Werte-Diskussion in Oberursel

  • VonGabriele Calvo Henning
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Der Wirtschaftskongress von Fokus O. diskutiert den Wandel der Prioritäten.

Wenn ein Themenkomplex diesen 6. Oberurseler Werte- und Wirtschaftskongress (WuW) des Fokus O., der am Freitag in hybrider Form stattgefunden hat und live im Internet gestreamt wurde, dominiert hat, dann waren es Fragen nach Nachhaltigkeit und Ökologie. So zeigte - wie berichtet -der HR-Klimaexperte Thomas Ranft plastisch, wie real der Klimawandel ist, während der Ökounternehmer Dr. Dirk Gratzel für sich längst weitreichende Konsequenzen gezogen hat, mit dem Ziel, am Ende seiner Tage mit einer ausglichenen Ökobilanz dazustehen.

Auch in der Abschlussdiskussion spielten Nachhaltigkeit, Ökologie und Klimawandel eine Rolle, erweitert um eine expliziert wirtschaftliche Komponente, ging es doch ums "Wirtschaften im Sinne des Gemeinwohls". Anders ausgedrückt ging es um Instrumente, mit denen die Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) angetreten ist, Kapitalismus und Gewinnmaximierung als wirtschaftliche und unternehmerische Ziele abzulösen und durch verbindliche Werte wie Ökologie, Demokratie, gerechte Produktionsstrukturen, Solidarität und Geschlechtergerechtigkeit zu ersetzen.

Dafür war es den Kongressorganisatoren beim Fokus O. gelungen, mit dem Österreicher Christian Felber einen der Initiatoren der GWÖ zu gewinnen, die inzwischen zu einer weltweiten Bewegung geworden ist. Felber machte deutlich: "Es geht um eine zukunftsfähige Form der Marktwirtschaft, bei der alle auf das demokratisch definierte Gemeinwohl achten." Für ihn ist dies der Weg, jenseits sozialistischer Ansätze zu einer (Wirtschafts-)Welt mit viel weniger sozialer Zerrüttung und ökologischen Problem und zu einer besseren Verteilungsgerechtigkeit und mehr Entscheidungstransparenz zu kommen. Das funktioniere in Unternehmen, Betrieben und Organisationen, so Felber. Entscheidend sei auch, dass in die Handelsbilanzen Faktoren wie Ressourcenschonung, Klimaneutralität und soziale Verantwortung eingepreist würden. Möglich ist das über eine Zertifizierung nach GWÖ-Maßstäben.

Dass das zunächst mit einigem Aufwand bei der Erfassung und Bewertung verbunden ist, hat Christiane Hütte, Inhaberin des Hotels "Villa Orange" in Frankfurt, nicht geschreckt. Biozertifiziert war ihr Haus schon vorher. Aufgrund der GWÖ-Maßstäbe trennte sie sich zwischenzeitlich wegen bedenklicher Arbeitsbedingungen von ihrem Wäscherei-Dienstleister und arbeitet nun mit einer kleinen Wäscherei im Familienbetrieb zusammen. Hütte sagt: "Dass ein Anbieter international aufgestellt ist, ist für mich schon fast ein Knockout-Kriterium." Für sie gelte die Devise: klein, nah, persönlich - genau das schaffe eine vertrauensvolle Transparenz

Ein Prozess

mit vielen Akteuren

Von Ralf Laumer, Stabsstellenleiter beim Landkreis Marburg-Biedenkopf, konnten die Teilnehmenden erfahren, dass sich auch eine Verwaltung auf den Weg zu mehr GWÖ machen kann. Ein Eigenbetrieb wurde bereits zertifiziert, jetzt sollen weitere Verwaltungseinheiten folgen. Laumer sieht die GWÖ als einen Prozess, bei der es auf die politischen Entscheidungen und die Bürgerbeteiligung ankomme, um beispielsweise Vergabekriterien für öffentliche Aufträge an die neuen Werte anzupassen.

Dr. Christian Neddens, Professor an der Lutherischen Theologischen Hochschule Oberursel, schlug mit dem Hinweis auf die christlichen Urgemeinden, die sich der Güterteilung nach Bedürftigkeit verpflichtet fühlten, den Bogen zu einer neuen Wirtschaftsethik in Forschung und Lehre. Etwas, wofür sich auch GWÖ-Initiator Felber stark macht.

In einer ersten Bilanz, die Kongressleiter Michael Reuter zusammen mit Moderatorin Manuela Wehrle (beide Fokus O.) zog, wurde dieser besondere WuW-Kongress als Erfolg verbucht. Die 300 Teilnehmenden hätten vieles für sich mitnehmen können und seien zum Nachdenken angeregt worden. Reuters Dank ging an alle Beteiligten und die Sponsoren, zu denen als Hauptsponsoren die Stadtwerke Oberursel und die Klinik Hohe Mark gehören. 2023 soll es wieder einen WuW-Kongress geben - neben dem hoffentlich wieder möglichen Präsenzevent eventuell auch im Online-Format. Gabriele Calvo Henning

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