Die Kläranlage am Ortsrand von Oberursel muss regelmäßig den Erfordernissen angepasst werden.
+
Die Kläranlage am Ortsrand von Oberursel muss regelmäßig den Erfordernissen angepasst werden.

Kläranlage muss erneuert werden

Oberursel: 450 Liter stinkende Brühe pro Sekunde

Kläranlagen-Chef Michael Maag berichtet über Kapazitätsgrenzen und neue Vorschriften.

Oberursel -"Infrastruktur kostet Geld", sagt Michael Maag. Als Chef des städtischen Eigenbetriebs Bau und Service Oberursel (BSO) weiß er, wovon er spricht - investiert werden muss aktuell vor allem in die Oberurseler Kläranlage hinter der Krebsmühle in Weißkirchen, die am Donnerstag Besuch von der SPD-Ferienfraktion bekam. Die Genossen und interessierte Bürger machten sich ein Bild von den Arbeitsabläufen, bereits realisierten Umbaumaßnahmen sowie anstehenden Projekten auf dem weitläufigen Areal an der Gemarkungsgrenze zu Frankfurt.

Infrastruktur vorzuhalten, so Maag, bedeute bei der Kläranlage einen einfachen Zusammenhang: "Je mehr Einwohner und Gewerbe, desto mehr Abwasser." Noch dazu seien in vielen Bereichen die gesetzlichen Anforderungen verschärft worden, deshalb müsse die in die Jahre gekommene Anlage erneuert und erweitert werden. Errichtet worden sei sie 1958, danach sei sie sukzessive umgebaut worden.

Dennoch sei der Sanierungsstau erheblich: In den vergangenen Jahrzehnten sei zu wenig investiert worden - viele Bauwerke und Maschinen hätten ihre Lebensdauer bereits überschritten, andere entsprächen nicht mehr dem Stand der Technik. Und klar sei: "Das ist hier ein System von Komponenten. Wenn ein Glied schwach ist, reißt die ganze Kette."

Zwölf Millionen Euro seien in den vergangenen Jahren bereits in die Anlage geflossen, die acht Mitarbeiter plus Azubi auf Trab hält. Als eines der wichtigsten Projekte, so Maag, wurde die Schlammentwässerung erneuert, die jetzt voll automatisch und mit Zentrifugen laufe, die das Trocknungsergebnis verbesserten - was wiederum die Abfuhr durch den Entsorger wirtschaftlicher mache. "Schlamm loszuwerden und zu entsorgen, wird immer schwieriger und teurer." Ob sich die Schlammentsorgung im Rhein-Main-Verbund lohne, werde ein Thema werden, ist sich der Betriebsleiter sicher.

Energie aus den Faultürmen

Mit dem in den Faultürmen erzeugten Methangas deckt man laut Wasserwirtschaftsingenieur Andreas Holzmann zwei Drittel des Energiebedarfs der Kläranlage, "an guten Tagen 100 Prozent".

Am Anfang des Klärablaufs aber stehen Zulauf und Rechen. Die Besucher blicken von oben auf eine braune, stinkende Brühe, die gen Rechen fließt, pro Sekunde 150 bis 250 Liter. "Also ungefähr so viel, wie in eine Badewanne passt", verdeutlicht Holzmann. In Spitzenzeiten passieren den Zulauf bis zu 450 Liter. Allein: Vor allem wegen häufigerem Starkregen gebe es immer mehr Probleme. Maag: "Die 450 Liter sind heute schon nicht mehr auskömmlich." Mittelfristig wolle man deshalb ein Zulaufvolumen von 500 Liter schaffen. An anderen Stellen in der Stadt solle das Stauvolumen erhöht werden.

Auch insgesamt ist die Kapazität ein Thema: Aktuell liege die Belastung der Anlage bei 63 000 so genannten Einwohnerwerten. Dahinter verbergen sich Orschels tatsächliche Einwohner - abgesehen von Oberstedten, das an Bad Homburg angeschlossen ist - und die Gewerbebetriebe im Stadtgebiet, denen jeweils ein spezifischer Wert zugeordnet wird. Bei 75 000 Einwohnerwerten ist Schluss - und dieser Maximalkapazität, Stand heute, nähere man sich "Stück für Stück" an. "Wir müssen was tun", meint Maag - denn die Brunnenstadt wächst. Was bis 2023 an B-Plänen vorgesehen sei, so Tiefbauexperte Bernd Feger, packe man aber noch.

Auch der Rechen, der Klopapierreste heraussiebt, ist schon älter - "heute setzt man zwei, für den Störfall", weiß Experte Holzmann. Bereits vergrößert und modernisiert ist der Sandfang, den das Abwasser dann durchläuft. Das Vorklärbecken mit dem großen Räumer hingegen, in dem danach organische Stoffe entfernt werden, wurde verkleinert: "In der Hauptstufe hatten die Bakterien zu wenig zu essen", erklärt Holzmann.

Auch die außerplanmäßige Betonsanierung in der Vorklärung habe man nicht aufschieben können. "Beton hält 50 Jahre, Sie sehen ja, wie er danach aussieht", sagt er und deutet auf eines der alten Regenüberlaufbecken.

Dann geht es weiter zu den beiden Becken der zweiten Stufe, in denen "das Wasser wirklich sauber gereinigt wird", so Holzmann. "Das Braune, was Sie hier sehen, ist kein Dreck, sondern die Bakterienkolonien." Die Zusammensetzung werde jeden Tag geprüft, sei sie doch entscheidend dafür, dass Nitrit und Ammoniak tatsächlich abgebaut würden. Zuletzt wird das Wasser in die vier Nachklärbecken geleitet, in denen sich die Bakterien am Boden ablagern und verbliebener Schwimmschlamm entfernt wird. Auch die Nachklärbecken seien erneuerungsbedürftig. Holzmann: "Das ist eines unserer nächsten Projekte."

Durch einen Schacht fließt das Wasser aus den Nachklärbecken schließlich in den Urselbach gen Frankfurt ab. Das Problem dabei: Es enthält für den Zustand von Urselbach und Nidda immer noch zu viel Phosphat. Die millionenschwere neue Fällmittelstation, in der Phosphat ausflockt, hat den Wert von bis zu 1,2 Milligramm auf 0,3 bis 0,4 Milligramm pro Liter gedrückt - was für die Vorschriften des Landes Hessen nicht mehr reicht: "Wir müssen permanent 0,2 Milligramm schaffen", berichtet Maag. Eine Auflage, die bis Ende 2023 erfüllt sein müsse. "Das ist dann der höchste Reinigungsgrad in Hessen", weiß Bernd Feger, betroffen seien landesweit rund 20 Kommunen.

Phosphor muss entfernt werden

Möglich machen soll das Ganze eine Filtrationsanlage zur Phosphor-Elimination - die ist schon länger geplant. Sie kann jedoch nicht mehr, wie ursprünglich vorgesehen, auf der anderen Straßenseite, also auf Frankfurter Fläche, entstehen. "Wir haben uns jahrelang um die Grundstücke bemüht, aber der geplante Gemarkungstausch ist nicht rechtzeitig erfolgt." Jetzt müsse man mit nur noch einer Erweiterungsfläche auskommen: städtischer Grund auf der anderen Seite der Kläranlage, den Bachlauf weiter hoch. Deshalb müsse auch die Einleitung in den Bach versetzt werden.

Die neue Anlage, so Maag, solle zukunftssicher gebaut werden - was das Land explizit gefordert habe -, also schon mit Blick auf mögliche weitere Nachrüstungen, Stichwort vierte Reinigungsstufe. Faktoren, die den Bau nicht gerade günstiger machen: Aktuell lägen die geschätzten Kosten bei bis zu 14,7 Millionen Euro, einen Teil wolle man durch Fördermittel wieder reinholen. Baubeginn, hofft Maag, soll spätestens Anfang 2022 sein, die Bauzeit anderthalb bis zwei Jahre betragen.

Doch der BSO - und damit die Stadt - muss wohl noch mehr Geld in die Hand nehmen: Nach der Sommerpause wird den städtischen Gremien dem Vernehmen nach ein Papier präsentiert, in dem von insgesamt 20 Millionen Euro die Rede sein wird, die von 2021 bis 2023 in die Kläranlage investiert werden sollen.

Außer der Phosphorelimination fallen nämlich noch mehrere "kleine" Maßnahmen an, die wohl nicht mehr aufgeschoben werden können. Und auch das ist noch nicht das Ende der Fahnenstange - blickt man weitere zehn Jahre in die Zukunft, steht am Ende womöglich eine - heute grob geschätzte - Summe von rund 48 Millionen Euro. Nicht eingerechnet dabei: etwaige Kosten einer vierten Reinigungsstufe.

VON Manuela Reimer

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare