1. Startseite
  2. Region
  3. Hochtaunus
  4. Oberursel

Oberursel: Historische Metzgerei und 22 Stöffcher

Erstellt:

Von: Florian Neuroth

Kommentare

Liam (10) bastelt sich einen Flaschenöffner aus Holz, Olli Keidel, Tischler-Azubi im ersten Lehrjahr, gibt ihm Tipps.
Liam (10) bastelt sich einen Flaschenöffner aus Holz, Olli Keidel, Tischler-Azubi im ersten Lehrjahr, gibt ihm Tipps. © jp

Bei dem bunten Geschehen in der Innenstadt schauen die Besucher am Epinay-Platz nicht nur Handwerkern über die Schulter, es gibt noch viel mehr zu entdecken, zu probieren und zu genießen.

Oberursel -Mit Schmackes saust der Hammer hinab. Einmal, zweimal, dreimal haut Norbert Grau das schwere Stück auf den gefederten Knopf. Bis zum „Meister“ kann er sich am „Lukas“ auf dem Epinayplatz schlagen. Mit dem dritten Lehrjahr, das nach der Hälfte der Messleiste erreicht wird, ist der Oberurseler aber dann zufrieden. Logisch, schließlich schauen ihm außer Frau Rosi auch die Enkelkinder Niklas (4) und Femke (2) über die Schulter. Am Stand der Metallmanufaktur von Dirk Velte können sie aus nächster Nähe sehen, wie stark der Opa ist.

Die Jahrmarktattraktion ist nicht das einzige Highlight auf dem Handwerkermarkt. Ein gutes Dutzend Anbieter hat sich am zweiten Tag des traditionellen Oberurseler Herbsttreiben der Fokus-O.-Selbstständigen um die Glaspyramide postiert und bietet außer Einblicken in Holzbau, Elektro, Sanitär und Gartenbau auch die eine oder andere Gelegenheit, selbst anzupacken. Fürs Ehepaar Grau ist das Event des Gewerbevereins daher ein Pflichttermin. „Wir kommen immer mit den Enkeln her“, sagen sie. „Die Kinder freuen sich, es gibt einfach viel zu sehen.“

Tatsächlich herrscht trotz der regnerischen Witterung am Samstag Festtagsstimmung in Oberursel. Für drei Tage hat das Selbstständigenforum von Freitag an in die Innenstadt geladen und lockt mit einem breiten Angebot. Unzählige Stände ziehen sich durch die City. Tausende kleine und große Besucher erwerben Vogelhäuschen, handgefertigten Schmuck, Holzwaren und Baumwolltäschchen auf dem Weg in Richtung Rathaus, fahren mit der Dampfbahn durch Holzweg-Passage und Vorstadt, drehen im Kinderkarussell ihre Runden, begutachten die ausgestellten Traktoren in der Eppsteiner Straße oder stärken sich am Bühnen-bestückten Rathausplatz mit Elsässer Flammkuchen, Wurst aus der Auvergne, französischem Käse und Wein aus Apulien.

Herzstück des Herbsttreibens ist der Handwerkermarkt auf dem Epinayplatz. Besonders der Nachwuchs kommt hier auf seine Kosten. Am Stand der Schreinerei Formart von Sven Gottschalk können Kinder und Jugendliche an der Werkbank unter anderem „den längsten Span der Welt hobeln“, wie der Schreiner mit einem Lachen sagt.

Trend zu dunklen Photovoltaik-Modulen

Liam lässt sich das nicht zweimal sagen. Unter Anleitung von Azubi Olli Keidel bringt er das Holz in die gewünschte Form. „Das wird ein Flaschenöffner“, erklärt der 10-Jährige. Dass der Umgang mit Bohrer und Säge für ihn kein ungewohnter ist, sieht man sofort. „Ich bin oft am Werkeln“, sagt er. Gemeinsam mit Kumpels hat er sogar schon ein Baumhaus im Wald gebaut. Mit Schaukel und allem drum und dran. „Da sind wir dann häufig und bauen das Haus weiter aus“, erzählt der Jugendliche. Der Profi hört solche Sachen gern. „Man merkt schon, dass das Interesse an handwerklicher Arbeit steigt. Die Jugendlichen sind wieder mehr draußen und haben Spaß am kreativen Schaffen“, sagt Gottschalk.

Während die Jüngsten fleißig hämmern, bohren und sägen, informieren sich die Erwachsenen über neue Trends. Beim Zimmerer- und Dachdecker-Meisterbetrieb Bohn Holzbau und Dachdeckerei sind das dunkle Photovoltaik-Module. Deren Vorteil: Sie liegen im Dach, „so dass der Unterschied zwischen Ziegeln und Modulen von weitem kaum zu erkennen ist“, erklärt Inhaber Alexander Bohn. Das Interesse am Thema ist groß. „Wir werden seit heute morgen mit Fragen zu Photovoltaik bombardiert“, berichtet er. Generell sei die Nachfrage aktuell „riesig“, weshalb sich der gesamte Betrieb derzeit zu Solarfachkräften weiterbilde, erzählt Solarexperte Sascha Albert.

Eine Menschen-Traube hat sich auch vorm Stand von Elektro Ressler gebildet. Dort zeigt Inhaber René Ressler autark fahrende Rasenmäher. 6000 Quadratmeter kann das neueste Modell, der Automower 535 von Husqvarna, abdecken. Per Allrad-Antrieb erklimmt das gute Stück Steigungen von bis zu 70 Prozent und spart auch gleich den Dünger. Abgeschnitten wird nämlich nur der Tageswuchs, der im Boden verbleibt. „Aufgrund der geringen Menge wird das abgeschnittene Gras zu Nährstoffen für den Boden“, so Ressler.

Alles ist Geschmacksache

Expertise ganz anderer Art ist im „Hessendorf“ auf dem Marktplatz gefragt. Neben diversen Ständen mit brutzelnden Würstchen, heißem Met oder Mispelchen testen sich eingefleischte Äppler-Liebhaber einmal durch insgesamt 22 Stöffche privater Hobby-Kelterer. Auch Daniel Synek macht bei der Aktion der Kelterei Steden mit. Bewertet wird blind, das heißt ohne Angabe der Kelterer. „Das gibt das ehrlichste Ergebnis“, meint der Oberurseler und hat auch schon einige Favoriten ausgemacht. „Ein paar sehr Gute waren dabei. Aber ist natürlich alles Geschmackssache, gerade beim Äppler“, erklärt er fachmännisch.

Derweil tauchen die Besucher in der Eppsteiner Straße in die Vergangenheit ein. In der historischen Metzgerei von Heinrich Wirtz sieht alles so aus wie zu Zeiten seines Ur-Großvaters im Jahre 1910. Über Keramikkacheln schreitet der Kunde zur Theke in der damals üblichen Majolica-Verzierung, an den Wänden hängen Innungs- und Zunftfahne aus dem 19. Jahrhundert und im Schaufenster gibt es kleine Schätze wie den Meisterbrief von 1773 zu bewundern. Geöffnet hat die 2005 geschlossene und damals freilich moderner eingerichtete Metzgerei nur zweimal im Jahr. „Anlässlich des Hessentages 2011 haben wir den Laden zur Ausstellung umgebaut. Seither machen wir zweimal im Jahr, jeweils zu Herbsttreiben und Weihnachtsmarkt, auf“, erklärt Wirtz. Verkauft werden Würste, Schinken, Gulasch und Corned Beef im Glas oder auch Apfelsaft und -wein. „Alles selbst gemacht und handgefertigt wie damals“, erläutert Wirtz.

Bei der Kundschaft komme das gut an. „Die Leute begrüßen, dass es wieder individuell gefertigte, handwerkliche Ware gibt, die nicht von der Stange kommt“, sagt er und trifft den Nagel angesichts der vielen Herbstreiben-Besucher am Samstag damit wohl auf den Kopf.

Nur zweimal im Jahr am Start: Die Metzgerei Abt/Wirtz mit der historischen Inneneinrichtung aus dem Jahr 1910 hatte extra fürs Herbsttreiben ihren Pforten geöffnet und verkaufte in Handarbeit hergestellt Wurst- und Fleischwaren. Das geschlachtete Schwein stammte aus Bommersheim, das Wild wurde von Jägern aus dem Taunus erlegt. Hier im Bild Sebastian Wirtz.
Nur zweimal im Jahr am Start: Die Metzgerei Abt/Wirtz mit der historischen Inneneinrichtung aus dem Jahr 1910 hatte extra fürs Herbsttreiben ihren Pforten geöffnet und verkaufte in Handarbeit hergestellt Wurst- und Fleischwaren. Das geschlachtete Schwein stammte aus Bommersheim, das Wild wurde von Jägern aus dem Taunus erlegt. Hier im Bild Sebastian Wirtz. © jp
Mit Kennerblick prüft Daniel Synek am Brunnen vor der Bücherei das „Stöffche“ mit der Nummer 15 bei der öffentlichen Apfelwein-Prämierung.
Mit Kennerblick prüft Daniel Synek am Brunnen vor der Bücherei das „Stöffche“ mit der Nummer 15 bei der öffentlichen Apfelwein-Prämierung. © jp

Auch interessant

Kommentare