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Mit Schwert, Schild und Kirschbier

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Von: Florian Neuroth

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Nichts für schwache Nerven war die Feldschlacht auf dem Turnierplatz. Die Schilde voraus gingen die Kämpfenden mit gezückten Schwertern und Speeren aufeinander los und versuchten, die gegnerische Linie zu durchbrechen.
Nichts für schwache Nerven war die Feldschlacht auf dem Turnierplatz. Die Schilde voraus gingen die Kämpfenden mit gezückten Schwertern und Speeren aufeinander los und versuchten, die gegnerische Linie zu durchbrechen. © flon

Zwei Jahre musste das Spektakel ausfallen, jetzt "feyerten" Mittelalter-Fans wieder "feyern" in Oberursel - der "Plage zum Trotze".

Laut tönt die Stimme Ludwigs des Enterbten übers Festgelände. "Volk! Höret!", ruft der Mann im bunten Wams. "Wir haben hier Rebecca, die größte Sünderin", verkündet er pathetisch und zeigt auf eine Dame, die er am Strick durch die Massen führt. Das "Weibsstück", es werde nun "bestraft, massakriert, gevierteilt. Kommet herbei, gleich wird's schrecklich", lassen die Worte des selbst ernannten "letzten hauptberuflichen Henkers in Deutschland" Unheil vermuten.

Schnell bildet sich eine Traube. Schließlich wird der Gerechtigkeit nicht alle Tage so öffentlich Genüge getan wie an der Wasserguillotine. Zur Freude der Umstehenden und insbesondere ihrer beiden Freundinnen, die sie beim Henker angeschwärzt hatten, plumpst die "Unglückliche" von einer Art Schaukel in den Wassertrog. Natürlich passiert ihr nichts Schlimmeres. Und die kleine Abkühlung dürfte der "Delinquentin" bei den sommerlichen Temperaturen vielleicht sogar willkommen gewesen sein.

Und so rasch das gaffende Volk zusammengekommen war, so flugs entschwinden die Schaulustigen in alle Winde. An Attraktionen mangelt es nämlich nicht auf den Wiesen am Bachpfädchen. Dort hat - "der Plage zum Trotze" - der Mittelalterverein "Ursellis Historica" zur "Oberurseler Feyerey" geladen. Nach zwei Jahren, in denen "die Pestilenz" das Fest verhinderte, stehen die Buden und Lager der zahlreichen Händler, Gastronomen und Mittelalter-Gruppen am Wochenende wieder dicht an dicht auf dem Gelände und sorgen für ein kunterbuntes Allerlei kurzweiliger Vergnüglichkeiten.

Alte Handwerkstechniken

So finster, wie oft angenommen, war das Mittelalter nämlich nicht. An 41 Ständen präsentieren Handwerker, Hökerer und Händler ihre Waren und gewähren Einblicke in alte Handwerkstechniken. Es gibt edles Kunsthandwerk, geheimnisvolle Baumperlen, orientalische Aladinschuhe, mittelalterliche Gewänder, Schwerter, Bögen, Tuche, Töpfe, Gegrilltes und Gesottenes, Kirschbier und Met, eine Falknerei-Ausstellung, Schmiedevorführungen, Mitmachtänze, Livemusik, Märchenstunden und vieles Weiteres.

Diese Vielfalt, das "Leben von Menschen, nur zu einer anderen Zeit", sei das Schöne am Mittelalter, sagt Andre Ruck. Er mimt auf der "Feyerey" den "Herold Colonia" und meint: "So findet jeder an etwas Gefallen und hat seine Nische." Für Timo Cantarero ist das die Kampfeskunst. Als Mitglied der "Ursellis"-Kämpfergruppe übt er sich im historischen Fechten. "Das Mittelalter macht einfach Spaß. Ich mag es zu kämpfen, mich anders anzuziehen und mal weg von der Moderne zu kommen", sagt er. Gemeinsam mit seinen Kollegen und weiteren Kämpfern aus anderen Gruppen zieht er auf dem Turnierplatz in die "Feldschlacht". Die Waffen gezückt gehen die Männer und Frauen aufeinander los. "Linie aufbauen, ausrichten, Aufstellung, Attacke, los, los, los", erschallen die Kommandos, bevor die Schwerter und Schilde mit Karacho aufeinanderprallen.

Ein Spinnrad als Erkennungszeichen

Deutlich entspannter, aber nicht minder prickelnd geht's im Lager der "Fuchsmädchen von Amentia" zu. Seit 15 Jahren sind die Damen auf Mittelaltermärkten unterwegs und erinnern in ihrem Zelt ans älteste Gewerbe der Welt. "Ritter nimmt man uns nicht ab. Für Frauen bleiben nur Nonnen oder eben die Hübschnerinnen. Das Zweite erschien uns lustiger", sagt Sabrina Garcia Sanchez. Ebenso wie ihre Mitstreiterinnen trägt sie zum selbst gefertigten Gewand eine hellgelbe Kopfbedeckung, Schellenband, ein aufgenähtes Spinnrad und den Fuchs als Wappentier. "Wir stellen Frankfurter Hübschnerinnen dar und orientieren uns am historischen Vorbild. Das gelbe Spinnrad war ein Erkennungszeichen, damit das feine Volk sich fernhalten konnte", erläutert Kollegin Michaela Herschel.

Die Frauen sind nicht die einzigen, die übers Wochenende in Oberursel "lagern". Mehrere Dutzend Zelte sind auf den beiden Wiesenstücken neben dem Haupt-Festgelände aufgebaut. Holger Triefenbach alias Holger vom Triffensteyn sitzt mit seiner Familie und weiteren Kollegen der Gruppe "Duo Rota - fahrende Gilde zu Tauna" inmitten hölzerner Tische und Bänke. Auch Krüge, Hörner, flauschige Felle und allerhand weitere mittelalterliche Utensilien sind da zu bewundern. Größtenteils seien die Sachen selbst gemacht, sagt der Köpperner. Und: "Zwei Tage lang leben wir wie im Mittelalter." Smartphones sind tabu, gelaufen wird barfuß und gekocht wird über der Feuerstelle. "Das ist ein ganz anderes Lebensgefühl. Du glaubst nicht, wie das entschleunigt", sagt er. "Eskapismus pur", findet eine Besucherin und auch in der Grafentaverne wird die Faszination des Mittelaltermarktes so erklärt. "Es geht darum, aus dem normalen Leben herauszukommen", meint Sebastian Grützmacher alias "Master Silver, Quartiersmeister der Black Sails". Mit einigen weiteren Mitgliedern der Gruppe "Freye Gefolgschaft zum Hayn" genießt er neben dem Tavernenstand Kirschbier und Dunkles. Ebenso wie Daniel "Lotterpfaffe Bruder Daniel" Weiser kommt er seit "zig Jahren" zur "Feyerey" und freut sich sehr, dass es wieder weitergeht. "Für uns sind die Märkte ein geschützter Raum und Ausgleich zum Beruf. Das hat in den vergangenen beiden Jahren gefehlt", sagt Weiser und spricht damit wohl allen aus der Seele.

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