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Stühlerücken für die Flüchtlinge

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In der alten Grundschule ziehen bald Flüchtlinge ein. Im anderen Trakt des Hauses werden weiter IGS-Schüler unterrichtet.	Foto: jr
In der alten Grundschule ziehen bald Flüchtlinge ein. Im anderen Trakt des Hauses werden weiter IGS-Schüler unterrichtet. Foto: jr © Jochen Reichwein

Die Räume der ehemaligen Grundschule Stierstadt werden derzeit für die Unterbringung von 65 Flüchtlingen umgestaltet. Derweil überlegen Ortsbeirat, Kirchen und Bürger, wie sie eine Willkommenskultur schaffen können.

Von Carla Marconi

Stühle, Tische, Tafeln und Regalbretter werden aus den zwölf Räumen der ehemaligen Grundschule Stierstadt hinausgetragen, die 65 Flüchtlingen als Notunterkunft dienen sollen (TZ berichtete). Die Möbel landen meist in großen Containern. Gleichzeitig kümmern sich Elektriker um Leitungen und Steckdosen in dem Gebäude, während im Hof gebaggert wird. Der Umbau läuft auf Hochtouren, schließlich sollen die Asylbewerber Ende März einziehen.

Diese Nachricht beschäftigt den Ortsteil. So schauen die Schüler der Integrierten Gesamtschule Stierstadt (IGS), die teils im vorderen Teil der alten Grundschule unterrichtet werden, neugierig den Bauarbeitern zu. Ein Anwohner schaut aus dem Fenster, um zu sehen, was da vor sich geht. „Wir haben gehört, da sollen Kosovo-Albaner einziehen“, sagt er. Es werde viel geredet, aber keiner wisse Genaueres.

Auch dem Hochtaunuskreis ist nichts Näheres bekannt. „Wir bekommen sehr kurzfristig gesagt, wer in der alten Grundschule einziehen soll, versuchen aber, möglichst viele Familien dort unterzubringen“, sagt Kreissprecherin Andrea Nagell. Sie sollen in 12 der 16 Klassenräume im hinteren Gebäudeteil der Schule wohnen, im vorderen Teil, der ebenfalls 16 Räume hat, werden weiterhin die IGS-Schüler unterrichtet.

Leere Räume als Puffer

„Unter anderem wird hier Musik unterrichtet, daher lassen wir die vier Räume zwischen den beiden Trakten leerstehen. Sie sollen so etwas wie ein Puffer sein“, sagt IGS-Schulleiter Walter Breinl. Auch die beiden Hofbereiche zwischen den Gebäudeeinheiten sollen durch einen Zaun abgetrennt werden. Geplant sind separate Zugänge.

Die Toilettenanlagen im hinteren Gebäudeteil sollen den Flüchtlingen zur Verfügung stehen. „Um den Asylbewerbern Räume zum Kochen, zum Duschen, zum Waschen und Trocknen sowie einen Gemeinschaftsraum bereitzustellen, werden Container auf dem Schulhof der ehemaligen Grundschule aufgestellt“, sagt Nagell.

Während der Kreis die Räume instand setzt, bereitet sich Stierstadt auf die Ankunft der Flüchtlinge vor. Pfarrer und Ortsvorsteher haben sich getroffen, und in der IGS gab es eine Konferenz. Zudem hat der Ortsbeirat eine Informationsveranstaltung für kommenden Sonntag im Pfarrheim St. Sebastian organisiert. Beginn ist um 17 Uhr. Dort sollen die Stierstädter Gelegenheit haben, Fragen zu stellen.

Dass Redebedarf besteht, konnte Ortsvorsteher Stephan Jung (Grüne) bereits bei der Ortsbeiratssitzung am Montag feststellen, zu der etwa 50 Bürger gekommen waren und viele Fragen hatten. Zum einen ging es darum, wie eine Willkommenskultur aussehen soll. Zum anderen wurden Befürchtungen geäußert. „Angst um Eigentum, Angst um die eigenen Kinder, Angst um die Frauen“, fasst Jung die Befürchtungen zusammen.

„Es kommen Menschen zu uns, die eigentlich gar nicht hier sein wollen, aber fliehen mussten. Oft haben sie ihr Leben auf dem Weg riskiert. Sie sind in Not, und es ist unsere Pflicht, ihnen zu helfen“, betont Jung. Das müssten alle akzeptieren. Zwar sei die Unterbringung in der ehemaligen Grundschule, zwischen IGS, Grundschule und Kindergarten, ein sensibler Bereich, schließlich passierten etwa 1000 Schüler täglich die Unterkunft. Dort gelte es, ein harmonisches Miteinander zu kultivieren. „Dabei ist unsere Vorbildfunktion als Eltern gefragt.“

Sozialarbeiter erwünscht

Und was sagen die Kirchen? „Für uns ist es ganz wichtig, dass ein Sozialarbeiter an Ort und Stelle ist“, sagt Pfarrer Klaus Hartmann von der evangelischen Versöhnungsgemeinde. Es gelte, besonnen vorzugehen und nicht in Aktionismus zu verfallen, sondern zu schauen, welche Netzwerke bereits vorhanden seien. Er sei bereits von Gemeindemitgliedern angesprochen worden, die helfen wollten. Beim Flohmarkt der Gemeinde am 2. Mai sollen Asylbewerber am Ende das mitnehmen können, was sie brauchen.

Auch nach Einschätzung von Pastoralreferentin Susanne Degen von der katholischen Kirche St. Sebastian ist die Hilfsbereitschaft der Stierstädter groß. „Was konkret gebraucht wird, ist noch zu sondieren“, sagt sie. Und weiter: „Uns ist es ein großes Anliegen, dass die Menschen, die in Not sind und die als Flüchtlinge zu uns kommen, hier in Stierstadt ein gutes Willkommen erfahren.“

Willkommen heißen wollen die Schulleiter die Flüchtlinge gleich am ersten Schultag nach den Osterferien. „Ich werde mit meiner Kollegin Luitgard Heßler von der Grundschule zu den Asylbewerbern gehen und sie begrüßen“, kündigt IGS-Chef Breinl an.

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