedten ging.

Die große Freundin

Wenn sie nun auch gestern Abend – von so manch verdrücktem Tränchen begleitet – ihren offiziellen Abschied beim FC bekannt gegeben hat, der ja inzwischen zusammen mit den Young Boys spielt, so steht für sie aber fest: „Ich werde auch weiterhin dem Verein die Treue halten und bei den Spielen vorbeischauen. Auch auswärts.“ Aber eben nicht mehr als das Mädchen für alles, sondern als große Freundin. Es ist einfach an der Zeit, aufzuhören. Dieses Gefühl wurde Maria Madl in den vergangenen Wochen nicht mehr los.

Bei allem Lorbeer, den sie sich über all die Jahre als Fleißbiene verdient gehabt hätte, bleibt Maria Madl bescheiden und mit beiden Füßen auf dem Teppich: „Nein, Lorbeeren brauche und will ich nicht. Und ich werde auch garantiert nicht mit einer Verdienstmedaille um den Hals rumrennen.“

Wie sie sich eigentlich bis ins hohe Alter ihre Fitness bewahrt habe? Maria Madl denkt nach: „Vielleicht habe ich einfach nur gute Gene. Aber die vielen unterschiedlichen Tätigkeiten im Verein haben sicherlich auch viel dazu beigetragen, dass ich so bin, wie ich heute bin.“ Von Nacken- oder Rückschlägen gesundheitlicher Art habe sie sich nie unterkriegen lassen: „Hinfallen ist das Eine – wieder auf die Beine kommen das Andere. Das habe ich noch immer hingekriegt.“

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