Michael Wulf lässt sich im vergangenen Jahr von Ramona Kopp bei Raphael Baumann (links) impfen.
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Michael Wulf lässt sich im vergangenen Jahr von Ramona Kopp bei Raphael Baumann (links) impfen.

Interview

Oberurseler Hausarztpraxis am Limit

  • VonManuela Reimer
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Mehr als 1000 Impfwillige haben im vergangenen Frühjahr auf der Warteliste des Oberstedter Hausarztes Raphael Baumann gestanden. Mit seinen sieben Mitarbeiterinnen hat er nicht nur die Impfungen gestemmt, sondern auch Erkrankte betreut: Baumanns Praxis an der Industriestraße arbeitete am Limit. Jetzt, ein gutes Dreivierteljahr später, sind die Booster-Impfungen angelaufen.

Oberursel -Manuela Reimer hat mit dem 46 Jahre alten Facharzt für Allgemeinmedizin über fehlende Planungssicherheit, ungeduldige Patienten und Long Covid gesprochen.

Herr Baumann, wie war Ihr Sommer? Wie ist die Stimmung in Ihrer Praxis?

Die Sommer- und Herbstzeit haben mein Team und ich genutzt, um aufgeschobene Termine abzuarbeiten und um alle impfwilligen Erwachsenen und die Jugendlichen ab zwölf zu impfen, zusätzlich zum gewohnten Praxisablauf. Kurzzeitig erschien es uns, als wären wir auf dem besten Weg: Endlich hat das Bestellen des Impfstoffs zuverlässig geklappt, die Impfempfehlungen schienen klarer, die Patienten nahmen ihre Termine wahr, die Zertifikate ließen sich sofort ausdrucken, der Impfstoff wurde von den meisten sehr gut vertragen. Umso enttäuschter sind wir alle, wenn wir in den Nachrichten hören, dass es immer noch so viele Ungeimpfte gibt und dass die Infektionszahlen steigen und steigen. Die jetzige Stimmung ist auch davon geprägt, dass wir die Ungeduld von Patienten erleben, die auf eine immer frühere Booster-Impfung drängen. Das kann gelegentlich sehr unangenehme Züge annehmen. Wir arbeiten am Limit und versuchen, allen Anfragen gerecht zu werden - wie alle Praxen, das erfahre ich über den kollegialen Austausch.

Wie viele Booster spritzen Sie denn? Das große Kreis-Impfzentrum hat ja erst Anfang Dezember wieder aufgemacht...

Nach anfänglicher Skepsis hat die Booster-Impfung richtig Fahrt aufgenommen, unsere Warteliste ist sehr lang. Es wird bis Mitte März dauern, bis wir alle unsere Patienten gegen Covid-19 aufgefrischt haben - trotz ununterbrochenem zusätzlichem Einsatz und Extra-Impftagen, auch am Wochenende. Ständig veränderte Empfehlungen, Änderungen der Bestellverfahren und Unsicherheit bei der Impfstoffverfügbarkeit verhindern weiterhin eine frühzeitige Planung und Terminvergabe. Wenn Patienten Termine bei Impfstellen außerhalb des Hausarztangebots annehmen, hilft es, die Lage schneller wieder in den Griff zu bekommen. Jede Impfung zählt! Aber wenn die Patienten sich - nachvollziehbar - an mehrere Stellen mit ihrem Impfwunsch wenden, dann sollten sie allen Stellen bitte auch mitteilen, wenn sie ein Impfangebot angenommen haben, damit sie von den Listen gestrichen werden können.

Gibt es beim Boostern eine Priorisierung?

Da insbesondere die Impfstoffverfügbarkeit, aber auch die Kapazität in unserer Praxis limitierende Faktoren sind, haben wir ein grobes Priorisierungsschema, das auf Risikoeinschätzung beruht: Priorisiert werden immungeschwächte und ältere Patienten. Auch diejenigen, die erst einmalig mit dem Impfstoff von Johnson & Johnson geimpft wurden, sollen sich schnellstmöglich boostern lassen. Danach die durch Vorerkrankung Gefährdeten. Berücksichtigt werden auch die Tätigkeit und die damit verbundene Gefährdung Dritter - zum Beispiel in der Pflege - oder großer ungeschützter Gruppen, etwa im Falle von Lehrern. Nach Möglichkeit wird auch jeder, der sich jetzt noch entschließt, sich zum ersten Mal impfen zu lassen, vorgezogen. Dann kommen die Jugendlichen und natürlich diejenigen, deren zweite Impfung ansteht. Ansonsten wird jeder geboostert, bei dem die Impfung lange genug her ist.

Warum ist das Boostern denn so wichtig?

Die Wirkung der Impfung scheint nach einigen Monaten nachzulassen, dann kann das Virus wieder zuschlagen. Erst recht, wenn neue Varianten noch leichter übertragbar sind, dann wähnt man sich als Geimpfter in falscher Sicherheit, und die Gefahr für Ungeimpfte und Risikogruppen steigt und steigt. Fachlich einigt man sich zunehmend - man könnte auch sagen, hofft man -, dass eine wirksame Corona-Impfung ähnlich wie bei Tetanus drei Impfungen innerhalb weniger Monate brauchen könnte, um eine Grundimmunisierung zu erreichen, die dann eine Zeit lang hält. Möglich ist auch, dass die Impfung regelmäßig erforderlich sein könnte, wie beim Grippeschutz.

Steht Ihnen genügend Impfstoff zur Verfügung? Bekommen Sie, was Sie anfordern?

Das ist von Woche zu Woche anders. Zuletzt mussten wir zwei Wochen im Voraus bestellen und die Bestellmenge war unbegrenzt, jetzt müssen wir eine Woche vorher bestellen und die Menge ist gedeckelt - wir bestellen und verimpfen ausschließlich BioNTech, denn jetzt einen zweiten Impfstoff wie etwa Moderna anzubieten, würde unverhältnismäßig viel Mehraufwand in der Planung, Terminierung und Verimpfung bedeuten. Ich darf also jede Woche gespannt sein, wie viel ich erhalte. Das erfahre ich auch erst Mitte der Woche, also wenige Arbeitstage, bevor damit geimpft werden soll. Langfristige Planungssicherheit sieht anders aus.

Kommen zurzeit auch noch Ungeimpfte in Ihre Praxis, um sich die Erstimpfung abzuholen? Was sagen die so?

Ja! Es gibt dabei mehrere Gruppen: Kinder und Jugendliche ab zwölf, die endlich dürfen. Dann diejenigen, die sich intensiv haben beraten lassen und deren Skepsis zunehmend einer Sichtweise Raum lässt, dass die Impfung überwiegend Nutzen bringt. Dann einige, die initial - wo auch immer - zu kritisch beraten wurden oder nun feststellen, dass vorsichtige Zurückhaltung angemessen ist, vollständige Ablehnung aber übers Ziel hinausschießt. Diejenigen, die überzeugt sind, dass sie das alles nichts angeht und dass Corona ihnen nichts antut, sind nicht Ziel unserer Bemühungen. Aber es gibt eine große Gruppe, die verunsichert ist. Hier stehe ich für Beratungen gerne zur Verfügung - wir freuen uns über jeden, der sich einen Ruck gibt und sich endlich traut. Neben Corona gibt es aber auch weiterhin viele andere akute und chronische Beschwerden, für die es wichtig ist, zum Arzt zu gehen. Diese Behandlungen laufen in unserer Praxis unvermindert weiter, und zwar vollkommen unabhängig davon, ob jemand geimpft ist oder nicht.

Die niedergelassenen Ärzte übernehmen auch die Betreuung der meisten Covid-Patienten, die nicht stationär versorgt werden müssen. Welche Verläufe erleben Sie?

Um die Geimpften machen wir uns im Großen und Ganzen wenig Sorgen. Selbst schwerere Verläufe scheinen gut beherrschbar, fatale Verläufe sind äußerst selten. Durch die Impfung hat das Immunsystem einen Zeitvorteil bei Kontakt mit dem Virus und man kann die Erkrankung dadurch beherrschen. Bei nicht Geimpften trifft das Virus auf ein unvorbereitetes Immunsystem und wenn das das Virus nicht kontrollieren kann, zeigen sich die schweren Verläufe, die auch bei jungen, gesunden Menschen eine Intensivbehandlung erforderlich machen können. Wir behandeln schwerpunktmäßig die beherrschbaren Verläufe - meist Geimpfte - oder im Anschluss an die Krankenhausbehandlung, da ist der Anteil Ungeimpfter höher.

Wie ist es mit Long Covid? Behandeln Sie aktuell auch Patienten, die unter den Spätfolgen leiden?

Ja, selbstverständlich. Müdigkeit, Kraftlosigkeit, Luftnot bei Belastung oder allgemeine Schwäche sind bei einigen, die eine Covid-Erkrankung überstanden haben, noch über viele Wochen und Monate beklagte Symptome. Manche fühlen sich hierdurch stark beeinträchtigt und können ihrer gewohnten Arbeit nicht oder nur mit großer Mühe nachkommen. Doch ich bin überzeugt davon, dass das Risiko für diese Probleme tatsächlich durch rechtzeitiges Impfen reduziert wird.

Derzeit wird eine allgemeine Impfpflicht diskutiert. Was würden Sie als Facharzt für Allgemeinmedizin jemandem raten, der noch nicht geimpft ist?

Es gibt - neben Kindern unter fünf - eine kleine Gruppe von Menschen, für die das Impfen aus fachlicher Sicht keine durchführbare Option ist. Gesamtgesellschaftlich ist das aber ein Anteil im niedrigen einstelligen Prozentbereich, nicht 30 Prozent. Meiner Ansicht nach sind nach allem, was wir in den vergangenen zwei Jahren beobachtet haben, weder die übertriebene Angst vor einer Impfung noch der leichtsinnige Umgang mit dem Erkrankungsrisiko nachvollziehbar. Eine Impfpflicht klingt befremdlich für freiheitsliebende Menschen in einer Demokratie. Aber auch in unserer Demokratie steht der Schutz des Gemeinwohls über der Freiheit des Einzelnen. Mit einer Impfung erreicht man sogar beides. Etwas mehr als 70 Prozent der Bürger haben bisher diese Option gewählt. Ich kann nur jedem Einzelnen deutlich empfehlen, sich so schnell wie möglich impfen zu lassen und dennoch konsequent weiter Maske zu tragen und ausgiebig zu lüften. Händedesinfektion außerhalb der Medizin und zwischenmenschlicher Abstand sind hoffentlich bald Maßnahmen, die nur noch in Ausnahmefällen erforderlich sind.

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