Die ökologischen Fußabdrücke in der Rompel-Passage.
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Die ökologischen Fußabdrücke in der Rompel-Passage.

Ökologischer Fußabdruck

Oberursel: Leben auf zu großem Fuß

  • VonManuela Reimer
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Frage-Aktion des Eine-Welt-Vereins und der St. Ursula-Pfarrei macht eindringlich auf die private Verschwendung der Ressourcen bewusst.

Oberursel -Handtücher im Wäschetrockner trocknen, in den Urlaub fliegen, Elterntaxi spielen: Damit hinterlässt jeder Mensch einen individuellen ökologischen Fußabdruck, der als Nachhaltigkeitsindikator beschreibt, wie viel biologisch produktive Fläche auf der Erde er benötigt, um seinen Bedarf an Ressourcen zu decken, sprich seinen Lebensstil unverändert fortzuführen. Grundlage ist also, dass der Energie-, Lebensmittel- und Rohstoff-Verbrauch in Landfläche umgewandelt wird, wobei sich freilich nur die berücksichtigen lässt, die nutzbar ist: zum Beispiel Wälder, Wiesen und Ackerboden.

Die Einheit lautet globaler Hektar - einer entspricht einem Hektar Fläche mit durchschnittlicher biologischer Produktivität. Gleichmäßig verteilt auf die Weltbevölkerung stünden jedem Menschen 1,8 globale Hektar zu, also drei Fußballfelder.

Nur: Wir leben weltweit auf zu großem Fuß - so, wie die Länder und ihre Einwohner derzeit mit den natürlichen Ressourcen umgehen, freilich im Durchschnitt, würden wir eigentlich 1,7 Erden benötigen, damit unser Planet nicht kollabiert. Dabei ist der Fußabdruck eines Deutschen etwa sechsmal größer als der eines Bangladeshis und dreimal so groß wie der eines Einwohners von Nicaragua.

Wie groß sind also die Fußabdrücke der Orscheler? Für den Einzelnen sei es kaum abzuschätzen, wie viel Kohlenstoffdioxid er ausstoße, wie hoch der Wasserverbrauch gekaufter Produkte sei oder wie viel Energie er im Alltag verbrauche, weiß Franz Schneider, Mitgründer des Eine-Welt-Vereins. Um Bewusstsein zu schaffen, hat der Verein mit der Pfarrei St. Ursula 600 Euro in die Hand genommen und einen Parcours aus 32 übergroßen Fußabdrücken angeschafft - bunt, wasserfest und mit Fragen zu Energie, Ernährung, Konsum und Mobilität bedruckt.

Am Samstag haben die Aktiven die Fußabdrücke, die der Eine-Welt-Verein Neumarkt in Bayern entwarf und vertreibt, in der Rompel-Passage ausgelegt. Wer ein Klemmbrett in die Hand nimmt und die einzelnen Fragen beantwortet und die Antwortpunkte zusammenzählt, erhält zumindest eine grobe Schätzung dazu, wie sich sein Lebensstil auswirkt: Wer auf nur 20 Punkte kommt, lebt klimaneutral, 40 sind besser als der deutsche Durchschnitt, der bei 70 liegt und hochgerechnet drei Erden entspricht. Die jeweils acht Fragen - also Abdrücke - innerhalb der Themenbereiche, unter denen je drei oder vier Antwortalternativen zur Auswahl stehen, beziehen sich auf den Alltag: Mit welcher Temperatur läuft normalerweise die Waschmaschine? Welche Energieeffizienzklasse haben die heimischen Geräte? Wie oft stehen Fleisch und Wurst auf dem Speiseplan, werden Klamotten oder ein neues Handy gekauft?

Rund 60 Interessierte seien schon da gewesen, "alle Altersgruppen, Familien und Ältere", freut sich Vorstandsmitglied Christiane Becker gegen Mittag, kurz vor Ende der Aktion zur Fairen Woche 2021. "Wir sind sehr zufrieden."

Die Fußabdrücke, die der Eine-Welt-Verein künftig Schulen und anderen Einrichtungen zur Verfügung stellen möchte, gegen eine geringe Leihgebühr, seien ein echter "Hingucker" und einprägsam. Die Vereinssprecherin selbst kommt auf 42 Punkte.

Kein erhobener

Zeigefinger

"Das sind zwei Erden, obwohl ich E-Auto fahre und das sehr selten. Aber bei mir hat die Wohnfläche reingehauen, jetzt, wo die Kinder aus dem Haus sind." Zehn oder zwanzig Punkte, die erreiche quasi niemand. "Wir müssen schauen, dass nicht alle frustriert sind, die hier durchgehen." Vereinsmitglied Christina Schlag: "Wir wollen hier nicht mit erhobenem Zeigefinger stehen." Vielmehr wolle man bewusstmachen, dass jeder auch mit kleinen Veränderungen etwas erreichen könne. "Hier soll niemand denken, ich fahre Auto und esse Fleisch, oh Gott. Stattdessen denkt man vielleicht darüber nach, ob es zu Hause immer 23 Grad warm sein muss. Eine Reduktion um ein Grad bringt total viel." Sie habe "erschrocken", wie wenig Geräte sie reparieren lasse. Ein anderes Beispiel sei, die Bohrmaschine zu leihen statt zu kaufen. Schlag: "Es gibt so viele Stellschrauben, man muss sie nur sehen." Frank Veith absolviert den Parcours mit seinen Töchtern Sarah (10) und Viktoria (8) und hat die ein oder andere Stellschraube bereits entdeckt. "Wir versuchen schon, umzusteuern", berichtet der Familienvater. Auf der Autobahn fahre er seit Jahren 120. "Wir kaufen Obst ohne Plastikverpackung ein", ergänzt Sarah. Viktoria hat im Internet nach Unverpackt-Läden gesucht. "Aber da müssten wir hinfahren. Im Discounter kann man nicht plastikfrei einkaufen. Man muss endlich an der Masse ansetzen, Familien mit Kindern müssen das doch auch bezahlen können", sagt Veith. Sein Ergebnis wolle er gar nicht sehen - 76 Punkte, mehr als drei Erden. "Wir sind in der Freizeit viel mit dem Auto unterwegs. Aber ich wüsste auch gar nicht, wie ich mit den Öffentlichen überall hinkommen soll." Und die Bahn, die seinen Sohn zur Schule bringe, ziehe eine Diesellok. "Das kann doch nicht sein", so Veith. Tochter Viktoria hätte da eine Idee: "Man könnte doch alles elektrisch machen! Taxis, Bahnen und Flugzeuge ..."

Manuela Reimer

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