+
Mohamed Eldakhakhny (links) und Matias Ghaznavi vor der "portstrasse": Die beiden Streetworker sind täglich unterwegs, um mit den Jugendlichen zu reden, ihnen bei Problemen Anlaufstellen zu nennen und sie für die Corona-Regeln zu sensibilisieren.

Warten auf die Öffnung

Oberursel: Jugendtreff in der Zwangspause

  • schließen

Die "portstrasse" in Oberursel hat coronabedingt geschlossen. Damit fehlt ein wichtiges Jugendangebot in der Stadt. Und Stadtrat Fink befürchtet auch finanzielle Auswirkungen.

Chillen nach der Schule, Freunde treffen, gemeinsam zocken, kochen und Tischkicker spielen, am Abend und am Wochenende Konzerte lokaler Bands, Kino, Theater, Kabarett und Lesungen - wo vor Corona an fünf Tagen die Woche Leben herrschte, ist es seit Mitte März still: Die Pandemie zwang auch die "portstrasse", die größte und zentrale Jugendeinrichtung der Stadt, zur Schließung. Seit acht Wochen sind die Räume an der Ecke Hohemarkstraße verwaist, und zwar sowohl der offene Treff mit pädagogischem Angebot, das "café portstrasse", als auch das Kino "bluebox", die Musikhalle und die Kunstbühne.

Um die Verbindung zu den Mädchen und Jungen nicht vollständig abreißen zu lassen, hat die "portstrasse" einen Telefonchat eingerichtet. "Listen mit Nummern, die wir hatten, haben wir angefangen durchzutelefonieren", schildert Sozialarbeiterin Gabi Weber, die die "portstrasse" seit zwei Jahren leitet. Inzwischen hält das Team auf diese Weise zum Stammpublikum Kontakt, zu dem rund 20 Jugendliche gehören, außerdem über einen Kanal im sozialen Netzwerk Instagram - dort posten die Mitarbeiter täglich Quizfragen, Spieletipps und einfache Rezeptvorschläge. Den persönlichen Kontakt pflegen die beiden Streetworker Matias Ghaznavi und Mohamed Eldakhakhny. Sie sind tagtäglich im Stadtgebiet unterwegs, reden - mit Abstand - mit den Jugendlichen, nennen Anlaufstellen bei Problemen, sensibilisieren sie aber auch für die Corona-Regeln. "Insgesamt haben wir in Oberursel wenig Probleme mit Verstößen durch Jugendliche", betont Erster Stadtrat Christof Fink (Grüne). Eine Herausforderung, sagt Weber, sei die permanente Veränderung der Lage. "Jetzt, wo Spielplätze und Bolzplätze geöffnet sind, haben wir wieder eine ganz andere Situation." Die Streetworker wollen sich anpassen - "eventuell bleiben wir jetzt irgendwo länger vor Ort, machen vielleicht ein Angebot am Platz", überlegt Weber. "Wir wollen zeigen, dass wir da sind."

Bedürfnis nach Kontakten

Die Zeit sei schwierig, gerade für Heranwachsende. "Den Jugendlichen ist der Treffpunkt genommen worden durch die Schließung, die niedrigschwellige Hilfestellung, die wir hier leisten", sagt die Einrichtungsleiterin. "Zu uns kommen viele, die Unterstützung bei den Hausaufgaben brauchen, oder es geht ums Praktikum. Ganz selbstverständlich bekommen sie hier diese Hilfe." Nicht überall seien entsprechende familiäre Bedingungen gegeben. "Vielleicht sind die Eltern nicht da oder der Raum ist nicht da. Für diese Jugendlichen ist es zurzeit besonders schwer", weiß die 57-Jährige. "Welche Spuren diese Zeit bei Kindern und Jugendlichen hinterlässt, das wissen wir jetzt noch nicht. Da wird aber noch ein Päckchen auf uns zukommen", fürchtet sie. Die Jugendlichen hätten ein Bedürfnis nach sozialen Kontakten, am meisten fehle, sich einfach so mit Freunden zu treffen. "In mehreren Fällen haben Eltern die Kinder und Jugendlichen in den ersten Wochen gar nicht rausgelassen. Welche Probleme sich dadurch familiär ergeben, das mag man sich gar nicht ausmalen", so Weber, die unterstreicht: "Das ist kontraproduktiv."

Andere Jugendliche wiederum seien glücklich und zufrieden zu Hause, weil sie ohne Unterlass Online-Spiele spielen könnten. "Einige drohen vor dem Computer zu versumpfen", warnt Weber. Durch Schule und Ausbildung sei Struktur da, die weggefallen sei. Wenn sie fehle, müsse man gut auf sich aufpassen, das könnten viele Jugendliche nicht.

Wieder andere hätten geäußert, dass sie schulisch Hilfe benötigten. Und die "portstrasse" will reagieren: Eine individuelle Lern- und Hausaufgabenhilfe habe von den Behörden das Okay bekommen, berichtet Weber. Das Konzept sieht vor, dass das Café weiterhin geschlossen bleibt; nach telefonischer Vereinbarung können sich dort aber bis zu vier Jugendliche und zwei Mitarbeiter treffen. Die gängigen Abstands- und Hygieneregeln gelten, Mund-Nasen-Schutz wird den Jugendlichen zur Verfügung gestellt. Parallel feile man an einem Hygienekonzept, das eine Wiederaufnahme des Café-Betriebs erlaube.

450 000 Euro im Jahr

Wann und wie es für das kulturelle Angebot weitergeht, steht ebenfalls in den Sternen. "Es ist schwierig, Verträge abzuschließen, weil noch gar nicht klar ist, ob größere Veranstaltungen tatsächlich ab September wieder möglich sind", sagt Fink.

Für ein ganz anderes Problem könnten die finanziellen Auswirkungen der Pandemie sorgen: Die Stadt lässt sich die "portstrasse" fast eine halbe Million Euro im Jahr kosten. Ob die 450 000 Euro, die unter anderem in fünf volle Stellen fließen, künftig noch zu stemmen sind, ist ungewiss. "Wir werden in den nächsten Jahren eine schwierige Haushaltssituation haben, und das bedeutet großen politischen Druck auf den Sozialbereich", weiß Fink. "Andererseits nehmen alle zurzeit wahr, was gesellschaftlich wirklich relevant ist. Gerade dann, wenn Jugendliche aus finanziell prekären Familien gesellschaftlich nicht aufgefangen werden, wird es schwierig", so der Sozialdezernent. "Als freiwillige Leistung, natürlich werden wir infrage gestellt werden", weiß auch Weber. "Aber wir sehen jetzt, wie notwendig das Angebot ist."

Telefonisch ist das Team der "portstrasse" unter der 0 15 73-5 20 31 33 zu erreichen, und zwar von Montag bis Freitag zwischen 13 und 17 Uhr.

von Manuela Reimer

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare