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Oberursel: Wenn Löwenzahn die Wut schäumen lässt

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Von: Gabriele Calvo Henning

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Leonard Mink und Marie-Luise Ette präsentieren als Ehepaar Tim und Lisa das Corpus Delicti: den Maulwurfshügel.
Leonard Mink und Marie-Luise Ette präsentieren als Ehepaar Tim und Lisa das Corpus Delicti: den Maulwurfshügel. © Priedemuth

Theater im Park bietet mit der Premiere von "Unkraut" ein spielfreudiges Ensemble, das miterleben lässt, wie es unter der Decke einer spießigen Reihenhaus-Gartenidylle brodelt.

Oberursel -Endlich wieder Theater im Park (TiP). Nach zwei Jahren Corona-bedingter Pause auf der Bühne im Park der Klinik Hohe Mark waren die Erwartungen groß an das diesjährige Stück. Regisseur Volker Zill und sein Ensemble haben sich das Volksstück "Unkraut" des zeitgenössischen Autoren Fitzgerald Kusz vorgenommen. Eine Realsatire, die in vier Reihenhausgärten spielt und die Gartenpflege als Schablone nimmt, um zwischenmenschliche Untiefen auszuloten.

Das Premierenpublikum sah am Mittwochabend eine große Regie- und Ensembleleistung. Bei fast gleichberechtigten Sprechrollen bewiesen Tamara Dirksen und Sven Kube (als älteres Ehepaar Karin und Hans), Grit Hoh und Matthias Nitsch (als Elternpaar Julia und Stefan), Marie-Luise Ette und Leonard Mink (als wohlsituiertes jüngeres Paar Lisa und Tim) und Rudolph Weber (als geschiedener Single Bernd) hohe Präsenz und überzeugende Spielfreude. Sie hatten ihre Figuren im Griff, allen voran Sven Kube, der die Rolle des cholerischen Spießers und Rasenfetischisten Hans mit Leib, Seele und so gewaltiger Stimme gibt, dass in manchen Momenten weniger Dezibel gereicht hätten.

Vereint im Hass gegen den neuen Nachbarn Lehrer Krause, dessen Garten üppig wuchert, werden die Sieben zur Schicksalsgemeinschaft im Kampf gegen Löwenzahnsamen, Maulwürfe und Ratten, die natürlich alle ihren Ursprung im Biotop nebenan haben und die eigenen Gärten bedrohen. Dabei brechen eigene Sorgen auf: jahrelanger Ehezank, Erziehungsprobleme, Kaufsucht, Scheidung, Trauer bis hin zu Gewalt und dem schmerzlichen Bruch mit dem Sohn werden offenbar. Der Nachbarschaftsstreit wird zum emotionsgeladenen Stellvertreterkonflikt.

Dieses witzige wie bitterböse und stellenweise surreal anmutende Stück fordert nicht nur vom Amateurensemble schauspielerisch einiges. Auch das Publikum muss sich auf die Inszenierung von Profiregisseur Zill einlassen und traditionelle Sehgewohnheiten ablegen.

Zwar ist der Stress mit dem Ökogarten der rote Faden. In der von Schülerinnen der Hochtaunusschule stimmig entworfenen Kulisse werden die vier Gärten samt Hausfassaden selbst zu Bühnen auf der Bühne, auf denen die einzelnen Szenen spielen. Die beginnen zumeist mit einem ritualisierten Treffen mit Grillwurst oder Kuchen, stehen aber für sich und sind wie Spotlights in dem sich hochschaukelnden Konflikt.

Deftige Theaterkost mit Tiefgang

Und vielleicht hat der mit Unterschriftenlisten und Gartenverwüstungen in die Flucht geschlagene Öko-Nachbar am Ende die besseren Karten. Denn die sieben Wutbürger bleiben in ihrer Hölle der gegenseitigen seelischen wie körperlichen Verletzungen mit Verbalattacken, fliegenden Gartenzwergen und aufkreischenden Kettensägen. Nach einem aufgedeckten gegenseitigen Rosendiebstahl kann nur ein Gewitter das finale Blutbad verhindern. "Unkraut" ist deftige Theaterkost mit Tiefgang.

Zwar kommt das Ende des Stücks nach gut zwei Stunden mit einer Tanzeinlage (Isabell Reiter als Tochter Lara) etwas abrupt, aber diese Realsatire schwingt nach. Trotz der Überzeichnung des Personals gibt es einen Wiedererkennungswert fürs Publikum, ob es sich nun an die eigene Nase fasst oder an die anderer Leute.

Mit der Entscheidung für diese 26. Produktion wollte der veranstaltende städtische Kultur- und Sportförderverein (KSfO) Neuland betreten. Das Wagnis hat sich, trotz der einen oder anderen Länge, gelohnt und es ist geglückt. Daran haben Regisseur Zill und sein gut besetztes Ensemble einen großen Anteil. Sie haben trotz Corona-bedingten Probenausfällen nicht aufgegeben und das Stück auf die Freilichtbühne gebracht. Dafür gab es herzlichen Applaus vom Premierenpublikum, der auch alle anderen des 30-köpfigen Teams vor und hinter den Kulissen einschloss. Ausdrücklich bedankte sich Zill beim Kulissenbau, der Technik und namentlich bei Inge und Kurt Hame für Kostümbild und Requisite. Sie nahmen den Dank für den Theaterverein Oberursel entgegen, der seit Jahrzehnten ein nicht wegzudenkender Eckpfeiler bei den Produktionen ist. Nicht unerwähnt sollen an dieser Stelle die Sponsoren, Partner und die Klinik Hohe Mark bleiben, die das TiP mit finanziellem Engagement und Infrastruktur wieder ermöglichen.

Karten für "Unkraut"

Für alle 13 Aufführungen ab dem 8. Juli bis zur Deniere am 13. August sind noch Karten zu haben. Zum Preis von 22,00 Euro zuzüglich Gebühren sind sie in allen bekannten Vorverkaufsstellen erhältlich und über Frankfurt Ticket Rhein Main mit der Hotline (069) 13 40 400 oder über www.frankfurtticket.de im Internet. Karten können auch an der Abendkasse für 25 Euro erworben werden.

Sven Kube spielt den cholerischen Rasenfetischisten Hans mit Leib und Seele.
Sven Kube spielt den cholerischen Rasenfetischisten Hans mit Leib und Seele. © jp
Geschichte und Ensemble funktionieren: (v.l.) Grit Hoh, Sven Kube, Matthias Nitsch, Rudolph Weber und Tamara Dirksen.
Geschichte und Ensemble funktionieren: (v.l.) Grit Hoh, Sven Kube, Matthias Nitsch, Rudolph Weber und Tamara Dirksen. © Priedemuth

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