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Oberursel: Viele Hunde sind Leidtragende des Homeoffice

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Tierheimmitarbeiter Nils mit "Milo", einem von derzeit 35 im Tierheim abgegebenen Hunden.
Tierheimmitarbeiter Nils mit "Milo", einem von derzeit 35 im Tierheim abgegebenen Hunden. © caro

Das Tierheim ist voller "Corona-Rückläufer", weil überforderte Halter die Bedürfnisse und Ansprüche der Tiere unterschätzt haben.

Wie viele Räder und Rädchen sich drehen, um heimatlosen Tieren im Hochtaunuskreis Unterkunft und Versorgung zu ermöglichen, wird deutlich, wenn Renate Echterdiek vom Tierschutzverein Bad Homburg und Nicole Werner vom Tierheim Hochtaunus berichten.

Das Tierheim Hochtaunus ist ein Verein, in dem alle Gemeinden des Hochtaunuskreises sowie die Tierschutzvereine Kronberg und Bad Homburg Mitglieder sind. Eine Satzung regelt die Zuständigkeiten zwischen Vorstand und Mitgliederversammlung. Ein komplexes Gebilde aus haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern, den beiden Tierschutzvereinen und den Vertretern der Gemeinden, von denen einer für zwei Jahre jeweils auch Vorsitzender des Vereins ist.

Alle haben jetzt gemeinsam unter Federführung von Renate Echterdiek ein dickes Brett gebohrt: Dass das in die Jahre gekommene Verwaltungsgebäude des Tierheims, Baujahr 1964, in dem auch die Kleintiere und die Quarantänestation untergebracht sind, mehr als ein Sanierungsfall ist, war allen Beteiligten schon länger klar. Ebenso wie die Tatsache, dass der dringend notwendige Neubau ein gewaltiger Kraftakt werden würde. Und so brauchte es an der ein oder anderen Stelle engagierte Überzeugungsarbeit, um das Projekt voranzubringen.

Doch mit dem finalen Okay des Landrats konnte der städtische Eigenbetrieb Bau & Service Oberursel (BSO) mit den Planungsarbeiten beginnen. Baubeginn soll 2024 sein. Für die Dauer des Neubaus werden provisorisch Container aufgestellt. Danach sollen das undichte Dach, marode Leitungen, Schimmel in allen Ecken und all die anderen Punkte auf der Mängelliste endlich Vergangenheit sein.

Darauf setzt auch Nicole Werner, die mit ihrem neunköpfigen Team und unzähligen ehrenamtlichen Gassigehern und Katzenstreichlern jeden Tag alles daransetzt, all den Bedürfnissen der großen und kleinen Bewohner gerecht zu werden. Und davon gibt es derzeit so viele wie nie zuvor.

Mehr als 60 Ratten, Schildkröten, Hamster, Meerschweinchen und Kaninchen sind es derzeit bei den Kleintieren, üblich sind ein gutes Dutzend. 30 Katzen und 35 Hunde bevölkern die Anlage, eine Aufnahme weiterer Tiere ist fast unmöglich, auch wenn täglich Anfragen kommen. Viele Hunde sind, so macht es Nicole Werner ganz deutlich, vor allem sogenannte "Corona-Rückläufer".

Nicht artgerechte Haltung

Als ein großer Teil der Arbeitswelt vor mehr als zwei Jahren ins Homeoffice verlagert wurde, schien ein Haustier für viele Menschen verlockend, waren sie doch den ganzen Tag daheim. Vor allem große Hunde haben den Weg in Häuser und Wohnungen gefunden, Hunde mit Jagdtrieb oder Herdenschützer. Alles Tiere, für deren Haltung gewisse Voraussetzungen erfüllt sein müssen wie ausreichend Platz, Auslauf und eine konsequente und fachkundige Erziehung. Umstände, die von vielen Haltern unterschätzt wurden.

Mit tragischen Konsequenzen: Etwa 80 Prozent der Hunde, die meisten höchstens ein bis zwei Jahre alt, die im Tierheim landen, schätzt Werner, sind aufgrund nicht artgerechter Haltung verhaltensauffällig. "Das sind Tiere, die wir trotz Training und bester Vorbereitung nur noch in sehr erfahrene Hände abgeben können, nie mehr etwa in eine Familie mit Kindern", so die erfahrene Tierschützerin Werner. Oft sind die Hunde schon durch einige Hände gegangen, werden übers Internet immer wieder weiterverkauft.

"Ebay Kleinanzeigen ist ein tolles Instrument, aber absolut nicht geeignet für den Handel mit Tieren, speziell Hunden", appelliert Werner an potenzielle Käufer und Verkäufer. Es gibt so viele Möglichkeiten, mit Tieren zusammenzukommen, erklärt sie. Sich erst mal um Hunde in der Nachbarschaft kümmern oder Gassigeher im Tierheim werden. Und wer wirklich ernsthaft ein Tier halten möchte, kann sich ja auch erst mal im Tierheim umsehen, empfiehlt Nicole Werner. "Wir erleben gerade wirklich eine Extremsituation, aus ganz Deutschland kommen Anfragen, ob wir noch Tiere aufnehmen können. In diesem Ausmaß haben wir das noch nie erlebt", beschreibt Werner die angespannte Lage, die auch an Mitarbeitern und Ehrenamtlichen nicht spurlos vorbeigeht. Der Druck, allem gerecht zu werden, sei hoch, gleichzeitig müssten immer wieder Absagen erteilt werden, die hier und da auch mit Beleidigungen und Beschimpfungen seitens überforderter Halter erwidert würden. Ideal wäre es aus Werners Sicht, wenn ein Sachkundenachweis für die Haltung eines Hundes vorgeschrieben wäre, so, wie es ihn in einigen Bundesländern schon gibt. Dann werde im Vorfeld schon klarer, was es bedeutet, über ein bis eineinhalb Jahrzehnte einem Tier ein seinen Bedürfnissen angemessenes, artgerechtes Leben zu ermöglichen. Etwas, das viele Hunde, die derzeit mit ihren Besitzern aus der Ukraine kommen, fürs Erste verloren haben. In diesen Fällen kann das Tierheim nur begrenzt tätig werden, Grund seien vor allem Quarantänebestimmungen. Unterstützung gibt es dennoch, hier bieten Renate Echterdiek und ihr Team eine kostenlose Futterausgabe an.

Es sind die vielen Ehren- und Hauptamtlichen, die sich für ein würdevolles und artgerechtes Leben der Fundtiere einsetzen. Wie gut sie das machen, zeigt sich derzeit unter anderem daran, dass selbst die große Hitze den vielen Schützlingen wenig ausmacht, wird doch auch bei diesen Temperaturen alles getan, um den Belangen der vielen Bewohner gerecht zu werden.

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