Anlagenmechaniker Marcus Gößner von den Stadtwerken kontrolliert die großen Entsäuerungskessel in Oberursel.
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Anlagenmechaniker Marcus Gößner von den Stadtwerken kontrolliert die großen Entsäuerungskessel in Oberursel.

Trinkwasseraufbereitung

Oberursel: High-Tech im Wasserwerk

  • vonManuela Reimer
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Die Anlage an der Hohemark versorgt die Haushalte der Brunnenstadt Oberursel mit dem lebensnotwendigen Nass.

Oberursel -123 Liter Trinkwasser hat der Durchschnitts-Orscheler im vergangenen Jahr pro Tag verbraucht - der bundesweite Durchschnitt liegt vier Liter höher, dennoch kommt in der Brunnenstadt ordentlich was zusammen. Und eine große Rolle dabei, dass das frische, klare Nass jederzeit in gleichbleibender Qualität aus der Leitung sprudelt, spielt das zentrale Oberurseler Wasserwerk Hohemark im Heidtränktal, das jetzt Ziel der CDU-Ferienfraktion war.

Ein Dutzend Christdemokraten besichtigte die dortigen Wasseraufbereitungsanlagen, im Wald auf 355 Metern Höhe gelegen, die 80 Prozent der Gesamtversorgung sicherstellen. Und zwar mithilfe modernster Technik: Das Grundwasser wird nämlich nicht mehr nur entsäuert und mittels UV-Licht desinfiziert - es durchläuft auch die nigelnagelneue, 3,5 Millionen Euro schwere Ultrafiltrationsanlage, die feinste Partikel und Mikroorganismen entfernt und so die Effizienz steigert: Zu fast 100 Prozent könne das Rohwasser nun aufbereitet werden, erklärt Dieter Gredig, Technischer Leiter der Stadtwerke Oberursel, den Gästen.

Rund 2,4 Millionen Kubikmeter Trinkwasser liefern die Stadtwerke jährlich an den Bau und Service Oberursel (BSO), der damit die Endkunden versorgt. "Das Wasser hier stammt aus den Oberurseler Brunnen und Horizontalstollen im Berg", berichtet Gredig und deutet auf ein Plakat: Von der Wasseraufbereitung Hohemark - die übrigens voll automatisiert läuft und aus der Ferne gesteuert werden kann - fließe es dann in den Hochbehälter ein. "Dessen Höhenstand gibt vor, wie viel Wasser hier durchgeht." Am Montagabend sind es 375 Kubikmeter die Stunde, wie die roten Ziffern einer digitalen Anzeige im Innern des Baus, an der Ultrafiltrationsanlage, zeigen. "Das ist also auch die Entnahme", erklärt Gredig den Kreislauf. Zu Spitzenzeiten sind es bis zu 465 Kubikmeter.

Oberursel: Die Entsäuerung läuft rein physikalisch ab

Bevor das Wasser allerdings die Ultrafiltration durchläuft, strömt es - in freiem Gefälle aus dem Berg kommend - in die vier großen blauen Entsäuerungskessel im alten Teil des Wasserwerks. Im Zuge der vor wenigen Wochen abgeschlossenen Erweiterung um die Ultrafiltration - Baubeginn: Frühjahr 2017 - sei auch ein fünfter Entsäuerungsfilter installiert worden, so Gredig. Die Entsäuerung laufe rein physikalisch ab: Der Experte zeigt ein Fläschchen mit Granulat. "Das ist Hydrocarbonat, ein Kalkbildner." Das Granulat härte das Wasser an und sorge so fürs Kalk-Kohlensäure-Gleichgewicht. "Hier oben ist das Wasser sehr, sehr weich. Das gilt immer als das ,gute' Wasser", weiß Gredig. Allein: Sehr weiches Wasser ist auch sehr sauer. "Würden wir das Wasser nicht entsäuern, würde Ihre Hausinstallation aus Metall verrotten, so schnell könnten Sie gar nicht gucken. Das Gleiche gilt für unsere Anlagen." Schließlich schützt Kalk Metall vor Korrosion.

Auch um das aus dem Berg stammende Eisen und Mangan aus dem Wasser zu entfernen, braucht es keine Chemie, sondern nur Sauerstoff. "Wir belüften das Wasser, dadurch bekommen die Stoffe eine andere Wertigkeit und können einfach rausgefiltert werden."

In der Ultrafiltrationsanlage schließlich werden feinste Partikel entfernt, etwa Bakterien und Viren - weshalb die Stadtwerke derzeit auch testen, ob sie dauerhaft auf die zusätzliche Chlorung verzichten können. Die Gruppe steht vor zig weißen Röhren. "Das Wasser wird hier durch eine sehr feine Kunststoffmembran gedrückt", erklärt der Technische Leiter. Die Maschenweite liegt bei zehn Nanometern, das sind 0,00001 Millimeter. Die Filterfläche, die die Membran erzeuge, entspreche insgesamt der Größe eines Fußballfelds. "Auch Coronaviren würden zurückgehalten werden, wenn sie denn im Wasser wären."

Das Nass, das aus der Ultrafiltration komme - mit der die Stadtwerke Oberursel im Hochtaunus eine Vorreiterrolle einnähmen, wie Gredig nicht ohne Stolz berichtet -, sei äußerst klar. "Die Trübungswerte sind um den Faktor zehn zurückgegangen." Was auch die höhere Effizienz der Wasseraufbereitung Hohemark erklärt: "Jetzt können wir auch das Wasser mit den höheren Trübungen nutzen."

Oberursel: Messstelle regelt Entnahme

Ein großer Vorteil - insbesondere in Zeiten, in denen es immer trockener wird. Für eine Grundwasserneubildung schließlich wäre der typische Landregen notwendig, oder aber eine geschlossene Schneedecke. Gredig: "Wann hatten wir die zuletzt?" Nichtsdestoweniger sei man in der Brunnenstadt - im Gegensatz zu manch einer Nachbarkommune - auf einer "Insel der Glückseligen", was die Trinkwasserversorgung angehe. Man sei ziemlich gut aufgestellt, so der Experte. "Nur vier bis fünf Prozent pro Jahr müssen wir über den Wasserbeschaffungsverband zukaufen."

Doch die Hitzesommer gingen auch an Oberursel nicht spurlos vorbei: "Wir können nur Wasser aus dem Berg entnehmen, wenn im Urselbach genug abfließt." Dort gibt es eine Messstelle, der Wert dürfe nicht unter acht Liter pro Sekunde fallen. "2018 ging der Wert täglich weiter runter und wir wussten nicht, wo das Ganze noch hinführt", erinnert sich Gredig. Letztendlich war man aber selbst vor zwei Jahren "weit weg" von dieser Grenze, "da kann ich Sie beruhigen". Dennoch: Vorräte könne man keine anlegen, dafür seien die Hochbehälter weder ausgelegt noch seien sie groß genug. "Wir können das Wasser nur einmal aus dem Berg holen. Nachhaltigkeit ist also wichtig." In den vergangenen beiden Sommern hätten die Oberurseler viel Trinkwasser in den Gärten verschwendet. "Das konnten wir genau verfolgen, die Tagesspitzen hatten sich in die Abendstunden verschoben, wenn die automatischen Bewässerungssysteme anspringen." Doch Trinkwasser, appelliert Gredig, "ist Wasser für den menschlichen Gebrauch". Von Manuela Reimer

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