Martin Heinrichs, Joachim Dittmar, Horst Eufinger und Jutta Niesel-Heinrichs (v.l.) vor der Alten Schule und der evangelischen Kirche. In der Alten Schule war einst auch das Rathaus der selbstständigen Gemeinde Oberstedten untergebracht.
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Martin Heinrichs, Joachim Dittmar, Horst Eufinger und Jutta Niesel-Heinrichs (v.l.) vor der Alten Schule und der evangelischen Kirche. In der Alten Schule war einst auch das Rathaus der selbstständigen Gemeinde Oberstedten untergebracht.

Historischer Rundgang durch die Oberurseler Stadtteile

Oberstedten: Wo die Mühlräder eifrig klapperten

In Oberstedten waren die Mühlen über Jahrhunderte ein wichtiger Wirtschaftszweig.

Ausgangspunkt unseres Spaziergangs durch Oberstedten ist die Alte Schule in der Kirchstraße 34. Nicht ohne Grund: Zum einen ist der Bereich mit Alter Schule, evangelischer Kirche und der nahe gelegenen Alten Wache so etwas wie das kulturelle Zentrum des Stadtteils, zum anderen sind hier auch die Museumsräume des Vereins untergebracht. "Normalerweise können wir hier Besichtigungen nach telefonischer Anmeldung anbieten.

Aber derzeit macht uns Corona einen Strich durch die Rechnung", sagt Joachim Dittmar, Vorsitzender des Geschichts- und Kulturkreises, der zusammen mit Horst Eufinger (Zweiter Vorsitzender), Martin Heinrichs (Finanzen) und Jutta Niesel-Heinrichs (Öffentlichkeitsarbeit) den Rundgang zusammengestellt hat.

Doch schon der Blick auf die angebrachte Tafel an der Eingangstür zeigt, dass das Gebäude von zentraler Bedeutung für Oberstedten war: 1825 bis 1827 als Schule erbaut. Bis 1911 war es Bürgermeisterei und von 1966 bis 1972 auch Rathaus der selbstständigen Gemeinde Oberstedten.

Direkt gegenüber, Kirchstraße 21, stand einst eine von mindestens zwölf Oberstedter Mühlen, heute ist sie einem Privathaus gewichen. Die "Mühle im Gericht", wie sie genannt wurde, ist bereits für das Jahr 1492 belegt und war Bannmühle für Ober- und Niederstedten. Das heißt, die Bauern aus diesen Orten waren verpflichtet, hier ihr Getreide mahlen zu lassen.

Doch unser Weg führt weiter in Richtung evangelischer Kirche mit ihrem markanten Glockenturm, der in den 1950er Jahren den ursprünglich wesentlich niedrigeren Turm ersetzte. Von 1708 bis 1715 erbaut, löste sie die Vorgängerkirche ab, die 1229 erstmals erwähnt wurde. In der meist verschlossenen Kirche befindet sich eine romanische Grabplatte aus dem 12. Jahrhundert.

Es ist unklar, wem sie gewidmet ist. Denkbar wäre einem hohen Kirchenfürsten oder aber sogar Wortwin von Steden, der einst seinen Sitz in Oberstedten hatte, dann aber eine Burg errichtete, aus der sich daran anschließenden Siedlung sich die Stadt Homburg entwickelte. "Wir sind sozusagen die Mutter von Bad Homburg", sagt Horst Eufinger mit einem Augenzwinkern.

Im 15. Jahrhundert stand hier die Mühle im Gericht. Alle Ober- und Niederstedter Bauern waren verpflichtet, hier mahlen zu lassen.

Direkt hinter der Kirche zweigt der Fußweg nach rechts ab zum Alten Friedhof. Linker Hand lag dort die Spelzmühle (Am alten Bach 19-29), die von 1735 bis 1953 arbeitete. Auf dem Friedhof angelangt sehen wir linker Hand das Denkmal mit dem Reichsadler auf der Spitze, das 1876 im Auftrag der Gemeinde Oberstedten in Erinnerung an den Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 erstellt wurde. Das Denkmal ist in seinem den Krieg glorifizierenden Duktus ein typischer Ausdruck des damaligen Zeitgeistes.

Vom Denkmal aus gesehen rechts wenden wir uns dem Ausgang des Friedhofs zu und gehen auf der Straße Im Gartenfeld nach links bis zur nächsten Einmündung. Dort halten wir uns rechts und sehen bald darauf auf der rechten Seite vor einem Gebäude einen Mühlstein stehen. "Das war wohl ein Mühlstein für eine Pappenfabrik", sagt Joachim Dittmar, denn die Neumanns Mühle, die hier bis in die 1960er Jahre arbeitete, fertigte vor allem Kartonagen.

Weitere Rundgänge

Auf Spaziergängen durch Bommersheim, Oberstedten, Stierstadt und Weißkirchen erkunden wir die Historie von Oberurseler Stadtteilen. Das Thema im Überblick.

Der Betrieb der vielen Mühlen in Oberstedten war nur durch eine ausgefeilte Wasserbautechnik möglich. Dazu war ein fein verzweigtes Netz von Mühlgräben notwendig. Keine Mühle arbeitete am eigentlichen Bach, da dort die Wasserkraft fehlte. Das wird an dieser Stelle besonders deutlich, denn der eigentliche Dornbach plätschert über den gegenüberliegenden Schulhof und fließt unterhalb der Neumanns Mühle mit dem stark hangabwärts laufenden Mühlgraben zusammen.

Wir gehen hinter der ehemaligen Mühle den Fußweg rechts hinauf. Hier ist der Mühlgraben teils unterirdisch verrohrt, teilweise verläuft er offen. Weiter geht es auf einem unbefestigten Weg (für Reiter verboten). Linker Hand kann man noch die einstigen Streuobstwiesen erahnen. Schließlich gelangen wir zur Verlängerung Waldstraße und halten uns dort rechts in Richtung Gotische Straße.

Schlittschuhlaufen auf den Eistümpeln

Hier befinden wir uns direkt auf der Gemarkungsgrenze zwischen Oberstedten und Dornholzhausen. Unmittelbar vor der Schranke machen wir noch einen Abstecher nach links "in fremdes Territorium", auf Dornholzhäuser Gemarkung. Einem unbefestigten Weg folgend, stoßen wir nach 50 Metern auf einen Erdwall. Wenn man ihn erklimmt, schaut man in einen trockenen Tümpel. "Das ist ein Eisteich", sagt Dittmar. Dort seien die Oberstedter früher zum Schlittschuhlaufen gegangen. Insgesamt gibt es drei dieser künstlichen Kuhlen, in die früher Wasser geleitet wurde und wo im Winter, wenn sie zugefroren waren, das Eis für die Homburger Gastwirtschaften gebrochen wurde.

Aber zurück nach Oberstedten. Unmittelbar an der Ecke zur Gotischen Straße befindet sich die Reformhaus-Fachakademie. Gegründet wurde sie 1956 als Stiftung, um Mitarbeitern von Reformhäusern ganzheitliches Ernährungswissen zu vermitteln und eine naturheilkundliche Gesundheitsbildung zu fördern.

Im Auftrag der Gemeinde Oberstedten entstand das Denkmal an den Krieg 1870/71.

Zuvor war hier unter anderem ein Kinderkrankenhaus untergebracht. Viel bedeutender war aber die Nutzung durch die 1906 von Flora Geisenheimer zum Gedenken an ihre Eltern gegründete "Eduard und Adelheid Kann-Stiftung". Die Stiftung baute hier 1910 ein "Rekonvaleszentenheim für arme Israeliten". Doch seit 1933 nahmen die Repressalien durch die Nationalsozialisten immer weiter zu. Im Mai 1938 musste das Heim schließen. Im gleichen Jahr kam es zu starken Zerstörungen.

Wir gehen nun dem Lauf der Straße "Hasengärten" folgend bis zum architektonisch interessanten evangelischen Gemeindehaus "Siloah", biegen unmittelbar dahinter auf den Fußweg ab und halten uns weiter links, bis wir auf die Dornholzhäuser Straße stoßen. Dort steht heute "Friedenslinde". An gleicher Stelle wurde noch 1933 - wie auch andernorts im Reich - die Pflanzung der Adolf-Hitler-Eiche im Rahmen eines großen Festakts gefeiert. Recht schnell nach 1945 wurde der Baum sang- und klanglos niedergelegt und später die Friedenslinde gepflanzt. Nun wenden wir uns rechts und folgen der Saalburgstraße, bis wir wieder auf die Kirchstraße stoßen und unser Streifzug endet. Von Alexander Wächtershäuser

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