1. Startseite
  2. Region
  3. Hochtaunus
  4. Oberursel

Oberursel: Schreckenserlebnisse weitersagen und weitertragen

Erstellt:

Kommentare

Walter Breinl und Angelika Rieber im Gespräch mit Dirk Müller-Kästner (rechts) im Livestream von Studio Orschel.
Walter Breinl und Angelika Rieber im Gespräch mit Dirk Müller-Kästner (rechts) im Livestream von Studio Orschel. © Elena Schemuth

Das Studio Orschel fragt nach der Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen und dem Gedenken an die Opfer durch die nachfolgenden Generationen.

Oberursel -Als die AG "Nie wieder 1933" im Jahr 1981 gegründet wurde, um die Erinnerung an die Gewaltherrschaft des Nazi-Regimes, auch in Oberursel, wach zu halten, waren Angelika Rieber und Walter Breinl noch junge Lehrer. 40 Jahre später schilderten sie nun im Rahmen der Youtube-Reihe "Studio Orschel", wie sie die Erinnerungskultur von heute erleben und was sie ausmacht.

Wie immer waren auch die Moderatoren Dirk Müller-Kästner und Michael Behrent mit von der Partie. Gemeinsam tauchte das Quartett unter der Überschrift "Erinnerung und politische Identität" auch ein Stück weit in die Historie der Oberurseler Vereinslandschaft ein.

Wenn man so will, ist diesbezüglich der Vereinssitz des Schwimm-Clubs (SCO) Oberursel ein historischer Ort. Denn es war der SCO, der 1981 die Kirchengemeinden, kulturtreibenden Vereine, Parteien und politischen Jugendgruppen der Stadt dazu aufrief, einen Abend zur Erinnerung an die sogenannte Wannsee-Konferenz vom 20. Januar 1942 zu gestalten.

Im Mittelpunkt sollte auch die Musikgruppe ESPE stehen, die sich der jüdischen Musikkultur widmet. Dieser Appell hatte zur Folge, dass eine Arbeitsgruppe entstand, an der sich zahlreiche Oberurseler Vereine und Institutionen beteiligten. Der Arbeitskreis nannte sich direkt nach seiner Gründung "Arbeitsgemeinschaft 20. Januar 1942 - Wannseekonferenz" als Gedenken an die Gräueltaten, die bei jener Besprechung besiegelt wurden, als die fabrikmäßige und endgültige Vernichtung der europäischen Juden organisiert wurde.

Als im August 1981 dann die erste Sitzung der AG "Nie wieder 1933" stattgefunden habe, sei es um Erinnerung, aber auch um politische Identität gegangen, erinnert sich Walter Breinl, ehemaliger Leiter der IGS-Stierstadt. Bereits Ende der 1970er Jahre habe er erkannt, dass er Diskriminierung gegen Andere nicht zulassen werde. Breinl: "Kurz zuvor hatte ich die Türkei besucht und hier nur freundliche Leute angetroffen. Zu Hause gab es dann das Kontrastprogramm." Die Türken hier wurden nicht selten angefeindet. Das wollte er ändern.

Für Angelika Rieber, Vorsitzende der Gesellschaft für jüdisch-christliche Zusammenarbeit Hochtaunus, war der Einstieg in die Erinnerungsarbeit ein anderer. Sie pausiert kurz, nimmt einen Schluck aus dem geriffelten Glas vor ihr und setzt an: "Als ich als junge Lehrerin anfing, gab es so gut wie nichts über die jüdische Geschichte." Eine Fahrt zur Gedenkstätte Hadamar war ihr persönlicher Einstieg in die Arbeit der AG. Es gefiel ihr, dass sich die Arbeitsgemeinschaft schon damals mit der jüdischen Geschichte oder aber Themen wie Zwangsarbeit auseinandersetzte. "Für mich ist der biografische Ansatz der wichtigste", sagt Rieber, die Interessenten im Rahmen ihrer Stadtführungen in Oberursel auch an jene Orte führt, an denen jüdische Mitbürger gelebt haben.

Rückbesinnung auch

ohne Zeitzeugen

"Wie kann es eine Erinnerungskultur ohne Zeitzeugen geben?", wollte Dirk Müller-Kästner wissen. Angelika Rieber ist überzeugt, dass die Erinnerung auch auf andere Weise wach gehalten werde. Zum einen habe sie Tondokumente, die sie auch ihren Schülern vorgespielt habe. "Außerdem sind wir auch Zeitzeugen und können die Geschichten weitererzählen."

Nachahmenswert findet sie in diesem Zusammenhang ein Projekt der Stadt Frankfurt, das die Nachfolge-Generation in die Erinnerungsarbeit einbindet. Die Begegnung mit den Kindern der Zeitzeugen sei oft eine Spurensuche. Von Hologrammen als Erinnerungsmaterial hält die pensionierte Lehrerin jedoch nichts. "Die sind teuer, künstlich und stellen keine reale Begegnung dar", sagt sie, die in ihrem Unterricht stets auf Filme, schriftliches Material und echte Begegnungen gesetzt hat.

Michael Behrent hielt seinerseits den beiden Zeitzeugen den Spiegel der Jahre vor: "Hat die AG 40 Jahre später noch dieselben Aufgaben, was hat sich in der Arbeit geändert?" Angelika Rieber kann das sofort beantworten. "Am Anfang waren die Jugendlichen noch näher an der NS-Zeit dran und für die Eltern war das damals noch ein Tabuthema." Mittlerweile sei das Thema in der Gesellschaft anerkannt. "Früher waren wir noch die Schmuddelkinder, wenn wir uns damit beschäftigt haben", weiß Rieber zu berichten. Und noch einen weiteren Punkt gibt sie zu bedenken: Die Angst, die Jugend wolle die NS-Zeit vergessen, sei ihrer Erfahrung nach unbegründet. An dieser Stelle moralischen Druck auszuüben, halte sie für falsch. Auch Walter Breinl pflichtet seiner AG-Kollegin bei: "Es sollte keine Vorschriften innerhalb der Erinnerungskultur geben." Es sei kontraproduktiv, die eigenen Ängste auf die Jugendlichen zu projizieren, finden beide.

Auch interessant

Kommentare