In der städtischen Kindertagesstätte Schatzinsel am Hammergarten wirkt sich der Personalmangel dramatisch aus.
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In der städtischen Kindertagesstätte Schatzinsel am Hammergarten wirkt sich der Personalmangel dramatisch aus.

Kita-Notstand

Wegen Personalmangel kein Mittagschlaf in Oberursel

  • VonBehr
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Die städtischen Kindertagesstätten sind akut unterbesetzt. Die Schatzinsel-Eltern sind aufgebracht und mit den Nerven am Ende. Jetzt bleibt keine Zeit mehr für den Mittagsschlaf der Krippenkinder.

Oberursel -Ärger in der städtischen Kindertagesstätte Schatzinsel: Weil wegen akutem Personalmangel die Schließzeit auf 14 Uhr vorverlegt wird, fällt der Mittagsschlaf für die Krippenkinder aus. "In der Schatzinsel geht so einiges schief. Die Stadt als Trägerin ist unfähig, im Kindergarten- und Krippenbereich für ausreichend Personal zu sorgen", regt sich Dirk Fechner auf. Seit einem Dreivierteljahr besucht seine zweijährige Tochter die Einrichtung. "Das ist doch die absolute Fehlplanung", ärgert sich der 39-Jährige.

"Die Krönung" sei jetzt eine E-Mail der Stadt an die Eltern gewesen, dass wegen der akuten Lage kommende Woche die Öffnungszeit auf 8 bis 14 Uhr zusammengestrichen werde plus Hinweis, dass somit auch der Mittagschlaf entfalle. "Wir als Eltern sind ohnmächtig und sprachlos, was die Stadt da verlangt und haben kein Vertrauen mehr", sagt Fechner. Seit Monaten falle wöchentlich Betreuung aus, und das meist plötzlich und kurzfristig. Am meisten würden die Kinder und die Erzieherinnen und Erzieher darunter leiden.

Zumutung fürs

Familienleben

Der zuständige Erste Stadtrat Christof Fink (Grüne) kennt das Problem: "Wir haben eine Situation, die einen unbefriedigt zurücklässt." Die Schatzinsel sei wegen Langzeiterkrankungen und Schwangerschaften derzeit zu 40 Prozent unterbesetzt.

Und diese Kita sei nicht die einzige der insgesamt sieben städtischen Kindertagesstätten mit akuter Personalnot in Oberursel. Zum 1. Juni waren rund 11 Prozent aller Stellen nicht besetzt, weitere sechs Prozent der Mitarbeiterinnen standen wegen Langzeiterkrankung oder Mutterschutz-Beschäftigungsverbot nicht zur Verfügung. In Zahlen: Von 123 Planstellen (4801 Fachkraftstunden) sind 13,7 (534 Fachkraftstunden) unbesetzt. Hinzu kommen 7,5 Stellen, die wegen Krankheit oder Schwangerschaft offen sind. Das sind zusätzlich knapp fehlende 300 Fachkraftstunden. Über Zeitarbeitsfirmen werden hiervon 9,54 Stellen (372 Fachkraftstunden) durch Fremdpersonal abgefedert. Und daran hat sich seit Anfang Juni kaum etwas geändert.

"In der Schatzinsel hat sich die Situation in der vergangenen Woche verschärft", sagt Fink. "Das ist für Eltern extrem frustrierend." Doch wenn um die Mittagszeit gegessen werde, mache es keinen Sinn, die Krippenkinder dann um 13.15 Uhr noch schlafen zu legen. Die müssten ihren Mittagschlaf dann daheim machen.

In einem Elternbrief an die Eltern schreibt Fink: "Ich bin mir sehr bewusst, dass die aktuelle Situation eine große Zumutung für Ihr Familienleben darstellt und wir von Ihnen auch kein Verständnis erwarten können. Ich kann Ihnen jedoch versichern, dass wir sehr intensiv daran arbeiten, dass die Situation nach den Ferien eine bessere wird."

Die Personallage im Erzieherbereich sei derzeit grundsätzlich angespannt. Deshalb sei Oberursel auch nicht in der Lage, Personal aus anderen Einrichtungen zu versetzen, sonst würde dort der Betrieb beeinträchtigt. Zudem gebe es ebenso grundsätzlich eine "hohe Fluktuation in diesem Berufssegment", erklärt Fink.

Versäumnisse der Stadt? "Die Personalentwicklung hat in den vergangenen Jahren mit dem Ausbau der Kita-Plätze und des Rechtsanspruchs einfach nicht mitgehalten", sagt Fink. Der Arbeitsmarkt für Erzieherinnen und Erzieher sei gerade im Ballungsraum für die Städte als Kita-Träger leergefegt. "Städte und Gemeinden machen sich die Fachkräfte ja gegenseitig abspenstig", berichtet der erste Stadtrat. Alle Städte hätten derzeit viele unbesetzte Stellen. Mancherorts könnten neue Einrichtungen nicht eröffnen, weil das Personal fehlt.

"Wie sage ich meiner Zweijährigen, dass sie nicht schlafen kann?", fragt Dirk Fechner. "Die kommt völlig aus dem Rhythmus". Er und seine Frau hätten aus dem Betreuungsnotstand heraus Arbeitszeit verkürzt, Vereinbarungen mit dem Arbeitgeber getroffen. Er arbeite inzwischen bis spät in die Nacht oder früh morgens, um seine Tochter mittags abholen zu können. "Das zehrt an den Kräften, die Nerven liegen blank. Wie sollen wir das alles noch managen?", so der Vater verzweifelt. "Und es ist keine Verbesserung in Sicht."

"Ich kenne das Drama in der Schatzinsel. Das ist für Eltern schon seit Jahren unbefriedigend", sagt Brigitte Geißler-Burschil, die für die SPD im Bommersheimer Ortsbeirat sitzt. "Vor allem werden sie immer so kurzfristig informiert. Andere Kita-Träger bekommen das besser hin."

Christof Fink verspricht Besserung. Nach den Sommerferien sollen zunächst keine weiteren Kinder aufgenommen werden, um die Lage zu entspannen. Von 14.30 bis 16 Uhr soll es durch Aushilfskräfte "begleitetes Freispiel" geben, um so das Fachkräfte-Team zu entlasten. Ab sofort müsse erkranktes Kita-Personal zudem bis spätestens Freitagmittag darüber informieren, wenn etwa die Krankschreibung noch für die Folgewoche gilt, nicht erst Montagmorgen.

Fink setzt außerdem auf ein vom Stadtparlament beschlossenes "Personalgewinnungs- und Bindungskonzept" für Kitas, das im Herbst vorliegen soll. Im Klartext: Oberursel muss für Erzieherinnen und Erzieher attraktiver werden. Andere Städte und Gemeinden sind da verlockender, inklusive übertariflicher Bezahlung. Bislang kann Oberursel nur mit tariflicher Bezahlung, einem kostenlosen Jobticket für den RMV-Bereich und 300 Euro "Kleidergeld" aufwarten.

"Andernorts werden Erzieherinnen besser bezahlt", weiß auch Dirk Fechner, der eins klarstellt wissen möchte: "Super zufrieden" seien er und seine Frau mit dem Team der Schatzinsel. Ihre kleine Tochter fühle sich hier wohl und sicher. "Ich fürchte nur, dass die Erzieherinnen bei dieser Arbeitsbelastung hinschmeißen. Die müssen sich ja total im Stich gelassen fühlen." Jochen Dietz

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