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Oberursel: Kinder singen für mehr Kita-Personal

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Vereinsvorsitzender Nasser Djafari (links) und Geschäftsführer Frank Vogel haben den Aktionstag organisiert.
Vereinsvorsitzender Nasser Djafari (links) und Geschäftsführer Frank Vogel haben den Aktionstag organisiert. © Schuricht

Der Verein zur Förderung der Integration von Menschen mit Behinderung übergibt bei einem Aktionstag eine Petition an die SPD-Bürgermeisterin und einen CDU-Landtagsabgeordneten.

Oberursel -Es sind knapp 300 Kinder, die sich in ihren gelben Warnwesten auf der Grünfläche der Adenauer-Allee versammeln. Einige von ihnen schwenken Fähnchen. Dann singen sie zusammen mit ihren Erzieherinnen und Erziehern ihr einstudiertes, mehrstrophiges Lied „Wir brauchen mehr Erzieher, und das im ganzen Land“.

So hat gestern Vormittag der Aktionstag begonnen, mit dem der Verein zur Förderung der Integration von Menschen mit Behinderung (VzF Taunus) gemeinsam mit den Vorschulkindern aus den 17 Kitas, die der VzF in der Region betreibt, auf den Mangel an Erziehern aufmerksam macht.

Die Zahlen sprechen für sich, so Nasser Djafari, der Vorsitzende des VzF. „Wir haben bei uns 175 Kinder auf der Warteliste, für die wir leider keinen Platz haben“, sagt er. „Das liegt nicht etwa daran, dass unsere Räume zu klein wären, sondern weil es uns an Personal fehlt.“

42 Stellen für Erzieherinnen und Erzieher habe der VzF aktuell ausgeschrieben. „Aber wir können sie einfach nicht besetzen.“ Das habe, so Djafari, Folgen für die Qualität der Arbeit. „Und es bedeutet für einige Kinder, dass wir sie nicht aufnehmen können. Dann müssen Eltern, die arbeiten wollen und müssen, zu Hause bleiben.“ Es bedeute aber auch, dass die Kitas in den Ferien länger schließen und Eltern abwechselnd Urlaub nehmen müssen, um ihre Kinder zu betreuen. „Oder wir müssen Betreuungszeiten verkürzen.“

Wenn die Teams in den Kitas immer wieder in knapper Besetzung arbeiten müssen, habe das mehr Stress für die Mitarbeiter zur Folge. „Das schlägt auf die Gesundheit, schlimmstenfalls werden Erzieher krank oder wechseln den Beruf. Und schon fehlen noch mehr“, mahnt der VzF-Vorsitzende und fordert: „Wir müssen diese Spirale stoppen.“ Schließlich bedeuten Kitas für die Kinder mehr als Betreuung. „Sie sind eine Startrampe ins Leben. Doch diese Startrampe wackelt, nicht nur bei uns“, sagt Djafari.

So habe die Bertelsmann-Stiftung ausgerechnet: In Deutschland fehlen 100 000 Erzieher. Am Geld könne es nicht liegen. „Für Bauprojekte für Kitas sind in den vergangenen Jahren gute Zuschüsse geflossen. Aber was nutzen uns moderne Gebäude, wenn sich niemand darin um die Kinder kümmert?“

Deshalb hat Nasser Djafari mit seinem VzF-Team eine Petition verfasst, die sich an die Landesregierung richtet. „Wir haben zwei Vorschläge entwickelt, um mehr Menschen für den Beruf zu gewinnen“, führt er aus. „Zum einen muss es eine verkürzte Ausbildung geben, die vor allem auch von Anfang an vergütet wird. Die Ausbildung dauert mit fünf Jahren einfach zu lang“, sagt er.

Zum anderen müssen ausländische Berufsabschlüsse schneller anerkannt werden.“ Leider mache dies die Bürokratie oft schwer. „Das kann so nicht weitergehen“, fordert Djafari. „Wir können Menschen, die wir dringend als Fachkräfte brauchen, nicht behandeln wie Bittsteller.“

Dass eine vergütete Ausbildung helfe, habe man selbst erfolgreich ausprobiert, wie Nasser Djafari verrät. „Wir loben auf eigene Kosten Stipendien aus. Damit haben wir schon fünf Auszubildende für unsere Kitas gewinnen können.“ Die Petition hat Djafari an Bürgermeisterin Antje Runge (SPD) und an den Landtagsabgeordneten Holger Bellino (CDU) überreicht. „Auch wir unterstützen diese Forderung, denn wie alle wissen sieht die Lage auch bei den Kommunen nicht anders aus. Wir sind alle in Not“, betont Runge. „Uns fehlen allein bei der Stadt zwölf Erzieher, insgesamt sind für alle Krippen und Einrichtungen 30 Stellen ausgeschrieben. Das bedeutet, dass 200 Kinder nicht betreut werden können.“

Auch Holger Bellino bekräftigt: „Wir verstehen das Anliegen des VzF.“ Man habe sich als Landesregierung bereits auf den Weg gemacht: „Wir werden noch in dieser Legislaturperiode ein Gesetz verabschieden, mit dem wir die hohe Stufe absenken, die es für ausländische Kräfte und auch für Logopäden oder Ergotherapeuten gilt“, informiert Bellino.

„Durch die Gesetzesänderung könnten bald auch ausgebildete Logopäden oder Ergotherapeuten in den Kitas als Fachpersonal arbeiten.“

1969 aus Elterninitiative entstanden

Der VzF Taunus (Verein zur Förderung der Integration von Menschen mit Behinderung) hat sich aus einer Elterninitiative heraus gegründet und macht sich seit 1969 für eine Betreuung und Therapie von Kindern mit Behinderung stark. Zu einer der ersten Einrichtungen gehörte eine integrative Kita und eine interdisziplinäre Frühförderstelle. Im Laufe der Jahre hat sich daraus ein ganzes Netzwerk an innovativen und integrativen Betreuungs- und Förderangeboten in den Bereichen Therapie, Jugend, Wohnen, Arbeit und Freizeit entwickelt. Zudem rückte der Inklusionsgedanke stärker in den Fokus. Der VzF, dessen Vorsitzender Nasser Djafari seit 1976 ist, betreibt heute unter anderem 23 integrative Einrichtungen, darunter Kitas, Hort und Jugendhäuser im Hochtaunus- und Wetteraukreis. Weitere Informationen gibt es unter www.vzftaunus.de. ksp

Gemeinsam singen die 270 Vorschulkinder ihr Lied „Wir brauchen mehr Erzieher“. Der Verein zur Förderung der Integration von Menschen mit Behinderung initiierte die Aktion in der Adenauerallee.
Gemeinsam singen die 270 Vorschulkinder ihr Lied „Wir brauchen mehr Erzieher“. Der Verein zur Förderung der Integration von Menschen mit Behinderung initiierte die Aktion in der Adenauerallee. © Schuricht

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