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Mehr als nur eine Buchhandlung in Oberursel: Marion von Nolting geht demnächst in den Ruhestand. 

25 Jahre

Das war's: Kult-Buchhandlung „Freude am Buch“ muss dichtmachen

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In Oberursel schließt die Buchhandlung „Freude am Buch“. 25 Jahre hatte die Inhaberin die Leitung des Ladens inne. 

  • In Oberursel muss eine Buchhandlung schließen.
  • Der Mietvertrag für „Freude am Buch“ ist ausgelaufen.
  • Inhaberin geht in den Ruhestand. 

Oberursel - Marion von Nolting schließt ihre Buchhandlung  in Oberursel (Hochtaunuskreis) und hinterlässt eine treue Stammkundschaft. Sachverstand und die "Freude am Buch" haben sie durch 25 wechselvolle Jahre getragen.

Das Telefon klingelt in regelmäßigen Abständen. Nein, Marion von Nolting kann keine Bücher mehr für ihre Kundschaft bestellen. Das Bedauern ist spürbar in den nun publikumsleeren Erdgeschossräumen der Kumeliusstraße 3. Was hier an sein Ende kommt, hat nichts mit den aktuellen Viruseinschränkungen zu tun. Aus Altersgründen schließt die Händlerin ihre Buchhandlung mitsamt dem angeschlossenen Antiquariat.

Oberursel: Der Mietvertrag für Buchhandlung „Freude am Buch“ ist ausgelaufen 

Dass es in den Aprilwochen nicht zur Lesung mit Peter "Pit" Knorr und dem angekündigten Ausverkauf kommt, hat dann doch mit Corona zu tun. Dennoch bleibt Hoffnung: Der Abschied soll in den Mai verlegt werden - wenn möglich. Zum Ende des Wonnemonats erlischt dann auch ein Mietverhältnis, das vor 25 Jahren - am 1. April 1995 - seinen Anfang in Oberursel genommen hat.

Der geplante Ausverkauf ist der Corona-Krise zum Opfer gefallen.

Damals hat Marion von Nolting den Laden in Oberursel mitsamt Antiquariat von Gunter Klärner übernommen. 1961 hatte der Vorgänger das Geschäft gegründet und im Parterre des mehrstöckigen Mietshauses etabliert. Noch immer ist der ursprüngliche Zweck der Räumlichkeit zu sehen: Hier sollte einst repräsentativ gewohnt werden - irgendwann wurden jedoch größere Fenster eingesetzt und eine Vitrine für Druckwerke im Hausgang installiert.

"Hier hat", sagt Marion von Nolting, "das Klima immer gestimmt." Eine Atmosphäre, die sich bis zur Stunde aus Kompetenz, Geduld und guter Laune speist. Alles sei abhängig von den beteiligten Personen, so die Bad Sodenerin. Natürlich habe es auch immer Debatten zum Verkaufssortiment gegeben. Die beiden Töchter Corinna und Nina haben der mütterlichen Buchhändlerin über lange Jahre den Rücken gestärkt, die Sechstagewoche arbeitend mitgetragen. "Wegen Urlaub hatten wir nie geschlossen."

Oberursel und Buchhandlung: „Die Freude am guten Buch“ hat geholfen

Nicht allein das Pensum hat während schwerer Buchhandelskrisen das Überleben gesichert, geholfen hat stets die Freude am guten Buch“. Gelobt wird allenthalben, was in der Kumeliusstraße 3 in Oberursel zu finden ist: von ausgewählter Belletristik über schöne Kinder- und Bilderbücher bis hin einer Auswahl famoser Postkartenmotive.

"Früher hatten wir hier viel mehr Lyrik und Philosophie - das lief aber immer schlechter", bedauert die 70-Jährige. Dennoch kam eine Änderung des Konzepts nicht infrage, wurden weder Schlüsselanhänger platziert noch Nippes versammelt. "Und gekocht wurde hier auch nie!"

Marion von Noltings Literaturparadies ist eine echte Buchhandlung geblieben, das Augenmerk gilt dem Niveauvollen, ja dem Schöngeistigen im besten Sinne. Die Kunden haben es mitgetragen, zu der angestammten Zielgruppe gesellten sich Neulinge und Neugierige, enge Bindungen entstanden.

Kurzum: Tradition, die nicht verstaubt, eine Aura, die unverwechselbar ist. Obwohl das im Nebenraum beheimatete Antiquariat mit seinen bibliophilen Schätzen mittlerweile nur noch als "Büchermuseum" gilt und kaum mehr eine wirtschaftliche Rolle spielt, trägt es doch wesentlich zu dem Zauber des Ortes bei.

Oberursel: Am Ende sind auch Tränen geflossen

Nun haben sich die Regale in Oberursel geleert, sind Tränen geflossen, steht eine "besenreine Übergabe" ins Haus. Erinnerungen an Lesungen mit der Satiriker-Riege Knorr, Poth und Zippert machen die Runde, an saisonale Vertreterbesuche und ein "behutsames Einkaufen" neuer Ware. "Es hängt doch viel dran."

Vielleicht ein Resümee zu einem Vierteljahrhundert Buchhandel? - "Das Geschäft ist branchenweit immer nüchterner geworden, der Enthusiasmus ging vielerorts verloren." Immerhin hätten sich aber in Oberursels Kernstadt - "eine großartige Sache" - drei Buchhandlungen über all die Jahre gehalten.

Ein Blick in die Regale noch. In der Abteilung "Feines, schönes Buch" stehen Tucholskys "1372 Fahrräder" ebenso im Vormittagslicht wie die hübschen Hefte der Amalienpresse. Vertraut glänzen benachbart die hellen Rücken der Diogenes-Taschenbücher, wo sich zu Fausers "Tournee" die "Rückkehr der Zeitmaschine" von Friedell gesellt. Ach ja. Man könnte versinken. Doch dann klingelt wieder das Telefon. 

Von Olaf Velte

Immer mehr Traditions-Läden müssen schließen. Kürzlich hatte es in Oberursel die „Franz Ruppel Bäckerei und Konditorei“ erwischt. Auch die Betreiberin Sabine Kuhlmann schließt nach 32 Jahren ihre Buchhandlung in Bad Homburg. Sie hat das Ende des Ladens kommen sehen.

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