Oberursels Frauenbeauftragte Gabriela Wölki informiert gemeinsam mit Maike Litzel und Davina Schwittlinsky von Pro Familia Friedrichsdorf (von links) in Orschels Vorstadt.
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Oberursels Frauenbeauftragte Gabriela Wölki informiert gemeinsam mit Maike Litzel und Davina Schwittlinsky von Pro Familia Friedrichsdorf (von links) in Orschels Vorstadt.

Schwangerschaftsabbruch

Pro Familia in Oberursel: Abtreibung raus aus dem Strafgesetzbuch

  • VonManuela Reimer
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Die Deutsche Gesellschaft für Familienplanung, Sexualpädagogik und -beratung macht an einem Infostand auf die seit 150 Jahren bestehende Kriminalisierung des Schwangerschaftsabbruchs aufmerksam.

Oberursel -"150 Jahre Kriminalisierung sind genug" - das sagt Pro Familia, die Deutsche Gesellschaft für Familienplanung, Sexualpädagogik und Sexualberatung. Seit 1871 wird der Schwangerschaftsabbruch in Deutschland strafrechtlich verfolgt. Grund genug für den deutschlandweiten Verbund von öffentlich geförderten Beratungsstellen, die Forderung "Recht statt Verurteilung" im Aktionsjahr 2021 in den Mittelpunkt zu stellen. Auch Pro Familia im Hochtaunus, die Beratungsstelle in Friedrichsdorf, macht mit: Am Mittwoch informierten die Beraterinnen nach Veranstaltungen in Kronberg, Usingen und Wehrheim mit Oberursels Frauenbeauftragter Gabriela Wölki in der Vorstadt.

Weil die Regelungen zum Schwangerschaftsabbruch nach wie vor im Strafgesetzbuch zu finden seien - und nicht etwa im Sozialgesetzbuch -, sei das Thema von vornherein negativ besetzt, stigmatisierend und moralisch aufgeladen, weiß Davina Schwittlinsky, Leiterin der Beratungsstelle leitet. Paragraf 218, Schwangerschaftsabbruch, stehe im Kapitel Straftaten gegen das Leben, "gleich unter Mord und Totschlag", berichtet Schwittlinsky.

Im Gesetz heißt es: "Wer eine Schwangerschaft abbricht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft." Straffrei bleibt der Abbruch, wenn die Schwangere zuvor einen Termin in einer staatlich anerkannten Konfliktberatungsstelle wahrnimmt, sich diesen bescheinigen lässt, danach mindestens drei Tage wartet, sich gegebenenfalls um die Kostenübernahme bemüht - ein Abbruch ist keine Kassenleistung - und den Eingriff dann ausschließlich von einer Ärztin oder einem Arzt vornehmen lässt, und zwar maximal bis zum Ende der zwölften Schwangerschaftswoche. Was bedeutet, dass die Schwangerschaft seit etwa acht Wochen besteht - wann die Betroffene sie bemerkt, das sei ganz unterschiedlich. Nur bis zur neunten Schwangerschaftswoche kann der Abbruch auch medikamentös erfolgen.

Beratung

ohne Zwang

"Oft ist es durch diese Regelungen ein Lauf gegen die Zeit", weiß Schwittlinskys Kollegin Maike Litzel. Gemeinsam mit einer weiteren Fachkraft haben die beiden jungen Frauen 2020 240 ungeplant Schwangere beraten. Die Frauen kommen nicht nur aus dem gesamten Kreis nach Friedrichsdorf, sondern auch aus Frankfurt. "Dort bekommen sie keinen Termin oder müssten zwei Wochen warten, was die Belastung nur noch größer macht", sagt Schwittlinsky.

Die meisten Frauen, die den Beraterinnen gegenübersitzen - oder mit ihnen telefonieren, was seit Corona möglich ist -, hätten die Entscheidung für oder gegen die Schwangerschaft schon gefällt. Die Forderung von Pro Familia ist klar: Die Beratung muss freiwillig werden, ohne Zwang stattfinden, erklärt Schwittlinsky.

Und die vorgeschriebene Bedenkzeit? "Als würden Frauen nicht darüber nachdenken, wenn das nicht geregelt ist", sagt Litzel. Generell müsse sich die "grundlegend schlechte Informationslage", die der Tabuisierung des Themas geschuldet sei, verbessern. "In Niederbayern fahren die Frauen anderthalb Stunden zur Beratungsstelle und wieder zurück und dann noch mal bis zu einem Arzt, der den Eingriff durchführt. "Abbruch-Arzt, wer will diesen Titel schon haben, solange der Paragraf im Strafgesetzbuch geregelt ist?" Der Abbruch sei kein Pflichtinhalt im Medizinstudium, und die Praxen dürften nicht offen über den Eingriff informieren.

Allein: "Lebensschützer" wissen oft, wo abgetrieben wird. Immer wieder stünden sie vor Praxen und Beratungsstellen. "Das ist ein heikles, ein politisches Thema", sagt Schwittlinsky. In vielen Kommunen gebe es keine Veranstaltungen zum Aktionsjahr, auch im Hochtaunus: Eine Stadt ist abgesprungen. Auch Oberursels Frauenbeauftragte weiß, dass das Thema umstritten ist. "Aber wir müssen reden. Das ist unser Anliegen und das ist gut", sagt Gabriela Wölki.

"Wo kann ich unterschreiben?", fragt eine Oberurselerin mittleren Alters. Schwittlinsky lächelt. "Das haben wir heute schon mehrmals erlebt. Dabei sammeln wir gar keine Unterschriften." Die Beraterinnen verteilen Flyer und Infobroschüren, haben Quizfragen ausgedruckt und führen persönliche Gespräche - auch mit Menschen, die anders denken. "Jeder darf seine Meinung haben." Ältere Frauen seien erstaunt und manchmal geschockt gewesen, dass es den Paragrafen noch gebe. "Sie haben ja schon vor Jahrzehnten dafür gekämpft, dass er abgeschafft wird." Statistisch gesehen würden 50 Prozent der Frauen bis zur Menopause ungeplant schwanger. Schwittlinsky: "Ob ungeplant dann ungewollt ist, ist eine andere Frage. Fakt ist, dass es passieren kann, kein Verhütungsmittel schützt zu 100 Prozent." Die Frauen in der Beratungsstelle seien im Durchschnitt zwischen Ende 20 und 35 Jahren alt, nicht wenige hätten bereits Kinder.

Derweil wirft ein Passant mit Bauchtasche einen Blick auf die Quizfragen. "Die Antworten stehen alle in der Bibel", insistiert er. Die Frauen bleiben entspannt. "In Wehrheim sind wir als Mörderinnen beschimpft worden." Das sei dann aber auch die einzig richtig negative Erfahrung gewesen.

Die Oberurselerin Jenny Spies bleibt nicht ganz so ruhig. "Klar, dass das ein Mann sagt!" Mit Anfang 20 hat sie sich für einen Abbruch entschieden. "Heute rede ich darüber. Das ist wichtig." Ein solcher Eingriff ist doch keine spontane Entscheidung. Und zusätzlich zu dem inneren Konflikt kommen diese Hürden." Es werde den Frauen sehr schwergemacht. "Auf welchen Seiten ich mich herumgetrieben habe auf der Suche nach Informationen... Und die Frauenärztin hat gesagt, ich hätte doch das perfekte Alter, um das Kind zu bekommen." Sie deutet auf den Buggy, mit ihrem Kind. Manuela Reimer

Kontakt zu pro familia

Am 12. Oktober informiert Pro Familia in Bad Homburg auf dem Wochenmarkt. Die Beratungsstelle in Friedrichsdorf, Dr.-Fuchs-Straße, ist per Telefon, (0 61 72) 7 49 51, oder E-Mail an friedrichsdorf@profamilia.de zu erreichen. Mehr Informationen auf www.profamilia.de/angebote-vor-ort/hessen/friedrichsdorf.

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