Erst im Oktober hat sich die Oberurselerin Annelie Eichhorn selbstständig gemacht: Die junge Gründerin coacht zum Beispiel Hausärzte oder Oberärzte im Krankenhaus, die lernen möchten, besser mit ihren Mitarbeitern, aber auch mit den Patienten zu kommunizieren.
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Erst im Oktober hat sich die Oberurselerin Annelie Eichhorn selbstständig gemacht: Die junge Gründerin coacht zum Beispiel Hausärzte oder Oberärzte im Krankenhaus, die lernen möchten, besser mit ihren Mitarbeitern, aber auch mit den Patienten zu kommunizieren.

Startup-Ideen

Oberursel: Bei Annelie Eichhorn lernen Ärzte Kommunikation

  • VonManuela Reimer
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Die eigene Idee umsetzen, die Dinge in die Hand nehmen, das Besondere anbieten - es gibt viele Motive für Gründer, ihr eigenes Unternehmen an den Start zu bringen. Annelie Eichhorn hat sich als Kommunikationstrainerin für Ärzte und medizinisches Personal selbstständig gemacht.

Oberursel -Vor ziemlich genau einem Jahr, am Silvesterabend 2020, hat sich Annelie Eichhorn etwas vorgenommen: für sich zu klären, ob sie es nun mit der Selbstständigkeit wagt, die ihr seit Jahren im Kopf herumschwirrte, oder lieber doch nicht. "Aber dass ich jetzt schon so weit bin, damit hätte ich gar nicht gerechnet."

Die 44-Jährige, die vor elf Monaten von Frankfurt in den Norden Oberursels gezogen ist, gehört zu jenen, die sich trauen, mitten in der Pandemie zu gründen: Seit Oktober ist Eichhorn nun selbstständig, bietet die Moderation von Veranstaltungen an, aber vor allem Coaching und Training von Fach- und Führungskräften in Kliniken, Arztpraxen und Apotheken.

Die gelernte Kinderkrankenschwester, die nach der Ausbildung noch studierte und Diplom-Politologin ist, hat ihre "Liebe in der Personalentwicklung gefunden", wie sie erzählt. 2005 und 2006, als ihre beiden Kinder zwei und vier Jahre alt waren, hat sie an der Wiesbadener Fachhochschule eine Coaching-Weiterbildung absolviert. "Wenn die Kinder mal groß sind, will ich mich selbstständig machen. Das habe ich damals schon gedacht."

Doch erst mal ging es um Sicherheit. Deshalb blieb Eichhorn angestellt, viele Jahre davon als Personalentwicklerin in der Krankenhausverwaltung. Dort tat sie genau das, womit sie sich jetzt selbstständig gemacht hat - sie beriet und trainierte das Klinikpersonal, vor allem zu den Themen Führung und Kommunikation, holte dabei immer wieder auch externe Fachleute ins Boot. Während Coaching in Topmanager-Kreisen oder im Spitzensport zum guten Ton gehöre, habe es sich in der Medizin erst durchsetzen müssen, weiß Eichhorn. "Oft denken Ärzte, sie müssten schon alles können."

Jede Oberärztin sei eine Führungskraft, jeder Hausarzt mit eigener Praxis ein Unternehmer. "Sie müssen dafür sorgen, dass es dem Personal gut geht. Wie übe ich Kritik? Wie gebe ich wertschätzend Feedback? Bin ich jemand, der alles durchdrückt, oder habe ich einen partizipativen Führungsstil? Diese Dinge lernt man nicht im Medizinstudium." Ebenso wenig, wie man zielgerichtet die Körpersprache einsetze. "Wenn ein Arzt die volle Aufmerksamkeit seines Patienten hat, weil er beispielsweise eine kurze Pause macht und sich aufrichtet, bevor er etwas Wichtiges mitteilt, gibt es hinterher auch weniger Nachfragen."

Externe Unterstützung

für die Gründung

Weil sie das Coaching am Frankfurter Uniklinikum implementierte, verlieh der Deutsche Bundesverband Coaching Eichhorn 2010 seinen jährlich ausgelobten Preis. Elf Jahre später ist der Nachwuchs erwachsen und Eichhorn macht Nägel mit Köpfen: "Anfang 2021 war ich noch in der Personalentwicklung und Personalleitung an einer Hochschule angestellt, diese Funktion habe ich zurückgegeben."

So, wie es Kundinnen und Kunden von Eichhorn tun sollen, nahm auch sie externe Unterstützung in Anspruch, nämlich die durchs Land und die EU geförderte Vorgründungsberatung der Beratungs- und Fortbildungsorganisation RKW Hessen.

Dort wurde der Existenzgründerin in spe ein Mentor zur Seite gestellt, der ihr dabei geholfen habe, ihr Ziel zu erkennen: "Die vergangenen vier Jahre war ich hauptamtlich an der Hochschule. Aber mein Herz schlägt fürs Gesundheitswesen. Mir wurde klar, dass ich wieder mit diesen Menschen arbeiten möchte, das ist meine Heimat."

Der Bedarf sei da - das hätten ihr nicht zuletzt Chef- und Oberärzte bestätigt, die sie in ihrer Idee bestärkten. Am Ende stand der Businessplan, auch dabei unterstützte sie der Profi. Eichhorn entwickelte ein Logo und ein Corporate Design, also das Erscheinungsbild ihres Unternehmens, ließ professionelle Fotos schießen für den Internetauftritt.

Von Ulrike Böhme, der Leiterin der städtischen Wirtschaftsförderung im Rathaus, habe sie wertvolle Kontakte erhalten. "Wir hatten ein tolles Gespräch", sagt die Gründerin. Auch an Bürgermeisterin Antje Runge (SPD) hatte Eichhorn sich gewandt, bekam ein Treffen in Runges Mittagspause und den Hinweis aufs Selbstständigenforum Fokus O.

Kontakte knüpfen und gut vernetzen

"Ich bin schon in zwei Säulen dabei gewesen, bei der Gesundheit und im Unternehmerinnennetzwerk, und habe erste Kontakte geknüpft." Nur: Nach wie vor ist Pandemie - ob das Gründen in diesen Tagen nicht ein ganz besonders riskantes Unterfangen ist? Eichhorn zitiert ihren Mentor: "Es gibt zwei perfekte Zeitpunkte, um sich selbstständig zu machen. Der eine ist vor zehn Jahren. Der andere ist jetzt."

Abgesehen davon habe die Pandemie ihr gezeigt, wie wichtig es sei, "für diese Branche gut zu sorgen". Eichhorn: "Viele ehemalige Kollegen im Krankenhaus schmeißen hin. Denen, die noch da sind, soll es doch so gut wie möglich gehen, das sind tolle Berufe in der Medizin und in der Pflege... Es ist das Richtige, diese Branche ist mein Schwerpunkt. Auch mit dem Wissen, dass es momentan nicht so viele Aufträge gibt." Sie hört dann: keine Zeit, wegen Corona. "Aber das spornt mich an, und ich muss ja keinen Druck machen, ich kann sagen, wir machen das im ersten oder zweiten Quartal, wir finden ein gutes Zeitfenster."

Um sich abzusichern, ist Eichhorn schließlich nach wie vor fest angestellt, in Teilzeit. "So kann ich meine Miete bezahlen und in Ruhe und geduldig mein eigenes Business voranbringen."

Und die Jungunternehmerin hat schon einiges erreicht: Zwei Vorträge, ein Auftrag, zwei Unternehmen wollen sie als freiberufliche Dozentin aufnehmen, wie sie zufrieden aufzählt. "Und: Ich bin schon gut vernetzt in Oberursel." Die Bezeichnung Coach sei nicht geschützt. "Viele nennen sich so." Auch deshalb laufe "ganz viel" über Empfehlungen oder persönliche Treffen. Die seien zurzeit schwierig - vor allem in den Arztpraxen soll ihr Unternehmen 2022 noch bekannter werden. Mit zwei Oberurseler Praxen wird sie demnächst schon arbeiten und hofft, weiterempfohlen zu werden.

"Ich kann mich ja nicht einfach in die Wartezimmer setzen und dann sagen, ,ich bin gar keine Patientin, was sind Ihre Themen?'", sagt Eichhorn und lacht. "Man muss die ersten 1000 Tage rechnen. Mein Ziel ist, durchzuhalten." Manuela Reimer

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