Rätselhaftes Exponat

Im Vortaunusmuseum ist ein wertvoller Stierkopf aus der Zeit der Kelten zu sehen

Es gibt viel zu entdecken in den Museen des Taunus, die kostbare Schätze in ihren Sammlungen besitzen. In ihrer Serie widmet sich diese Zeitung ausgewählten Objekten, die spannende Geschichten erzählen können. Heute geht es um eine außergewöhnliche Stierfigur, die in den 70er Jahren im Heidetränk-Oppidum entdeckt worden war.

Es ist hellgrün und trägt einen sonderbaren Kopfschmuck. Wer oder was ist da in einer Vitrine des Vortaunusmuseums zu sehen? Woher und aus welchem Zusammenhang stammt das seltsame Wesen? Und was hat es zu bedeuten? Es sind diese und andere Fragen, die sich bei der Betrachtung einer kleinen Bronzefigur aus Oberursel stellen. Wir sehen in der Ausstellung einen kunstvoll gearbeiteten Stierkopf, der uns weit zurück in die Vergangenheit, in vorgeschichtliche Zeiten führt: Und zwar in die Jüngere Eisenzeit, als sich hier – im heutigen Oberurseler Stadtwald – ein bedeutendes keltisches Zentrum erhob.

Vor weit mehr als zwei Jahrtausenden siedelten die Kelten auf den zwei Bergkuppen „Altenhöfe“ und „Goldgrube“ über dem Heidetränktal: In einem sogenannten Oppidum, wie die Römer derartige befestigte Anlagen der Kelten nannten. Es war eine ihrer gewaltigen stadtartigen Siedlungen, eines der großen spätkeltischen Zentren, das ein riesiges Areal von 130 Hektar Fläche umfasste. Noch heute kann man die Spuren und Überreste der mächtigen Umfassungsmauern und Tore entdecken, wenn man dem archäologischen Rundwanderweg folgt: Ausgehend von der Oberurseler Hohemark führt er auf rund 4,3 Kilometern an wesentlichen Stellen des Geländedenkmals auf der „Goldgrube“ vorbei.

Wie es aber innerhalb der Siedlung aussah, wie die Kelten hier lebten, wohnten und arbeiteten, welche Kleidung sie trugen, welches Handwerk sie ausübten oder womit sie handelten – davon kann man sich in der Kelten-Ausstellung im Vortaunusmuseum ein Bild machen. Denn hier sind zahlreiche archäologische Funde aus dem Heidetränk-Oppidum ausgestellt, es gibt auch eine Multimediapräsentation, die einen Einblick in die jahrtausendealte Geschichte der Kelten im Taunus gibt.

So kann man hier unter anderem erfahren, dass die Kelten bereits im 5. und 4. Jahrhundert auf dem Altkönig eine große Anlage, möglicherweise einen „Fürstensitz“, besaßen, der von gewaltigen Ringwällen umgeben war. Außerdem muss es bereits um 300 v. Chr. erste Siedlungen auf den beiden Anhöhen beiderseits des Heidetränkbaches gegeben haben. Später dann, in der Zeit der keltischen Oppida-Kultur, wurden die beiden voneinander getrennten Anlagen zu einer Stadt zusammengefasst und von einer mächtigen Mauer umfasst.

Vermutlich lebten in dieser ersten „Großstadt“ im Rhein-Main-Gebiet Tausende von Menschen in Hunderten von Häusern. Vor allem auf der Bergkuppe „Goldgrube“ muss die Besiedlung besonders dicht gewesen sein. Denn hier kamen die meisten archäologischen Funde zutage. Gefunden wurden unter anderem Geräte für die Feld- und Gartenarbeit, zahlreiche Werkzeuge – vom Hammer bis zur Feile. Außerdem tauchten mehrere Mühlsteine auf, aber auch Waffen und Wagenteile, zudem Hunderte von Keramikscherben, Teile von Metallgefäßen und vieles mehr. Darüber hinaus ein großer „Schatz“ an Münzen aus Gold, Silber und Potin. Und es gibt mehrere Schmuckstücke, Bronze- und Glasringe, Amulette und Fibeln, Gürtelhaken und Anhänger für Pferdegeschirr, die von einer hoch entwickelten handwerklichen Produktion zeugen. Zusammen mit den Werkzeugen, den Halbfabrikaten und Gussformen weisen diese Fundstücke darauf hin, dass hier verschieden spezialisierte Handwerker an Ort und Stelle am Werk waren.

Zu den besonderen Kostbarkeiten aus dem Heidetränk-Oppidum zählen vor allem drei Kleinplastiken, die in den 70er Jahren gefunden wurden. Dazu gehört ein kleines Bronzepferdchen, das wohl eine Votivgabe beziehungsweise ein Weihegeschenk für eine Gottheit war. Bei der zweiten Bronzearbeit handelt es sich um ein Maskenbild mit menschlichem Kopf in Frontalansicht, das ehemals als Applike einen Gegenstand schmückte. Denn es besitzt große Ohren mit Löchern und unterhalb des Kinns eine Öse, mit deren Hilfe es an einem Brett oder Gefäß befestigt war. Derartige Maskenköpfe waren ein beliebtes Motiv in der keltischen Welt.

Ein weiteres wertvolles Stück ist der massiv aus Bronze gegossene Stierkopf. Genauer gesagt ist es eine Protome, also der vordere Teil eines Stieres, der früher einmal am Griff eines Gefäßes – vermutlich eines Holzeimers – angebracht war. Auf einer Schautafel im Vortaunusmuseum ist eine derartige Konstruktion zu sehen, die an beiden Henkeln eines Eimers je eine Tierprotome zeigt. Wer den Stier aus der Nähe betrachtet, kann erkennen, dass er eine besondere Kopfbedeckung „trägt“. Wie Andreas und Michael Müller-Karpe 1977 in ihrem Aufsatz über die Funde aus dem Heidetränk-Oppidum schrieben, dürfte es sich um eine „Kappe handeln, die, das gesamte Oberhaupt bedeckend, die Augen aussparte“.

Besonders seltsam erscheint darüber hinaus die Gestaltung der Hörner, die mit einem kugelförmigen Ende abschließen, das allerdings nur noch in einem Fall erhalten ist. Darüber hinaus trägt unser Stier zwischen seinen Hörnern einen weiteren Kopfschmuck, sehr wahrscheinlich ein drittes Horn, von dem heute nur noch ein Stumpf erhalten ist. Seit jeher hat das Rind in der keltischen Kultur eine große Rolle gespielt. Und dies nicht nur als Nutztier. Es wurde von den Kelten kultisch verehrt. Dies gilt vor allem für den Stier, der ein Symbol für Stärke und Kampfkraft, für Wildheit und Fruchtbarkeit war. So erscheint er auch häufig in der keltischen Kunst, mal in voller Gestalt als Statue oder Statuette, vielfach ist es nur sein Kopf, der an Gefäßen oder Schmuckstücken und vor allem an den Enden von Feuerböcken dargestellt wird. Oftmals enden die Spitzen seiner Hörner – wie auch bei unserem Exemplar – in Kugeln. Warum das so war, darauf haben Wissenschaftler eine mögliche Antwort gefunden. Vermutet wird, dass derartig geschmückte Stiere mit Opferritualen in Zusammenhang gebracht werden können, möglicherweise sogar mit Stierkämpfen, bei denen die Hörner durch Kugeln „entschärft“ werden.

Dass aber der Stier außerdem ein drittes Horn trägt, verweist darüber hinaus auf einen religiös-mythischen Hintergrund: Denn dreigehörnte Stiere hatten – wie es in der Fachliteratur heißt – einen eindeutig „sakralen Charakter“. So fand man eine Reihe von Stierskulpturen, unter anderem in Heiligtümern, die auf sein übernatürliches, vielleicht auch göttliches Wesen verweisen. Wer oder was aber hier in Gestalt eines Dreihornstieres verehrt wurde – das ist schon lange die Frage, die zu verschiedenen Antworten geführt hat.

Je nach Zusammenhang reichen die Deutungen vom Kraft- und Fruchtbarkeitsstier über das Himmelswesen bis hin zum Unterwelts- und Wasserstier. Auch bei dem Oberurseler Stier deutet der auffällige Kopfschmuck (wenn es sich dabei tatsächlich um ein drittes Horn handelt) auf eine besondere kultische Bedeutung des „Tieres“. Und damit auch des Gegenstandes, an dem die Figur und ihr gleichartiges Gegenüber einst befestigt waren. Zu sehen ist hier ein sagenumwobenes Wesen, das uns heute noch – wie so vieles aus der Keltenwelt – zugleich geheimnisvoll und rätselhaft erscheint.

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