Auf ein Alter von 800 Jahren wird die Linde im Garten des Gasthauses "Zur Linde" geschätzt.
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Auf ein Alter von 800 Jahren wird die Linde im Garten des Gasthauses "Zur Linde" geschätzt.

Historischer Rundgang durch die Oberurseler Stadtteile

Weißkirchen: Immer dabei, aber nie mittendrin

Wie Weißkirchen vom wasserreichen Urselbach profitierte.

Weißkirchen ist ein Ort, an dem es sich gut leben lässt. Warum das so ist, wird schon an der ersten Station unseres Rundgangs deutlich. Vom Parkplatz am Friedhof geht es hügelaufwärts zu den Äckern auf freiem Feld. Der Blick fällt auf Frankfurt und die Autobahn einerseits, auf den Taunus mit dem Altkönig andererseits. "Wir Weißkirchener waren immer dabei, aber nie mittendrin", sagt der Weißkirchener Heimatforscher Georg Eckinger.

Schlecht gefahren seien sie damit aber nicht. Dort, wo sich der Turm der Frankfurter Müllverbrennungsanlage zeigt, lag einst die römische Stadt Nida. Daneben zeigt sich die Skyline von Frankfurt, die schon im Mittelalter zentrale Bedeutung besaß. Auf der anderen Seite zeigt sich der Altkönig mit den keltischen Ringwällen und dem Heidetränk-Oppidum.

"Hier haben schon immer viele Menschen gelebt, die alle essen mussten", sagt Eckinger. Handelswege führten hier vorbei. "Und wir stehen hier auf 15 Meter dickem, fruchtbarem Lößboden. Hier wurde das Essen für all die Menschen angebaut." Dies und der wasserreiche Urselbach hätten zum Weißkirchener Wohlstand beigetragen.

Nach diesem ersten Überblick geht es zurück und entlang der Grabenstraße zwischen den beiden Friedhöfen hindurch. Der Name ist Programm. Hier war die alte Ortsbefestigung, die wohl aus einem Graben und einem mit Dornenhecken bepflanzten Wall bestand. An manchen Stellen lässt sich diese von Menschen geschaffene Topographie sogar noch erahnen.

Militärische Bedeutung hatte diese Dorfbefestigung eher nicht, sie diente dazu, das Nutzvieh im Ortskern und wilde Tiere außerhalb zu halten, vermutet Eckinger. An der Einmündung zur Kurmainzer Straße fällt das Gelände weiter ab. "Das liegt daran, dass hier im 19. Jahrhundert Lehmgruben waren und Ziegel gebrannt wurden", sagt er.

Georg Eckinger deutet auf den fruchtbaren Lößboden. Mit dem hier angebauten Getreide wurde auch das nahe Frankfurt versorgt.

Geradeaus geht es weiter in die Weißkirchener Straße. An der Einmündung stand früher ein großes Wegekreuz, das nun auf dem neuen Friedhof steht. An dieser Stelle lohnt der Blick die Kurmainzer Straße zurück, die hier einen merkwürdigen Knick macht. "1936 wurde die Straße mitten durch den Ort verlegt", sagt Eckinger. Deshalb seien mitunter auch die Bordsteine hier sehr schmal, weil die Straße ganz dicht an den Häusern vorbeigeführt wurde." Ursprünglich sei die Kurmainzer Straße schnurgerade gewesen und sei am Ortskern vorbei verlaufen.

Weiter geht es die Weißkirchener Straße entlang, kurz hinter dem Ortsschild Stierstadt biegen wir rechts ab und folgen links und rechts abbiegend dem Weg, bis wir zum Wiesengürtel am Urselbach kommen, wo wir auf den Oberurseler Mühlenpfad stoßen.

Der Bach als Lebensnerv

"Der Urselbach war der Lebensnerv Weißkirchens. Wir hatten alleine vier Mühlen auf einer Strecke von 1,5 Kilometern", sagt Eckinger. Nur wenige Meter weiter macht der Urselbach einen scharfen Knick. "Geradeaus war der Abzweig des Mühlgrabens", erklärt er. Und in der Tat stoßen wir schon nach einigen Schritten auf das Mühlenareal. Eine Schautafel zeigt, wie die Mühle, die vor 600 Jahren erstmals erwähnt wurde, aussah und wie sie gearbeitet hat. Heute zeugen allerdings nur noch wenige Mauerreste von dem einst stolzen Anwesen.

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Geradeaus geht es weiter, bis wir wieder auf die Kurmainzer Straße stoßen. "Hier an der Ecke stand einst die Gänsemühle", sagt Eckinger, die aber wohl nur kurz arbeitete. Wir biegen links ab auf die Kurmainzer Straße. Kurz nach der Einmündung der Vierhäusergasse steht auf einem Grundstück eine Linde, die wohl nach dem Dreißigjährigen Krieg gepflanzt wurde und die als Naturdenkmal ausgewiesen ist. "Linden galten schon früh als ein Zeichen der Hoffnung", sagt Eckinger. Vielleicht wurde sie gepflanzt für den Wiederaufbau des Ortes, der in dem Krieg schwer gelitten habe. Gerade einmal 18 Einwohner habe der Ort 1648 noch gezählt.

Über die Kurmainzer Straße geht es in die Erlengasse. Nun nähern wir uns dem eigentlichen Ortskern. Knapp 300 Einwohner habe Weißkirchen 1742 gezählt, die alle auf engem Raum zusammengelebt haben, dazu 37 Ochsen, 79 Kühe, 163 Schafe und 83 Schweine. "Es muss ganz schön gerochen haben", meint Eckinger, während wir zur Bischof-Brand-Straße gehen. Dort biegen wir rechts ab und kommen auf den zentralen Platz, an dem sich wohl das gesellschaftliche Leben abgespielt hat.

Im Garten des Lokals "Zur Linde" steht ein weiteres Naturdenkmal: die etwa 800 Jahre alte Stufenlinde. "Hier in der Gaststätte haben sich nahezu alle Weißkirchener Vereine gegründet", erzählt Eckinger. Gegenüber in dem kleinen Häuschen Bischof-Brand-Straße 1 sei sogar Bismarck zu Besuch gewesen. Denn dort lebte Aloys Henninger, der Gründer der Gewerbeschule und der Zeitung "Taunuswächter".

Das Wegekreuz hat nun seinen Platz auf dem neuen Friedhof.

Henninger und Bismarck hatten zusammen studiert, weswegen der Fürst seinem ehemaligen Kommilitonen später einen Besuch abgestattet haben soll. Weiter geht es links in die Urselbachstraße und wir folgen dem Abzweig zur Johanniskirche. "Wir stehen hier auf einem Friedhof, auf dem wohl um die 2000 Personen begraben wurden", sagt Eckinger. Die Johanniskirche wurde um 1510 errichtet. Seit 1967, als sie nach einem Blitzschlag ausbrannte, ist sie eine Ruine, seit 1984 Kulturdenkmal.

Wo aber jene Kirche stand, die vermutlich Weißkirchen den Namen gab (Weißkirchen = Ort mit der weißen Kirche, spätestens 1191 nachgewiesen) ist unbekannt. Sie stand möglicherweise in unmittelbarer Nähe, denn unterhalb an der Urselbachstraße befand sich einer der beiden großen Weißkirchener Herrenhöfe. Denkbar also, dass auch hier die namensgebende Kirche stand. Heute steht an der Stelle des Herrenhofs das Alte Rathaus.

Eine Gedenktafel weist auf die Geschichte des Hauses hin. Ebenso wenige Meter weiter am katholischen Pfarrhaus, das errichtet wurde, als Dr. Jakob Brand, Seelsorger war. Von 1809 bis 1827 war er hier tätig. 1827 wurde er der erste Bischof der Diözese Limburg. "Auch das beweist, dass Weißkirchen eine Gemeinde war, die Geld hatte", sagt Georg Eckinger. Der kleine Ort habe sich einen so hochkarätigen Pfarrer leisten können.

Wenige Meter weiter weist die Beschilderung den Weg zurück zum Friedhof. Ein kurzer Abstecher über die beiden Friedhöfe lohnt sich. Auf dem alten Friedhof erinnert linker Hand das Gedenkkreuz an die Gefallenen der Kriege 1870/71, 1914 bis 1918 und 1939 bis 1945. "Das Kreuz sollte uns eine Mahnung sein", sagt Eckinger, angesichts der vielen abstrusen Ideen, die derzeit immer stärker aufkommen. Auf dem neuen Friedhof findet sich das Wegekreuz, das, wie schon erwähnt, an der Weißkirchener Straße stand.

Von Alexander Wächtershäuser

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