Der neue Vorsitzende Giulien Manca in einem seiner Gehege auf dem Gelände des Geflügelzuchtvereins. Im Hintergrund ist am kleinen Teich auch das Silbermöwenpaar zu sehen.
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Der neue Vorsitzende Giulien Manca in einem seiner Gehege auf dem Gelände des Geflügelzuchtvereins. Im Hintergrund ist am kleinen Teich auch das Silbermöwenpaar zu sehen.

Generationswechsel

Oberursel: Jüngster Geflügelzüchter-Vorsitzender hat große Pläne

  • VonGabriele Calvo Henning
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Giulien Manca dürfte mit seinen 19 Jahren der jüngste Vorsitzende eines Geflügelzüchtervereins im Land sein. Er will mehr Artenvielfalt, aufklären und gegen Vorurteile kämpfen.

Mit 19 Jahren haben die meisten jungen Männer anderes im Sinn, als Vorsitzende eines Geflügelzuchtvereins zu werden. Das verbindet man doch eher mit fortgeschrittenem Alter und ergrautem Haupthaar. Nicht so Giulien Manca, der kürzlich zum ersten Vorsitzenden des Geflügelzuchtvereins Oberursel-Bommersheim gewählt wurde und damit wohl der jüngste auf so einem Posten in Deutschland sein dürfte. Wer mit ihm spricht merkt: Er brennt für das, was er tut.

Auf dem Vereinsgelände mit den 18 Parzellen an den Kieskauten steht Manca an einem seiner Gehege, in dem Kormorane und Silbermöwen flattern und durchs Gras staksen. "Das Paar Silbermöwen ist das einzige, das in Deutschland legal in privater Haltung existiert", so Manca. Legal heißt, dass die Tiere, die auf keinen Fall aus der freien Wildbahn stammen dürfen, beringt und angemeldet sind und einen Herkunftsnachweis haben. Dasselbe gilt für den Nachtreiher, der sich gerade auf einem Holzgeländer niedergelassen hat und aus dem Zoo in Halle stammt. Manca, der zurzeit eine Ausbildung zum Automobilkaufmann in Bad Homburg macht, steht mit nationalen und internationalen Fachleuten, Organisationen und zoologischen Gärten in engem Kontakt. Man überlässt ihm Tiere zur Nachzucht. Besonders eng sei der Kontakt zum Heidelberger Zoo.

Tierliebe seit Kindertagen

Seit er denken kann, sind Tiere für ihn, der im Taunus aufgewachsen ist und in Frankfurt lebt, der Lebensmittelpunkt. Mit gerade mal neun Jahren hat er zusammen mit seinem jüngeren Bruder Giastin Reptilien erfolgreich gezüchtet. Das nötige Wissen schafften sich die Knirpse auf Reptilienbörsen und einschlägigen Seiten im Internet drauf.

Jede Minute habe er schon damals den Tieren gewidmet, daran habe sich nichts geändert, auch wenn heute Geflügelrassen und Vögel in seinem Fokus sind. Das Interesse an Tieren wie Stinktieren oder Füchsen, für die er ein Gehege einrichten will, treibt ihn zusätzlich um. Wir bleiben wegen der Übersichtlichkeit bei den gefiederten Freunden. "Als mein Vorgänger beim Geflügelzuchtverein Bommersheim, Alfred Berg, gefragt hat, ob ich jetzt den Vorsitz übernehmen will, war mir gleich klar, dass ich das machen will, denn ich will was verändern", sagt der 19-Jährige bestimmt. Er nennt es "Hühner sehen" und meint damit, die ganze Vielfalt des Rassegeflügels zu erhalten und erlebbar zu machen. Biodiversität und artgerechte Haltung sind seine Themen. "Nicht alle Hühner sind braun", bringt er sein Anliegen mit Blick auf die "normalen" Legehühner auf den Punkt.

Er will alten Rassen, wie beispielsweise die ursprünglich aus den Niederlanden stammenden Eulenbarthühner, die außer ihm in Deutschland nur zwei weitere Züchter züchten, eine Zukunft geben, indem er die Rasselinien sauber hält, auch um die verschiedenen Farbvarianten innerhalb der Rassen zu erhalten. "Die Zoos haben kein Interesse an der intensiven Rassegeflügelzucht. Löwen und Elefanten sind interessanter für die Besucher. Das heißt, wenn wir das in den Zuchtvereinen nicht machen, dann macht das keiner", so Manca. Bei manchen Rassen komme es bereits jetzt auf jedes Tier an, wenn sie nicht aussterben sollen. Dabei sei die Zucht, so wie er sie verstehe, extrem aufwendig. Maximal eine Woche im Jahr erlaubt er sich Urlaub anderswo. Dann aber kann er seine Tiere zu jeder Zeit über die installierten Kameras sehen. Einen Tag ohne sie ist für ihn absolut undenkbar.

Den Tieren will er so gut wie es eben geht in den Gehegen einen artgerechten Lebensraum bieten, in dem sie sich so wohlfühlen, dass sie sich vermehren. Das Gegenteil von Massentierhaltung also. Dabei sei das Rassegeflügel bereits von Menschen gezüchtet und diese Nähe gewohnt. Je nach Rasse müsse mehr oder weniger eingegriffen werden, um dann der Natur ihren Lauf zu lassen. Mal reiche es den Tieren regelmäßig Frischwasser und Futter zu geben. Bei anderen müsse zudem genau auf die Sauberkeit im Gehege geachtet werden. Jedes Tier ist eben anders.

Wissen teilen

und aufklären

In Zukunft will er sein Wissen nicht nur im Verein, sondern verstärkt nach außen kommunizieren. Er denkt dabei an Kindergarten- und Schulkinder und andere Interessierte, die mehr über Rassen, Zucht oder auch das vielfältige Sozialleben der Tiere erfahren möchten. Er will Einblicke geben und mit Vorurteilen aufräumen. "Ich stelle mir zum Beispiel Rassebesprechungen vor, bei denen ich die unterschiedlichen Tiere vorstelle."

Ein weiteres wichtiges Ziel ist es für ihn, Wildtiere in ihren Wildtypen zu erhalten, so wie sie die Natur hervorgebracht hat. An dieser Stelle darf auch sein Engagement eingeordnet werden, wenn es darum geht, schwache oder verletzte Wildtiere erfolgreich aufzupäppeln. Mal bringt ihm die Feuerwehr in Not geratene Tiere, mal der Nabu. Sogar das Regierungspräsidium Darmstadt hat sich schon an ihn gewandt, als es um sechs aus Nestern gefallene Weißstorch-Küken ging. In diesem Sommer hat er sich um fünf Greifvogeljunge gekümmert und konnte fast alle wieder in die Natur zurückbringen. "Das ist das allerschönste Gefühl, einen Wildvogel in die Freiheit zu entlassen", sagt Manca und die Augen strahlen. Bei allem, was er tue, bringe Einzelkämpfertum nichts, sagt der junge Vereinsvorsitzende, der sich neben der Unterstützung aus dem Verein auch auf seine Familie und seine Freundin verlassen kann - egal, ob es um Fütterung und Pflege oder die oft langen Fahrten zu den Zoos geht. Auch finanziell ist er auf Hilfe angewiesen, um die über 200 Kilogramm Tierfutter pro Monat zu bezahlen. Neben der Hilfe der Eltern setzt Manca auf private Spenden, wobei er ganz genau zwischen Spenden für ihn und seine Tiere und Spenden für den Verein unterscheidet, stellt er klar. alv

Auch Kormorane gehören zum Tierbestand.

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