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Oberursel: Zeitreise ins Mittelalter mit allen Sinnen

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Von: Florian Neuroth

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Auf dem Rathausplatz verzückt „Kasper, der Gaukler“ das versammelte Fußvolk mit allerhand akrobatischen Kunststückchen.
Auf dem Rathausplatz verzückt „Kasper, der Gaukler“ das versammelte Fußvolk mit allerhand akrobatischen Kunststückchen. © Neuroth

Der historische Martinsmarkt zieht wieder die Besucher in Scharen an.

Oberursel -Hoch fliegen die Kugeln auf dem Rathausplatz. „Kreuz und quer, hin und her“, kreisen sie über dem Kopf des Gauklers. Immer mehr davon verlassen seine Hände. Aus drei werden vier, dann fünf und schließlich gar sechs Kugeln. Besonders die kleinsten Zuschauer sind von der Flugshow begeistert und goutieren jede Einlage mit kräftigem Applaus.

Gaukler Kasper - auf diesen Namen hört der Spielmann - ist von so viel Zuspruch ganz angetan. „Da ihr so mannigfaltig gejubelt, seid ihr wohl noch nicht gelangweilt“, stellt er fest und legt noch eine Schippe drauf. Ein lautes „Oh“ ertönt, während drei „messerscharfe“ Dolche umherwirbeln. Überboten wird das nur vom feurigen Finale. „In der Sprache der Gaukler genannt: Die Mandeln gebrannt“, witzelt der Artist und schiebt sich die brennende Fackel in den Rachen.

Als Belohnung spendiert das Fußvolk ein paar Taler, bevor es weiterzieht. Schließlich gibt es auf dem Historischen Martinsmarkt noch vieles mehr zu bestaunen. Dicht an dicht stehen die Stände am Samstag und Sonntag in der Kumeliusstraße und auf dem Rathaus- und Marktplatz.

Hölzernes Kunsthandwerk, Adventskränze, selbstgenähte Kuschelhosen und feinste Seifen, dazu eine reichhaltige Auswahl unterschiedlicher Leckereien, mittelalterlich gekleidete Musikanten in der Altstadt, abendliche Feuershow und Konzerte auf dem Rathausplatz - anlässlich der zehnten Auflage des Marktes haben die Organisatoren von Fokus O. wieder ein breitgefächertes Allerlei an Kurzweil auf die Beine gestellt.

Höhepunkt des bunten Treibens ist wie jedes Jahr der Mittelaltermarkt auf dem Marktplatz, der sich in eine kleine Zeltstadt verwandelt hat.

In historischer Aufmachung gekleidet, bringen die Händler ihre Waren unters Volk. Auch Jacqueline Nagel ist stilecht im Baumwoll-Gewand unterwegs. Am Stand des „Kaufmannsgespanns Franconofurd“ verkauft sie flauschige Schafs- und Lammfelle. „Die werfen sich die Leute dann über die Ritterrüstung oder schlafen in den Lagern der Mittelalter-Märkte darauf“, erklärt die Frankfurterin, die zum festen Stamm des historischen Marktes zählt.

Gleiches gilt für „Kinder-Herold“ Klaus Utz. Er steht seit acht Jahren „immer an derselben Stelle, denn das Riesenzelt passt sonst nirgends hin“, sagt er mit einem Lachen. Um ihn herum stecken Dutzende Schwerter, Schilde und Äxte in den Köchern. Die dürfen vom Nachwuchs bunt angemalt werden.

„Schürze an, Ärmel nach hinten und dann kann's losgehen“, sagt der Herold zu einem Besucher, der die frisch erworbene Schau-Waffe aus Holz ganz stolz zu den Maltischen trägt.

Robin ist bereits fertig. „Das mach ich jedes Jahr. Im vergangenen Jahr war es ein japanisches Katana, dieses Mal ein Ritterschwert“, sagt der Sechsjährige und erklärt: „Das eine ist dünn und lang, das andere dicker und kürzer und mit einer flachen Spitze.“

Andächtig lauschen derweil die Besucher den Darbietungen von Mathias Karker und Juliane Butzert-Müller von der Spielleut-Formatio „Viesematente“. Sie entlocken der Chalumeaux, einem Vorläufer der Klarinette, und der keltischen Harfe besinnliche Klänge.

Wen das „fleischliche Verlangen“ überkommt, der stärkt sich beim „Spiesser“ mit Gegrilltem oder lässt in „Midgard Schänke“ und „Grafentaverne“ heißes Met die Kehle hinabfließen.

Gutes tun und genießen

Auch Lisa Herzberger und Verena Schramm haben es sich gemütlich gemacht und genießen den „ersten Glühwein des Jahres“. Der Markt ist für die beiden ein Stammtermin. „Man trifft viele Freunde, es gibt viele Angebote für die Kinder und generell Sachen, die es sonst nicht zu kaufen gibt“, sind sie begeistert.

Besonders beliebt sind die Adventskalender des Lions Club. Für sechs Euro verkaufen Rüdiger Eberhard und Erhard Bingel das gute Stück in der Vorstadt. „Der Erlös geht komplett an die Tafel und das Frauenhaus“, erklären die Oberurseler. „Ich kaufe den Kalender jedes Jahr“, sagt die Steinbacherin Ingrid May. Damit tue man etwas Gutes und außerdem erinnere sie das Motiv - ein Bild der Bleiche vom Oberurseler Künstler Peter Rank - an ihre Kindheit. „Dort sind wir früher Schlitten gefahren“, erzählt sie.

Der soziale Gedanke steht auch einige Meter weiter im Vordergrund. Am Stand der Adventgemeinde werden Pappkartons verteilt, die zu Hause mit Schulmaterialien, Süßigkeiten oder Spielzeug bepackt werden und im Rahmen einer Aktion der humanitären Hilfe „Adra“ als Weihnachtspakete für Kinder in Not nach Osteuropa geschickt werden. „Dieses Jahr gehen die Pakete nach Serbien“, erklärt Gemeindemitglied Irena Franke. Nadine Sohni greift sich gleich zwei Kartons. Ihre vier Kinder wollten unbedingt mitmachen, sagt die Neu-Anspacherin und meint: „Es gibt doch nichts Schöneres, als bedürftigen Kindern an Weihnachten eine Freude zu machen.“

Besinnliche Klänge entlocken Mathias Karker und Juliane Butzert-Müller von der Spielleut-Formatio „Viesematente“ der Chalumeaux und der keltischen Harfe.
Besinnliche Klänge entlocken Mathias Karker und Juliane Butzert-Müller von der Spielleut-Formatio „Viesematente“ der Chalumeaux und der keltischen Harfe. © Neuroth

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