Wegen einer massiv eingebrochenen Auftragslage sollen in diesem und im kommenden Jahr rund ein Viertel der insgesamt 1000 Arbeitsplätze bei Roll Royce in Oberursel wegfallen. Foto: Jochen Reichwein
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Wegen einer massiv eingebrochenen Auftragslage sollen in diesem und im kommenden Jahr rund ein Viertel der insgesamt 1000 Arbeitsplätze bei Roll Royce in Oberursel wegfallen. 

Arbeitsplätze in Gefahr

Oberursel: Rolls Royce will 250 Stellen streichen

  • vonHager Ali
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Schwerer Schlag für den Rolls-Royce-Standort in Oberursel: Viele Arbeitsplätze sind in Gefahr. Der Betriebsrat ringt um sozialverträgliche Lösungen. 

Oberursel - Erst der Brexit, dann Corona - bei Rolls Royce am Standort Oberursel stehen die Zeichen auf Stellenabbau. Die Misere, in der die Luftfahrtbranche wegen Covid-19 steckt, macht auch vor dem Hightech-Unternehmen in der Hohemarkstraße nicht Halt. Solange an den internationalen Flughäfen die Langstreckenflieger von Airbus und Boeing wegen fehlender Nachfrage und Reisebeschränkungen am Boden bleiben, ist davon auch Rolls Royce betroffen - hier werden wichtige Bauteile für die großen Flieger gefertigt.

Jetzt steht fest: Von den hiesigen rund 1000 Stellen sollen in diesem und im kommenden Jahr 250 gestrichen werden, so jedenfalls der Vorschlag des britischen Triebwerkherstellers für das Unternehmen in der Brunnenstadt. Dazu kommen noch einmal 550 Stellen am Standort im brandenburgischen Dahlewitz. Insgesamt plant Rolls Royce wegen der massiven Auftragseinbrüche, weltweit 9000 Stellen abzubauen. Die Situation, in der man sich befinde, wird von Rolls Royce als "beispiellos" bewertet.

Das sieht der Vorsitzende des Betriebsrates bei Rolls Royce in Oberursel, Rolf-Dieter Dreyer, ähnlich, jedenfalls, was die Beispiellosigkeit betrifft. "Ich habe schon viele Krisen mitbekommen, etwa die Finanzkrise. Aber so etwas habe ich auch noch nicht erlebt", sagt Dreyer im Gespräch mit dieser Zeitung. Seitdem im Mai von der Unternehmensspitze signalisiert wurde, dass es ohne einen massiven Stellenabbau nicht gehen werden - vor 2024 verspricht man sich keine Erholung auf dem Niveau von 2019 -, hat er etliche Gespräche geführt, ist nach Berlin und wieder zurück gereist. Auch jetzt steht sein Telefon nicht still, ein Besprechungstermin jagt den nächsten.

250 Stellen, das ist ein Viertel der Belegschaft, um das es geht. Dreyer will sich dafür stark machen, dass die Jobs so sozialverträglich wie nur möglich abgebaut werden. Dabei kann er nach eigenen Angaben auf die Unterstützung der IG Metall bauen.

Jetzt gehe es darum, die Zahlen genau zu analysieren und daraufhin abzuklopfen, welche Möglichkeiten bestehen und was vom Arbeitgeber gefordert werden kann. 250 Stellen weniger dürfe nicht ebenso viele Kündigungen bedeuten. Dreyer sieht noch andere Optionen: "Es gibt die Altersteilzeit oder die Möglichkeit, dass junge Leute vielleicht doch jetzt ein Studium aufnehmen und das Unternehmen für einige Zeit verlassen." Weitere Hebel seien die Arbeitszeitverkürzung und eine Verlängerung der Kurzarbeit. "Es geht darum, alle Maßnahmen zu ergreifen, damit wir durch dieses Tal der Tränen kommen, bis es wieder weitergeht mit den Langstreckenflügen." Es gehe um vernünftige Lösungen, die zusammen mit der Geschäftsleitung gefunden werden müssen, dafür will Dreyer kämpfen.

Im Blick hat er dabei auch die jüngeren Arbeitnehmer, denen weiterhin eine Perspektive gegeben werden müsse. "Die Jungen sind unsere Zukunft", und um genau die gehe es jetzt.

Brum: Es geht um ein Stück Oberursel

Unterdessen hat Rolls Royce signalisiert, abgeschlossene Lehrverträge zu erfüllen. "Es ist wichtig, dass wir wichtige Fähigkeiten für die Zukunft erhalten, und wir werden das neue Ausbildungsjahr in Deutschland mit rund 30 Auszubildenden, 18 in Oberursel und 14 in Dahlewitz, beginnen. Wir sind entschlossen, unsere Lehrlingsausbildung abzuschließen", teilt ein Konzernsprecher auf Anfrage mit.

Die Nachricht, dass Rolls Royce Stellen abbaut, beschäftigt auch das Rathaus. Bürgermeister Hans-Georg Brum (SPD) zeigt sich betroffen von den Plänen. "Es geht dabei um ein Stück Oberursel", sagt er, denn es treffe einen Technik-Standort mit einer langen und wichtigen Tradition. Brum meint damit die Motorenwerke, die vor Rolls Royce hier produziert haben. "Das alles hat den Oberurseler Norden stark geprägt", betont der Bürgermeister.

Den Grund für die gegenwärtige Krise sieht Brum ebenfalls in der Corona-Pandemie. Hierzu müsse aber auch der Brexit gedacht werden, von dem das britische Unternehmen betroffen ist und unter dessen neuen Bedingungen sich Unternehmen wie Rolls Royce in der Zukunft international neu ausrichten müssen.

Hoffnung auf Erholung

Die Ankündigung, ein Viertel der Stellen zu streichen, sei schwierig, so Brum weiter. Andererseits aber habe Rolls Royce schon etliche Krisen durchgemacht. Die jetzige Situation müsse nicht von Dauer sein. Wenn sich die Auftragslage wieder verbessere, dann könne auch Rolls Royce davon profitieren, hofft der Rathauschef, der im engen Kontakt mit der Unternehmensleitung steht. Den Standort selbst sieht Brum nicht in Gefahr.

Schockiert zeigt sich die SPD-Landtagsabgeordnete Elke Barth von der geplanten Stellenstreichung. Sie war erst kürzlich zusammen mit einem Kollegen aus dem Wirtschaftsausschuss vor Ort. Bislang sei das Kurzarbeitergeld eine Hilfe gewesen. Das aber laufe zum Jahresende aus. Deshalb fordert Barth in einer Mitteilung, dass man in besonders nachhaltig betroffenen Branchen - und dazu gehöre für sie die Luftfahrt - auf Bundesebene darüber nachdenken solle, das Kurzarbeitergeld zu verlängern. Barth sieht, dass die Entscheidungsbefugnisse vor Ort beschränkt sind, da die Unternehmensstrategie nach wie vor in Großbritannien bestimmt werde. Dennoch müsse alles unternommen werden, "um so viele Arbeitsplätze wie möglich dieses wichtigen Arbeitgebers in der Region zu erhalten", so Barth. Das gelte auch für die verschiedenen Ebenen der Politik, alv

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