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Oberursel: Ökosystem in Schieflage

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Der kleine Davin Kaiser ist sichtlich von Pfeil und Bogen begeistert.
Der kleine Davin Kaiser ist sichtlich von Pfeil und Bogen begeistert. © caro

Eine lehrreiche Wanderung führt im Rahmen des Aktionstages im Stadtwald in die Welt der Käfer.

Oberursel -Kaum ein Blatt, einen Ast oder eine Pflanze scheint es im Oberurseler Schulwald zu geben, an denen Johannes Schwed nicht etwas Sehenswertes entdeckt. Und es in so launiger Weise erklärt, dass man sich seiner Faszination für den Wald und all seine Bewohner kaum entziehen kann. Um Letztere, vor allem die kleinsten Lebewesen, ging es am vergangenen Samstag bei der Käferwanderung, die im Rahmen der Waldzeit in Oberursel stattfand. Organisiert von der Stadt Oberursel und dem Kultur- und Sportförderverein Oberursel e.V. (KSfO) konnten kleine und große Teilnehmer Wissenswertes aus den schier unerschöpflichen Kenntnissen von Schwed erfahren.

Mathias Brand, Stadt Oberursel, und Beate Steinfort-Krailing vom Kultur- und Sportförderverein Oberursel begrüßten die Gäste und wünschten eine spannende Wanderung, ehe die Reise ins Reich der Käfer begann, auf der Johannes Schwed gleich zu Beginn auf die Auswirkungen der Trockenheit der vergangenen Monate, ja Jahre, verwies.

Fichten sterben zuerst ab

Während Eichen und Buchen dank ihrer langen Wurzeln Wasser auch noch aus tieferen Schichten holen können sind es vor allem die Fichten, die unter dem Wassermangel leiden. Ihre flachen Wurzeln erreichen nur die oberen Bodenschichten, Trockenstress setzt deutlich schneller ein. So geschwächt, sind sie ein dankbares Ziel für Borkenkäferarten wie den Buchdrucker. Aufgrund des Wassermangels konzentriert sich der Pflanzensaft im Stamm und lockt so den Schädling an, der sich sogleich in die Borke frisst. Im Inneren des Baums schafft er sich ideale Bedingungen für seine Fortpflanzung, die Larven fressen sich durch bis zu den Leitungsbahnen und zerstören diese. Die mithilfe von Sonneneinstrahlung aus Wasser und Kohlendioxid von den Blättern produzierten Nährstoffe können nicht mehr zu den Wurzeln transportiert werden, die für die Wassergewinnung notwendigen Feinwurzeln sterben ab. Folge: Der Baum beginnt abzusterben. Bis zu drei Generationen Buchdrucker kann es pro Jahr geben, ihr Wachstum potenziert sich bei Kalamitäten wie starker Trockenheit.

„Die Fichte wird es über kurz oder lang hier im Wald nicht mehr geben“, ist sich Schwed sicher. Vor allem auch, weil es kaum eine sichere Bekämpfung der Käfer gibt, die grundsätzlich in Populationen gesunden Ausmaßes ja auch eine Funktion im Wald haben.

So genannte Primärschädlinge wie beispielsweise der Buchdrucker schaffen Futter für andere Käfer, die Sekundärschädlinge, die sich über die abgestorbenen Bäume hermachen. Erst wenn das Verhältnis zwischen den Arten aus dem Gleichgewicht gerät, einzelne Gattungen sich überproportional vermehren, gerät das feine Gefüge in Schieflage.

Wie vielfältig das Leben im Wald ist, zeigt sich, als Schwed innerhalb kürzester Zeit ein knappes Dutzend Kriechtiere in seiner Becherlupe sammelt, von sechsbeinigen Käfern über achtbeinige Spinnen bis hin zu Kellerasseln, die sich mit sage und schreibe vierzehn Beinchen vorwärts bewegen. Sogar einen vereinzelten Pilz, die Ochsenzunge, die den kurzfristigen Niederschlag genutzt hat, entdeckt er an einer Eiche.

Pfeil und Bogen vom Waldexperten

Und so ganz nebenbei hat der Waldexperte auch noch etwas geschaffen, das Kinderaugen leuchten lässt. Einen echten Pfeil und Bogen aus Haselnussholz. Um Verletzungen zu vermeiden, hat Schwed der Pfeilspitze einen Schutz aus dem Holz des Holunderbusches verpasst. Das ist nämlich innen sehr weich, so dass die Spitze gut darin geparkt werden kann. Außerdem wird der Pfeil mit einem roten Bändchen versehen, damit er im Unterholz gut wiedergefunden wird.

Und ehe der fünfjährige Davin Kaiser den ersten Pfeil durch die Luft zischen lässt gibt Johannes Schwed ihm und seinem Vater noch einen wichtigen Tipp: Den Bogen jeden Abend aufrecht stehend ins Wasser stellen, so bleibt die Elastizität erhalten.

Kurzweilig, unterhaltsam und vor allem informativ, so lässt sich die Veranstaltung in wenigen Worten auf den Punkt bringen. Schweds Ausführungen machen wieder einmal deutlich, wie wichtig unser Wald und seine Bewohner für uns alle sind, wie schützenswert. Und wie nachdrücklich die Schäden sind, wenn die komplexen Vorgänge in diesem hochfunktionalen und doch zugleich so fragilen Ökosystem gestört werden.

Waldexperte Johannes Schwed, links, kann zu jedem Blatt und allem, was im Forst so kreucht und fleucht, Wissenswertes erklären.
Waldexperte Johannes Schwed, links, kann zu jedem Blatt und allem, was im Forst so kreucht und fleucht, Wissenswertes erklären. © caro

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