Hier im Bereich der Auwald-Vegetation ist der Urselbach schon ziemlich naturnah, wie Jens Gessner (Mitte), Umweltabteilungsleiter im Rathaus, beim Wasser-Kultur-Spaziergang erklärt.
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Oberursel im Taunus hat viel vor, um Hochwasser vorzubeugen: Hier im Bereich der Auwald-Vegetation ist der Urselbach schon ziemlich naturnah, wie Jens Gessner (Mitte), Umweltabteilungsleiter im Rathaus, beim Wasser-Kultur-Spaziergang erklärt.

Regenwasser aufsaugen und speichern

So will Oberursel Hochwasser vorbeugen

  • VonManuela Reimer
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Oberursel im Taunus will seine Bäche renaturieren – und Regenwasser aufsaugen und speichern. Damit möchte die Stadt Hochwasser vermeiden. Wie soll das funktionieren?

Oberursel – Oberursel auf dem Weg zur „Schwammstadt“ – unter dieser Überschrift stand der Wasser-Kultur-Spaziergang, zu dem am vergangenen Samstag Stadt und Lokale Oberurseler Klimainitiative (LOK) eingeladen hatten. Von den Portwiesen hinter der Marxstraße aus folgten die mehr als 30 Interessierten dem Verlauf des Urselbachs bis an die Stadthalle von Oberursel im Taunus. Dabei wurde schnell klar: Während es an manchen Stellen schon recht naturnah um die Orscheler Lebensader bestellt ist, braucht es an vielen anderen noch eine blühende Fantasie, um sich das Schwammstadt-Ideal vor Augen zu führen.

Das stadtplanerische Konzept einer Sponge City – zu Deutsch: Schwammstadt – sieht vor, dass Städte möglichst viel Niederschlag nicht einfach über die Kanalisation oder kanalartige, gemauerte Bäche abfließen lassen und von versiegelten Flächen ableiten, sondern das Wasser wie ein Schwamm aufsaugen, um es bei Trockenheit wieder abzugeben. Sprich: Die Regenfälle werden lokal aufgenommen und wiederverwendet beziehungsweise zwischengespeichert – was nicht nur das Kanalnetz entlasten und Hochwasser vorbeugen soll, sondern vor allem auch der Grundwasserneubildung dienen und das städtische Mikroklima verbessern kann.

Hochwasser in Oberursel vorbeugen: Entsiegeln, begrünen, Zisternen bauen

„Im Idealfall versickert das Wasser auf dem Grundstück, über dem es runterkommt – dann wäre jede Fläche ihr eigener Schwamm“, erklärt Dietrich Andernacht, der bei der LOK nicht nur in der Wasser-Kultur-Projektgruppe sitzt, sondern für die Linke auch im Stadtparlament. Wie das funktionieren könnte? „Entsiegeln, begrünen, Zisternen bauen“, zählt Andernacht auf. „Man muss möglichst viele Stellen in der Stadt schaffen, die Wasser aufnehmen können.“

Eine wichtige Rolle spielt dabei auch der Urselbach: In den vergangenen 100 Jahren, so Andernacht, als man das Wasser nicht mehr genutzt habe, keine Mühlen mehr antreiben wollte, „hat man ihn verschwinden lassen, gedeckelt.“ Motto: Hauptsache, er fließt und stört nicht.

Klimainitiative in Oberursel: Urselbach soll renaturiert und entkanalisiert werden

Auch heute sei der Bach nützlich, weiß das LOK-Mitglied. „Er bringt uns Abkühlung. Man muss ja nur mal schauen, wie das Mikroklima im Sommer in Frankfurt aussieht...“ Die Frage sei also, wie man den Bach - insbesondere was seine klimatischen Funktionen und seine Funktion als Erholungsraum angehe - noch besser nutzen und dabei gleichzeitig die Hochwassergefahr reduzieren könne. Wo man wieder bei der Schwammstadt sei: Es gelte, Retentionsflächen zu schaffen, die Wasser aufnehmen könnten und den Bach zu entkanalisieren und zu renaturieren. Damit wäre er auch wieder „erlebbar“, argumentieren Peter Cornel und Otto Bammel von der LOK, Letzterer als Leiter der Wasser-Kultur-Projektgruppe: Es böten sich Ausblicke auf Rückzugsräume für Flora und Fauna mitten in der Stadt, kühle Schattenoasen bereicherten das Stadtbild und erhöhten die Lebens- und Aufenthaltsqualität.

An den Portwiesen, der ersten Station des Spaziergangs, komme man der Schwammstadt vergleichsweise nah, sagt Jens Gessner. Der Leiter der Umweltabteilung im Rathaus weiß, wie wichtig der Naturraum ist: „Wir haben hier eine Belüftungsinsel. Die Bedeutung für die bebaute Stadt ist enorm.“ Die Klimawirksamkeit sei nach wie vor hoch - trotz der Häuser, die auf dem Altkönigsportplatz gebaut worden seien.

Oberursel im Taunus: Kosten sind noch unklar

Der Verlauf des Bachs, der an vielen Stellen im Stadtgebiet, wo er früher genutzt worden sei, eine „Naturferne“ aufweise, sei hier „relativ natürlich“. „Er kann Luft holen und auch mal etwas über die Ufer treten, zumindest in eine Richtung.“ Europarechtlich seien Kommunen über die Wasserrahmenrichtlinie zur Renaturierung ihrer Gewässer bis 2027 angehalten, erklärt Gessner. „Aber insgesamt ist in der EU noch relativ wenig geschehen.“ Auch die rund 20 Jahre alten Pläne, die der Fachmann hochhält, wurden weder beschlossen noch umgesetzt, sondern liegen in einer Rathausschublade: Das Papier zeigt, wie man die Wasserflächen noch naturnäher gestalten und von der Bebauung wegnehmen könnte.

Die Kosten, die heute anfallen würden, sind laut Gessner unklar. „Aber man kann viel selbst machen, zum Beispiel Dekonstruktion. Auch die Kanäle im Auwaldbereich könnte man relativ leicht wieder anschließen.“ Das kleine Auwaldstück, in dem vor allem Erlen wachsen, die mit ihren Wurzeln das Ufer festlegen, sei der naturnächste Raum, berichtet Gessner beim kurzen Stopp.

Renaturierung in Oberursel: Fördergeld aus Wiesbaden für die Stadt im Taunus

Ob und wann die Kanäle angeschlossen werden, steht nicht fest. Allerdings sei man mit dem Urselbach ins Förderprogramm „100 Wilde Bäche für Hessen“ aufgenommen worden – Oberursel wird also künftig aus Wiesbaden dabei unterstützt, dem Gewässer einen guten ökologischen Zustand zurückzugeben. Bitter nötig wär‘s etwa am Bachweg. Otto Bammel deutet auf den schmalen Kanal - von Grün keine Spur - und fordert einen Bürgerdialog: „Wir müssen uns proaktiv überlegen: Wie wollen wir unsere Sommer hier verbringen bei 40 Grad?“ Bammel hat schon eine Idee: „Wir könnten die grüne Oase, die es ja weiter oben schon gibt, fortführen. Hier alles aufreißen, Autos raus, ein kleiner Fuß- und Radweg, Baumpatenschaften. Die Kinder könnten in den Bach rein, und die Älteren freuen sich über die Begegnungen.“

Mehr Bach darf es, wenn es nach der LOK geht, auch hinter der Stadthalle geben, am City-Parkplatz: Cornel spricht von Bäumen, Sandkästen, Kaffee. und Kuchen und Stufen, die runter ins Gewässer führen. Die abgestellten Autos müssten weichen, und gebaut werden würde nichts. „Das wäre ein Einkaufserlebnis, sich zwischendurch mal hinsetzen. Wenn es in der Stadt immer heißer wird, kommt doch auch niemand, trotz Parkplätzen.“ Das städtische Gelände könne zu einer „Genuss-Oase“ werden, statt an einen Investor zu gehen. „Wir Bürger wollen diese Fläche für uns haben, für die Stadtgesellschaft.“ (Manuela Reimer)

In Frankfurt setzt man beim Hochwasserschutz dagegen lieber auf Eigenverantwortung.

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