1. Startseite
  2. Region
  3. Hochtaunus
  4. Oberursel

Oberursel: Pläne fürs Liebfrauen-Quartier bleiben umstritten

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Gabriele Calvo Henning

Kommentare

So könnte nach den Vorstellungen aus den Gutachten die Herzbergstraße als Fahrradstraße mit eindeutigen Markierungen und ausgewiesenen Parkbuchten in einem ersten Schritt aussehen.
So könnte nach den Vorstellungen aus den Gutachten die Herzbergstraße als Fahrradstraße mit eindeutigen Markierungen und ausgewiesenen Parkbuchten in einem ersten Schritt aussehen. © Janina Albrecht

Im Bauausschuss entlädt sich der Unmut der Bewohner. Die Fronten sind verhärtet und die Stadt im Hochtaunuskreis räumt Versäumnisse ein.

Oberursel – Diese Sitzung des Bau-, Umwelt- und Klimaauschusses (BUKA) am Mittwochabend (04.05.2022) hat das Zeug in die Annalen einzugehen: Aus einer normalen Sitzung wurde eine Art Sondersitzung mit vielen Emotionen über die spontan erweiterte Bürgerfragestunde hinaus. Mit mehr als 70 Besuchern war der Rathaussaal randvoll.

Im Zentrum des Geschehens zwei Beschlussvorlagen des Magistrats: einmal zur schrittweisen verkehrlichen Umgestaltung des Liebfrauen-Quartiers mit Fahrradstraßen, einem neuen Einbahnstraßensystem, neuer Parkraumbewirtschaftung und Möglichkeiten fürs Bewohnerparken. Letzteres war auch Gegenstand der zweiten Vorlage, mit der schwerpunktmäßig eine Neuordnung der Parkplatzbewirtschaftung in Bereich des Bahnhofs samt Liebfrauen-Quartier und in der Altstadt auf den Weg gebracht werden soll, um den Parkdruck besser zu verteilen.

Oberursel: Ärger über Umgestaltung des Liebfrauen-Quartiers ist groß

Die Unmutsäußerungen aus dem Publikum auf die Vorträge der drei Referenten von dem mit den Gutachten beauftragten Planungsbüro zeigten: Der Ärger ist groß, die Fronten verhärtet, wenn es ums Liebfrauen-Quartier geht, ein Teil der Bewohner, organisiert in einer kürzlich gegründeten Bürgerinitiative (BI), befürchtet einen massiven Wegfall von Parkmöglichkeiten und meint damit das Parken auf Gehwegen, das seit langem praktiziert und weitgehend gedudelt wird. Problemlos, meint die BI. Legal aber ist das nicht, und es sorgt, so stellen Magistrat und Gutachter fest, für eine tägliche Gefährdung von Fußgängern und Radlern. Es gebe Durchfahrtsprobleme für die Feuerwehr in dem ohnehin durch den Schülerverkehr rund ums Gymnasium (GO) belasteten Bereich.

Dagegen hielten Vertreter der BI, dass es bislang keine gravierenden Unfälle gegeben habe, was wiederum Ulrich Molter, Chef der Verkehrsplanung, zu der Äußerung veranlasste: "Ich will nicht, dass es erst zu einem Unfall kommt." Bei den Planungen gehe es, so der Tenor auf der Pro-Seite, schließlich um mehr Lebensqualität im Quartier, indem Durchgangsverkehr reduziert, Fremdparker herausgehalten und Radler Vorrang bekommen sollen. Hier sieht man das GO in der Pflicht dafür zu sorgen, dass die schuleigene Tiefgarage besser von Schülern und Lehrern genutzt wird.

Gutachten in Oberursel beauftragt

Tatsächlich habe man die Gutachten beauftragt, weil es Anwohnerwünsche gegeben habe, die Situation zu verbessern, stellte Bürgermeisterin Antje Runge (SPD) gegenüber den kritischen Bürgern fest, die ihrerseits die Pläne für "Irrsinn" erklärten.

Anders als Susanne Bittner, Vorstandsmitglied beim ADFC, die für mehr Sicherheit gerade für Kinder, betagte oder behinderte Menschen plädierte und von der BI dafür ausgebuht wurde. Die Hinweise von Gutachtern und Stadtverwaltung, dass die Pläne einen Versuchscharakter mit viel Platz für Modifikationen hätten, überzeugten die BI-Vertreter in der Sitzung nicht.

Oberursel: Kritik an fehlender Kommunikation

Die Gemengelage ist schwierig. Die Gretchenfrage auch für die Politik lautet: Für wie viel Veränderung ist man bereit? Dafür aber braucht es Information. Da hat es von städtischer Seite im Vorfeld zu wenig gegeben, räumt man bei der Stadt ein. Zwar gab es im Herbst Bürgerbeteiligungformate, der Pandemie geschuldet vor allem im Online-Format und mit einer geringen Beteiligung. Als erste Maßnahmen in den Osterferien kommen sollten, gemeint sind die kurzfristig zurückgenommenen Markierungsarbeiten für neue Parkbuchten, hatte es zuvor keinerlei Information für Anwohner gegeben.

Auch die Politik sieht großen Beratungsbedarf, so wie Andreas Bernhardt, der für die OBG-Freie Wähler einen mehrseitigen Fragenkatalog vortrug. Folgerichtig stimmten die Ausschussmitglieder die Vorlagen nicht ab und beraumten eine Sondersitzung an. Bürgermeisterin Runge versprach, alle Maßnahmen besser zu koordinieren. Parallel dazu werde es eine Bürgerbeteiligung zu den einzelnen Schritten geben. Ziel aber bleibt, dass die Umgestaltung im Quartier mit dem Fahrradstraßen-Versuch in der Zeppelinstraße im kommenden Jahr beginnen soll.

Ziel bleibt auch, dass man zu einer sicheren und gleichberechtigten Straßennutzung für alle Verkehrsteilnehmer kommen will und Klimaschutz und Verkehrswende ins Kalkül zieht. Auf die kommenden Diskussionen darf man gespannt sein.

Oberursel: Die Eckpunkte aus den Gutachten

Die drei von den Fachbüros PGV-Alrutz, Studio Janina Albrecht und IKS Mobilitätsplanung erstellten Gutachten können und sollen nicht unabhängig voneinander betrachtet werden, genauso wenig wie sich die Gutachten, die sich auf die verkehrliche Umgestaltung des Liebfrauen-Quartiers beziehen, losgelöst vom Rest der Stadt verstanden werden können.

Denn die fürs Quartier angedachte Einrichtung von Fahrradstraßen und die Etablierung eines neuen Einbahnstraßensystems, das den Durchgangsverkehr reduzieren soll, hat wiederum Auswirkungen auf die Straßen drumherum, denn irgendwohin muss der Verkehr abgeleitet werden. Im Quartier selbst soll das dafür erarbeitete Einbahnstraßensystem zugleich so gestaltet sein, dass dort jedes Ziel jederzeit auch von Kraftfahrzeugen erreicht werden kann, wenn auch auf anderen Wegen als jetzt. Auch die angestrebte Optimierung des öffentlichen Verkehrsraums mit ausgewiesenen Parkbuchten und Parkverboten hat wiederum Effekte auf die nähere und weitere Umgebung, die die im Quartier nicht wohnenden Dauerparker in irgendeiner Weise aufnehmen müssen, während die hier wohnenden Menschen die Möglichkeit für ein kostenpflichtiges Bewohnerparken bekommen sollen.

Liebfrauen-Quartier: Konflikte sollen entschärft werden

An dieser Stelle stellt der Kasseler Mobilitätsexperte Andreas Schmitz (IKS) fest, dass Oberursel kein "Parkplatz-, sondern ein Verteilungsproblem hat", und plädiert dafür, mit bestimmten Maßnahmen die Hotspots beim Parken in der Altstadt und im Bahnhofsbereich samt Liebfrauen-Quartier zu entlasten und auf diese Weise die "Nutzungskonflikte" zwischen Bewohnern und nur temporär parkenden Auswärtigen zu entschärfen. Das könne für die Altstadt durch eine bessere Nutzung der Parkhäuser passieren, in denen es immer freie Parkplätze gebe, so Schmitz.

Diese "Asymmetrie" müsse in den Griff bekommen werden, was über ein verbessertes Angebot für Kurzparker in den Parkhäusern erreicht werden könnte und ebenfalls durch eine neue Preispolitik mit mehr kostenpflichtigen oberirdischen Parkplätzen. Es gehe um eine flächendeckende Bewirtschaftung mit logischen Tarifzonen, die, digital unterstützt, eine verteilte Nutzung der vorhandenen Parkplätze bringen könnte.

Die drei Gutachten der beauftragten Planungsbüros können auf der städtischen Internetseite www.oberursel.de abgerufen werden. Zurzeit sind sie über die Kommunale Bürgerinfo und dort in den aktuellen Sitzungsunterlagen des Bau-, Umwelt- und Klimaausschusses (BUKA) zu finden. (Gabriele Calvo Henning)

Auch interessant

Kommentare