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Singles auf dem Weg durch den Taunus. Noch haben sich keine Zweiergrüppchen gebildet. Foto; jp

Partnersuche auf Schusters Rappen

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Online-Dating, Speed-Dating, Blind Dates – das ist alles Schnee von gestern. Heute soll Amors Pfeil Singles auf der Suche nach dem Traumpartner beim Wandern treffen. Die TZ war bei einem der Wanderdates dabei.

„Ich finde es nicht schwierig, jemanden kennenzulernen – allerdings muss man selbst schon aktiv werden. Man kann nicht erwarten, dass der Weihnachtsmann mit der Traumfrau vor der Tür steht“, sagt Helmut aus der Nähe von Mainz, ein drahtiger, gebräunter Best Ager mit moderner Brille und kurzen blonden Haaren. Um kurz vor 11 Uhr steht er an diesem Vormittag erwartungsfroh zusammen mit rund 30 anderen rucksacktragenden Singles in farbigen Trekking-Outfits – aus der gesamten Rhein-Main-Region, ein Großteil geschätzte 39 bis 59 Jahre alt – am U-Bahn-Halt Hohemark.

Gleich beginnt das gemeinsame sogenannte Wanderdate durch den dichten Taunuswald im Norden der Brunnenstadt, für das sie alle sich im Vorfeld online angemeldet haben (siehe auch ZUM THEMA). „Goldgrube im Taunus“ ist die heutige Tour überschrieben. Das Ziel: 12,4 Kilometer in dreieinhalb Stunden zurücklegen und 280 Höhenmeter überwinden, Schwierigkeitsgrad 2 von 5 – und, wenn es gut läuft, sich verlieben in einen anderen Single, der ebenso gern in der Natur unterwegs ist.

Ein paar Frauen stehen in Grüppchen zusammen und mustern die Gleichgesinnten: Ist der erste Eindruck vielversprechend? Einige Männer versuchen, sich ihre Schüchternheit nicht anmerken zu lassen, und geben sich betont gut gelaunt. Guide und Wanderdate-Gründer Eckhard Linner, Jahrgang 1966, groß gewachsen, grau gelockte Haare und eigentlich Diplom-Ingenieur der Elektrotechnik, hat allen Singles schon ein Papierschildchen zum Aufkleben auf die Jacke gegeben, beschriftet mit dem jeweiligen Vornamen.

Nachdem sich die Männer und Frauen – auf ein ausgewogenes Verhältnis wird geachtet – im Kreis noch mal persönlich vorgestellt haben, mit Vornamen und Wohnort, kann es (fast) schon losgehen. Denn eines gibt der sympathisch lächelnde Wanderführer aus Trebur den Teilnehmern im wahrsten Sinne noch mit auf den Weg: „Wir verbringen einen schönen Tag an der frischen Luft, tun etwas für unsere Gesundheit, lernen nette Leute kennen und vielleicht einen Freund oder eine Freundin – aber es liegt an euch, Kontakte zu knüpfen. Fragt, wenn ihr möchtet, nach einer Telefonnummer. Wenn ihr gefragt werdet und eure Nummer nicht herausgeben wollt, sagt das auch.“ Über die hohe Brücke, die die Landesstraße quert, geht es gleich darauf in den Wald hinein und erst mal bergauf, die Gruppe legt ein sportliches Tempo vor.

Man sei kein Speed-Dating und auch keine Partnervermittlung, sagt Eckhard Linner. Daher auch gebe Wanderdate in keinem Fall Kontaktdaten der Teilnehmer heraus. Außerdem würden auf den Wanderungen keine Kennenlernspiele oder Ähnliches praktiziert; vielmehr gehe es darum, Singles ein Freizeitangebot zu machen – Informationen zu Sehenswürdigkeiten und anschließende Einkehr inklusive. In ungezwungener Atmosphäre hätten die Teilnehmer währenddessen die Möglichkeit, andere Singles mit ähnlichen Interessen aus der Region kennenzulernen.

„Wanderungen bieten dafür eine gute Plattform“, hat Linner festgestellt, als er selbst auf Partnersuche war. „Man lernt viele potenzielle Partner gleichzeitig kennen und gewinnt einen ersten Eindruck, live und in Farbe. Außerdem ist der zeitliche Aufwand geringer als beim Online-Dating.“ Und wenn es mit dem Verlieben nicht klappe, so habe man zumindest einen schönen Ausflug und nette Gespräche gehabt. Allerdings hätten sich seit den ersten Touren 2013 tatsächlich schon mehrere Pärchen gebildet, erfahre man immer wieder von ehemaligen Teilnehmern.

Auch Helmut, der nach eigener Auskunft schon vier, fünf Mal mitgewandert ist, nachdem er im August über eine Online-Suchmaschine auf das Angebot aufmerksam wurde, sieht das Ganze sportlich: „Die Wanderungen sind meistens am Sonntag. Da bietet es sich für mich an, hier mitzumachen, statt morgens laufen zu gehen.“ So komme man auch mal weg von den „normalen“ Bekannten und treffe neue Leute, erzählt der Verkaufsleiter, der zwei Kinder hat, 17 und 20 Jahre alt.

Seit sechs Monaten ist Helmut Single – warum manch anderer mehrere Jahre warte, bevor er in Sachen Partnersuche die Initiative ergreife, versteht der 51-Jährige nicht. Er ist parallel zum Single-Wandern – dabei habe sich bislang das ein oder andere Telefonat ergeben – „im Internet unterwegs“. Dort allerdings gehe es oft ziemlich unpersönlich zu; da müsse man sich selbst bremsen. „Es kann nicht nur darum gehen, mit wem treffe ich mich heute, mit wem morgen.“

Generell hätten die Neuen Medien die Sache erschwert. „Dieses ganze Whatsapp-Schreiben – dabei kommt oft ein falscher Eindruck rüber. Zu telefonieren ist da schon mal ein guter Schritt, man hört zumindest die Stimme.“ Prinzipiell, sagt Helmut, sei es mit 51 Jahren nicht schwieriger, sich zu verlieben, während es immer noch bergauf geht und Guide Eckhard vorne über den Keltenpfad spricht. Allerdings sei man ab und zu mehr mit dem Kopf dabei als früher. „Man will ja was Dauerhaftes. Und sieht dann schon am Anfang, dies oder jenes gefällt mir nicht. Früher hieß es: einfach drauflos.“

Nach der Tour, die noch zum Goldgrubenfelsen, auf den Bleibiskopf, über das Forellengut zur Goldgrube und schließlich zur Einkehr ins Waldtraut führt, ist Helmut zufrieden. „Es war eine nette Gruppe und ich habe mich gut unterhalten – auch wenn sich nichts ergeben hat.“ Wanderdates möchte er weiterhin besuchen – mit einer Einschränkung: „Wenn ich jemanden gefunden habe.“

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