Dirk Velte von der Metallmanufaktur Velte und Lehrling Tim Fischer bearbeiteten auf dem Epinay-Platz heißes Eisen.
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Dirk Velte von der Metallmanufaktur Velte und Lehrling Tim Fischer bearbeiteten auf dem Epinay-Platz heißes Eisen.

Herbsttreiben

Tausende zieht es nach Oberursel

  • VonManuela Reimer
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Auf dem Epinay-Platz zeigen 13 Handwerker ihr Können. Erst shoppen, um sich dann genussvoll zu stärken, ist die Devise. Und alles lässt sich mit der Stimmabgabe kominieren.

Oberursel -"Dreimal zwei Euro sind?", fragt eine Oberurselerin mit ergrautem Haar die drei Jungs im Grundschulalter, mit denen sie sich am Samstagnachmittag in die Schlange an der Zuckerwatte-Maschine des Süßigkeitenstands in der Vorstadt einreiht - so lässt sich Mathe in den Alltag integrieren, mit klebrig-süßer Belohnung.

Die genießt unterdessen schon ein Mädchen, das vor dem Trio an der Reihe war. "Was es hier heute alles gibt!", strahlt die Kleine, bevor sie mit ihrer Familie weiterzieht. In der Tat: Beim traditionellen Oberurseler Herbsttreiben der Fokus-O.-Selbstständigen, das zwischen Freitagmittag und Sonntagabend Tausende Besucher in die City lockte - besonders der sonnige Samstag war ein voller Erfolg -, hatten die Orscheler nicht nur kulinarisch die Wahl: Wer sich auf dem Rathausplatz mit französischen Mini-Croissants, Elsässer Flammkuchen, Wildschweinsalami, Käsespezialitäten, frisch gebackener Pizza oder auch der guten alten Bratwurst mit Pommes auf dem Epinay- oder dem Marktplatz gestärkt hatte, konnte vor einer der beiden Pop-up-Bühnen verweilen und klassische Musik, Tanz- und Musicaldarbietungen von jungen Talenten aus der Brunnenstadt beklatschen.

Oder er schlenderte an ausgewählten Marktständen mit hübschem Schmuck und Ledertaschen in der Auslage vorbei, drehte das Stadtwerke-Glücksrad, die in der Kumeliusstraße informierten, genau wie auch das Netzwerk Bürgerengagement Oberursel und andere. Ein Muss war der Rundgang über den Epinay-Platz, auf dem 13 Orscheler Handwerker ihr Können und die neuesten Trends präsentierten. Wer dann Lust auf eine andere Perspektive hatte, konnte sich von der Mini-Dampflok, die natürlich vor allem die Jüngsten anlockte, genau wie die Karussells, durch Ackergasse und Untere Hainstraße befördern lassen.

Parkplatz weicht

grüner Oase

Nach einer Shoppingtour durch Orschels Läden, die auch am Sonntag möglich war, ließen die Besucher den Tag beim erfrischenden Stöffche am Marktplatz, auf dem die neuen Sorten und andere Apfel-Spezialitäten ausgeschenkt wurden, ausklingen - viele auch in der grünen Pop-up-"Oase am Urselbach", für die die Autos, die sonst auf dem City-Parkplatz stehen, weichen mussten. Gestern konnten die Orscheler ihren Rundgang übers Herbsttreiben dann noch mit der Stimmabgabe zur Bundestagswahl oder einer Covid-Impfung in der Stadthalle verbinden.

Roboter, die den Rasen mähen, Wallboxen, die das E-Auto aufladen, Schädlingsfallen, Autofolierungen, Innenausbau und Fachwerkrestaurierung - beim Handwerkermarkt konnten die Besucher sich nicht nur informieren, sondern auch selbst Hand anlegen.

Der junge Mann mit Kumpel, weißer Jogginghose und Bauchtasche, der am Samstag viel mehr Schläge benötigt, um den Nagel im Baumstumpf zu versenken, als ihm lieb gewesen wäre - "mit einem Schlag sieht's cooler aus" - bekommt trotzdem einen Lutscher, der Freund auch. Ein paar Meter weiter zieht der angehende Kunstschmied Tim Fischer, der gleich mehrere Eisen im bis zu 2000 Grad heißen Feuer hat, alle Blicke auf sich: Er formt ein Hufeisen, zwei Hufeisenanhänger, einen Schnörkel und einen Flaschenöffner.

"Ich möchte Verschiedenes zeigen", erklärt der 20-Jährige, bevor er sich auf dem Amboss daran macht, die zweite Kehle in jenes Stück glühenden Stahl zu meißeln, das zu seinem ersten Hufeisen werden soll. "Hier hat man mal Zeit, so etwas auszuprobieren", lacht Fischer, der bisher nur Miniaturhufeisen gefertigt hat. Außerdem Werkzeug aus speziellem Stahl, der besonders hart ist - er zeigt seine erste Zange: "Da habe ich noch vier Stunden gebraucht, mit Übung sind es 20 Minuten. Es ist toll, den Werkstoff zu sehen und dann, was daraus entsteht; wenn ich die Dinge hinterher noch verwenden kann, ist es umso schöner."

Im Februar wird er 40 Stunden Zeit haben, um sein Gesellenstück zu schmieden. Die Abschlussklasse in Göppingen besuchten elf junge Männer aus ganz Deutschland - vier stammten aus der Region. In Frankfurts Umland seien die Leute eher noch bereit, für ein handgefertigtes Geländer, eine Pergola, ein verziertes Tor oder einen Zaun zu bezahlen, weiß Fischer. "Das ist eine Möglichkeit, die sich uns bietet. Dadurch wird auch das Handwerk erhalten, nur vom Spaß kann man ja nicht leben." Der Lehrling, der sich bald Metallbauer, Fachrichtung Gestaltung, nennen darf - "aber unter Kunstschmied können sich die Leute mehr vorstellen" -, weiß, wovon er spricht: Er ist der Junior in der Metallmanufaktur Dirk Velte.

Knusprige

Dinkelwaffeln

Derweil geht es in der spontan eingerichteten "Oase am Urselbach", in die der Geruch von knusprigen Dinkelwaffeln leitet, nicht um das Element Feuer, sondern ums Wasser, nämlich das des Urselbachs: Weil auf dem Platz hinter der Stadthalle noch keine sanft abfallenden Stufen hinunter zum Bach führen, wie es sich die Klimaschützer vom BUND Oberursel, Lokaler Oberurseler Klimainitiative (LOK) und andere erträumen, haben die Aktiven das Wasser einfach hochgepumpt: Die Fläche trumpft am Wochenende statt mit Dreck und abgestellten Autos nicht nur mit frischen Waffeln aus dem Foodtruck auf, sondern auch mit einem kleinen Teich, mit Sand, Liegestühlen, Bistrotischen, ausgeliehenen Grünpflanzen und Informationen zum Urselbach.

"Die Oase wird so gut angenommen, vor allem auch von Familien. Wir hatten kaum aufgebaut, da waren schon die ersten da", freut sich BUND-Chefin Dr. Claudia von Eisenhart Rothe. Fokus O., Stadt, BUND, LOK, mehrere politische Parteien, der Verein Kunstgriff, der die Möbel zur Verfügung gestellt hat - "hier ziehen alle an einem Strang", berichtet von Eisenhart Rothe. "Es geht darum, die Innenstadt zu beleben, und dieser Platz hier könnte ein Element sein." Die Oberurselerin spricht von einer "Win-win-Situation": "Das war ja ein toter Platz. Jetzt haben wir hier Begegnung und schaffen Aufenthaltsqualität. Gleichzeitig müssen wir genau solche Flächen aufbrechen - die neuen Überschwemmungskarten sind der Horror!"

Was Flächenversiegelung bedeutet, lernen schon die jüngsten Oasen-Gäste an diesen Tagen. Sie dürfen hier nämlich experimentieren: Wenn sie Wasser aus dem Bach auf einen Backstein in einer Plastikbox kippen, werden die Lego-Figuren, die daneben liegen, überflutet, in der Box mit den Pflanzen nehmen Erde und Grün das Wasser auf wie in einer Schwammstadt. Die Initiatoren der Oase sammeln Wünsche und Anregungen, die sie auswerten und der Stadt zur Verfügung stellen möchten: "eine Wiederholung", ist auf einem der Zettel zu lesen.

Die designierte Rathauschefin Antje Runge (SPD) verspricht, die Belebung von Plätzen wie dem City-Parkplatz "in den Blick zu nehmen": "Das ist ja sonst eine Brache - jetzt wird der Platz gemeinsam erlebt. Man kann das Fest genießen und hier zur Ruhe kommen." Manuela Reimer

Gute Stimmung und leckere Speisen gab es auf dem Rathausplatz beim "Le Marche Francais".

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