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Oberursel: Städtepartnerschaften sind als weltgrößte "Friedensbewegung" wichtiger denn je

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Von: Manuela Reimer

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Bürgermeisterin Antje Runge (rechts) und Monika Seidenather-Gröbler vom Verein zur Förderung der Oberurseler Städtepartnerschaften (links) schneiden die große Torte an. Die kommunale Völkerverständigung sei nicht altbacken, sondern heute wichtiger denn je.
Bürgermeisterin Antje Runge (rechts) und Monika Seidenather-Gröbler vom Verein zur Förderung der Oberurseler Städtepartnerschaften (links) schneiden die große Torte an. Die kommunale Völkerverständigung sei nicht altbacken, sondern heute wichtiger denn je. © Jens Priedemuth

Die Förderer der Städtepartnerschaften feiern den langjährigen Zusammenhalt, blicken aber mit Sorge nach Osten. Die Partnerschaft mit dem russischen Lomonossow ruht seit dem Ukraine-Krieg.

Oberursel - 2022 soll alles anders werden: Nach zwei Jahren Corona-Pause möchte der Verein zur Förderung der Oberurseler Städtepartnerschaften (VFOS) wieder durchstarten.

Der beste Indikator dafür, dass die engagierte Truppe den Plan in die Tat umsetzen kann, war die erste große Veranstaltung seit Pandemiebeginn, die am Samstag in Oberursel über die Bühne ging. Das Fest zum Welttag der Partnerstädte, das unter dem Motto "Begegnungen der Vielfalt" stand, lockte schon zur Eröffnung am Nachmittag rund 50 Besucher ins neue Pop-up-Kulturcafé des Internationalen Vereins Windrose im ehemaligen Macondo.

Im gemütlichen Gastraum wurde bis in den Abend gesungen und geschlemmt. Moderator Joram Seewi führte durchs Programm, das in Zusammenarbeit mit der Windrose, dem Kultur- und Sportförderverein Oberursel und dem Verein Kunstgriff entstanden war und eine Versteigerung, ein Quiz zu Oberursels Partnerstädten Épinay-sur-Seine, Rushmoor und Lomonossow sowie passende Musik von den Tom & Jerries umfasste.

"Städtepartnerschaften stehen nicht immer so im Blick wie heute", unterstrich Bürgermeisterin Antje Runge (SPD), als sie am Samstagnachmittag die Torte anschnitt. "Manche sagen sogar, sie wären ein Relikt der Vergangenheit", so Runge. Doch das sei nicht der Fall: "Europa ist zwar seit dem Zweiten Weltkrieg zusammengewachsen. Aber der Ukraine-Krieg gerade zeigt, dass wir in Europa weiter zusammenhalten und zusammenstehen müssen."

Dabei spielten Städtepartnerschaften als "größte Friedensbewegung der Welt" eine wichtige Rolle, meint Runge. Und der Verein zur Förderung der Oberurseler Städtepartnerschaften beweise, dass die Partnerschaften lebendig und alles andere als altbacken sein könnten. "Oberursels Städtepartnerschaften - auch Stierstadts Partnerschaft zu Ursem in den Niederlanden - sind beständig. Sie werden getragen und gelebt von der Bürgerschaft", lobte die Rathauschefin, die in diesem Zusammenhang von "drei Säulen" sprach, auf denen diese Partnerschaften ruhen.

Da seien die offiziellen Beziehungen zwischen den Rathäusern, die Beziehungen zwischen dem VFOS und den Vereinen in den Partnerstädten und die direkten, persönlichen Freundschaften zwischen Menschen auf privater Basis, die gehegt und gepflegt werden. Runge: "Viele beneiden uns darum, dass das so funktioniert in Oberursel."

"Besondere Herausforderung"

Es funktioniert - trotz der aktuellen "besonderen Herausforderung" mit Russland beziehungsweise der Partnerschaft zu Lomonossow nahe der russischen Metropole St. Petersburg.

"Alle drei Säulen verurteilen den Angriffskrieg Russlands ohne Wenn und Aber und die Partnerschaft ruht auf administrativer Ebene. Es kann in der jetzigen Situation keine Zusammenarbeit mit Institutionen geben, die das System Putin stützen", hob Runge hervor. Gleichzeitig liefen die Kontakte auf privater Ebene weiter. "Hier können die Mitglieder weiter zur Völkerverständigung beitragen", erklärte die Bürgermeisterin, die dem VFOS eine "tolle Zukunft" prophezeit. "Der VFOS sei engagiert, tolerant, weltoffen und bald auch wieder im Dienst der Freundschaft unterwegs. Langsam könnten wieder die Bürgerreisen und die so wichtigen Begegnungen an historischen Stätten geplant werden - nur so könne man den anderen verstehen.

Die erste Bürgerreise seit Beginn der Pandemie soll die Oberurseler in die englische Partnerstadt Rushmoor südlich von London führen und im September stattfinden. "Thema sind die englischen Gärten", sagt Vereinschef Helmut Egler (67) im Gespräch mit dieser Zeitung. "Wir hoffen, dass dieses Jahr wieder alle Aktivitäten wie geplant stattfinden können. Wir stehen in den Startlöchern", so Egler. Am 19. Mai geht es ins Frankfurter Städel-Museum, es folgen die Teilnahme am Orscheler Brunnenfest und das große VFOS-Sommerfest am 25. Juni.

Corona habe den 1991 gegründeten Verein, der den gegenseitigen Austausch, die internationale Gesinnung und den Völkerverständigungsgedanken fördern soll, "ausgebremst". Um die Kontakte ins Ausland nicht ganz abreißen zu lassen, fanden Videokonferenzen statt. "Teilweise schalteten sich Mitglieder aus allen vier Städten dazu", berichtet VFOS-Vize Günter Albrecht (82). Nicht beklagen kann sich der Verein, was die Mitgliederzahlen anbelangt: "Vor zwei Jahren waren es 180, heute sind es 174 Mitglieder. Das ist der normale Schwund", so Albrecht. Willkommen sind neue Gesichter natürlich trotzdem, vor allem Nachwuchs, sagt Albrecht.

Womöglich entwickelt sich auch eine neue Städtepartnerschaft - mit einer Stadt in der Ukraine. Der Wunsch sei jüngst in der Jahresversammlung aufgekommen, berichtet Vereinschef Egler. Allein: "Das muss von der Basis kommen, wir haben noch keinerlei Beziehungen oder eine Idee, welche Stadt infrage käme", so Egler. Doch man sei offen, wenn sich Kontakte fänden, vielleicht auch durch nach Oberursel geflüchtete Ukrainer. Egler: "Wer eine Idee hat, kann sich bei uns melden."

Die privaten Kontakte nach Lomonossow indes gestalteten sich durchwachsen: Sie bestünden zwar zum Teil noch, etwa über die sozialen Netzwerke, doch dass Russen hinter Putin stünden, sei kein Einzelfall. "Wir sehen die ganze Bandbreite. Von Nicht-Putin-Freunden bis hin zu gebildeten Leuten, Freunde, die hier waren, aber jetzt dieses Gedankengut kritiklos teilen. Das ist schlimm", sagt Egler. Da bleibe auch nur, den Kontakt abzubrechen. Und hier Gutes zu tun: Am Samstag hat der VFOS der Stadt 900 Euro gespendet. Das Geld fließt in Resilienztrainings, die ukrainische Kinder stärken sollen. "50 Jungen und Mädchen bis sechs Jahren sind schon in Oberursel. Sie haben Dinge gesehen, die wir uns nicht vorstellen möchten, und Therapeuten zu finden, ist schwierig", weiß die städtische Kinderbeauftragte Bettina Schuster-Kunovits. "Die Kinder sollen gut in dieser für sie fremden Welt starten."

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