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Oberursel: Kunst hält Erinnerung an Ermordete wach

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Von: Alexander Schneider

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Andrea Bott, früher Stadtarchiv, mit historischen Bildern zur Deportation von jüdischen Menschen aus Oberursel, hier vor dem Haus der Schwestern Rosa Feinberg und Therese Heilbronn, rechts im Bild.
Andrea Bott, früher Stadtarchiv, mit historischen Bildern zur Deportation von jüdischen Menschen aus Oberursel, hier vor dem Haus der Schwestern Rosa Feinberg und Therese Heilbronn, rechts im Bild. © jp

Eine besondere Aktion vor dem Haus zweier am 28. August 1942 deportierter jüdischer Schwestern ruft zur Wachsamkeit gegenüber Rassismus, Antisemitismus, Diskriminierung und Hass auf. Und gegen das Vergessen und Wegschauen.

Oberursel -Am 28. August 1942, einem Freitag, durchlebte Oberursel eines seiner dunkelsten Kapitel der Stadtgeschichte: Am Nachmittag wurden die beiden Schwestern Rosa Feinberg und Theresa Heilbronn, Nachkommen der aus dem Westerwald stammenden jüdischen Familie Heilbronn, unter den Augen ihrer Nachbarn aus ihrem Haus Marktplatz 7 deportiert. Auf dem Weg zum Bahnhof durften sie nur einen Leiterwagen mit dem Allernöti gsten mitnehmen. Die 72-jährige Rosa Feinberg starb bereits zwei Wochen später in Theresienstadt, ihre 66-jährige Schwester Theresa wurde am 27. September in Treblinka ermordet.

Mit einer Gedenkveranstaltung zum 80. Jahrestag der Depo rtation hat die Stadt Oberursel am Sonntag an deren Schicksal erinnert und an die Verantwortung der Stadtgesellschaft appelliert, Dinge, wie sie damals geschehen sind, nicht dem Vergessen preiszugeben, sondern die Erinnerung daran wachzuhalten und als Mahnmal der Geschichte sichtbar zu machen.

An das Leben und den Tod der beiden Frauen und ihrer Familie erinnern vor dem Haus Marktplatz 7 seit März bereits "Stolpersteine", auf denen aber nur wenige Daten Platz finden. Seit Sonntag hat das Erinnern nun auch ein Gesicht: In Kooperation zwischen der Stadt, dem Energieversorger Süwag, der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, der Feldbergschule, der Initiative Opferdenkmal e. V. sowie dem Frankfurter Künstler Malte Strijek entstand die Idee, den letzten Tag, den die beiden Frauen in Oberursel verlebt haben, auf dem vor dem Haus Marktplatz 7 stehenden Stromverteilerkasten künstlerisch nachzuerzählen. Das ist Strijek in erschreckender Authentizität gelungen.

Das am Ende der Gedenkstunde von Bürgermeisterin Antje Runge (SPD), dem Künstler und Tobias Zimmermann (Süwag) enthüllte Graffito zeigt, wie die Frauen mit dem Leiterwagen an Oberurselern vorbei Richtung Bahnhof ziehen. Die Gesichter der Menschen sprechen Bände - teils halten sie sich Augen, Ohren und Münder zu, andere deuten verzerrten Blicks Richtung Bahnhof, im Hintergrund sind Männer in SS-Uniformen zu sehen, im Vordergrund, nur von hinten, ein Schutzmann, dessen Körperhaltung offen lässt, wen er hier schützt. ...

Ort, der ihr Schicksal sichtbar macht

Runge: "Die künstlerische Auseinandersetzung mit diesem Teil der Geschichte hält das historische Wissen wach." Die Schwestern hätten als Oberurselerinnen mitten unter Oberurselern gelebt, es sei nötig, "einen Erinnerungsort zu schaffen, der ihr Schicksal sichtbar macht".

Sie seien verfolgt und ermordet worden, nur weil sie Jüdinnen waren, andere seien dem Euthanasie-Gesetz zum Opfer gefallen. "Das Lebendighalten der Erinnerung sowie die Warnung vor rechten Bewegungen bleibe angesichts nicht verhallender Diskriminierungen von Minderheiten und antisemitischen Auswüchsen wichtig, mahnte Runge. Die Zeit arbeite gegen die Erinnerung und mit dem Tod der letzten Zeitzeugen für das Vergessen. Mit Strijeks Werk der "bildenden Kunst" werde dem Vergessen entgegengewirkt. "Es ist wichtig, das Verständnis und die Verantwortung der nächsten Generation für das, was geschehen ist, zu wecken", so Runge.

Tobias Zimmermann sagte, die Süwag stelle mit dem Stromkasten zwar nur die Leinwand zur Verfügung. Dennoch sei es ihm wichtig, zu betonen, wie nötig es sei, Schulwissen in dieser, von Malte Strijek gewählten Form sichtbar und, dank des aufgedruckten QR-Codes, begreifbar zu machen, über die Stolpersteine und die am Haus angebrachte Gedenktafel hinaus.

Begleitet wurde die Enthüllung des Kunstwerkes durch Annette Andernacht, Vorsitzende der Initiative Opferdenkmal, sowie Marc Menges, Lehrer der Feldbergschule, der sich mit seinen Schülern aktiv in das Projekt Stolpersteine eingebracht hat. Menges sagte, solange es in Deutschland antisemitische Tendenzen gebe und solange Synagogen gegen Angriffe geschützt werden müssen, solange müsse es Initiativen wie diese geben.

Andernacht sagte, sie sei bei dem Gedanken, die Arbeit einem Graffiti-Künstler anzuvertrauen, erst skeptisch, dann aber, nachdem sie gesehen habe, mit welchem Tiefgang sich Strijek der Aufgabe gewidmet habe, aber begeistert gewesen. Den historischen Hintergrund zur Biografie von Rosa Feinberg und Therese Heilbronn lieferte Angelika Rieber, Vorsitzende der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Hochtaunus. Das Kunstwerk helfe, die Frauen, die Teil der Stadtgesellschaft gewesen seien, nach 80 Jahren in diese zurückzuholen. "Oberursel sieht hin, erinnert sich und schaut nicht weg", sagte sie.

Musikalisch umrahmt wurde die Feierstunde von einem Querflötentrio der Musikschule.

Künstler Jan-Malte Strijek mit seinem eindrucksvollen Graffiti vor dem Haus Am Marktplatz 7, hier lebten bis zu ihrer Deportation vor 80 Jahren die Schwestern Rosa Feinberg und Therese Heilbronn.
Künstler Jan-Malte Strijek mit seinem eindrucksvollen Graffiti vor dem Haus Am Marktplatz 7, hier lebten bis zu ihrer Deportation vor 80 Jahren die Schwestern Rosa Feinberg und Therese Heilbronn. © jp

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