SEK-Einsatz in Oberursel

"Wir haben einen Anschlag verhindert"

  • VonGisela Kirschstein
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Es sollte wohl ein Anschlag auf den internationalen Radklassiker in Frankfurt am 1. Mai werden: In der Nacht zum Donnerstag nahmen Ermittler in Oberursel zwei mutmaßliche Terroristen fest.

Es sollte wohl ein Anschlag auf den internationalen Radklassiker in Frankfurt am 1. Mai werden. In der Nacht zum Donnerstag nahmen Ermittler in Oberursel ein Ehepaar fest, in deren Keller: eine fertige Rohrbombe, Material für den Sprengstoff TATP, Waffen – und Verbindungen ins radikal-salafistische Milieu. "Nach allem, was wir wissen, haben wir einen Anschlag verhindert", sagte der Wiesbadener Polizeipräsident Stefan Müller am Donnerstag in Wiesbaden. Deutschland ist wohl gerade noch einem Anschlag wie in Boston entgangen.

Es war mitten in der Nacht zum 30. April, als das Sondereinsatzkommando zuschlug. In Oberursel im Hochtaunus nahmen die Ermittler noch vor Mitternacht einen Mann fest. Der 35 Jahre alte Deutsch-Türke hatte sich zuvor herumgetrieben, im Wald, auf Parkplätzen, immer entlang der Landesstraße zwischen Oberursel und dem Feldberg. Das machte die Observateure stutzig: Genau hier, über diese Straße, sollte am 1. Mai das Internationale Radrennen führen, das früher "Rund um den Henninger Turm" hieß, und jetzt "Rund um den Finanzplatz Eschborn-Frankfurt", ein Großereignis in der Region.

Situation zu heikel

Die Ermittler dachten nach, gründlich – und entschieden dann: Die Situation ist zu heikel. Denn der 35 Jahre alte Deutsch-Türke war beileibe kein Unbekannter. Fünfzehn Mal war der Mann der Polizei bereits aufgefallen: Körperverletzung, Bedrohung, Verstoß gegen das Waffengesetz, "der komplette Querschnitt", nannte das Polizeipräsident Müller.

Schlimmer noch: Der Mann hat gute Kontakte in die Salafistenszene des Rhein-Main-Gebiets und "Verbindungen zu radikal-islamischen Vereinigungen". Konkreter wollten die Ermittler nicht werden, die Tageszeitung "Die Welt" berichtete aber von Beziehungen zum Terrornetzwerk Al-Qaida, unter anderem zu einer spanischen Zelle. Ob es sich beim Oberurseler Ehepaar um Einzeltäter handelte, ob sie Verbindungen zu einer Terrorzelle hatten, das müssten jetzt die Ermittlungen zeigen, sagte Müller.

Nach der Festnahme des Mannes stürmte das SEK die Wohnung in Oberursel und nahm die Ehefrau fest, eine 34 Jahre alte Türkin. Zwei kleine Kinder hat das Paar, denen sei bei dem Einsatz aber nichts passiert, versicherte Müller. Sie befinden sich nun in Obhut des Jugendamtes. Die Frau aber wird verdächtigt, aktive Komplizin ihres Mannes gewesen zu sein.

Im Keller des Mehrfamilienhauses wurden die Ermittler dann fündig: Eine fertige, funktionsfähige Rohrbombe fanden sie, dazu 100 Schuss Munition für ein Kaliber von 9 Millimetern. Gefunden wurden außerdem wesentliche Teile eines automatischen Sturmgewehrs, "nicht ein Gewehr am Stück, sondern wesentliche Teile", betonte der Frankfurter Leitende Oberstaatsanwalt Albrecht Schreiber. Weiter enthielt der Keller ein Übungsgeschoss für eine Panzerfaust, dazu drei Liter Wasserstoffperoxid, einen Behälter mit Spiritus, einen Kanister Diesel sowie, in unmittelbarer Nähe, weitere Flüssigkeiten.

Wasserstoffperoxid verriet Pläne

Es war das Wasserstoffperoxid, das die Ermittler auf die Spur des Ehepaars brachte. Der Stoff kann einfach zur Reinigung benutzt werden, das Paar hatte Ende März drei Liter Wasserstoffperoxid in einem Baumarkt in Frankfurt gekauft, angeblich um Algen aus ihrem Swimmingpool zu entfernen. Doch Wasserstoffperoxid steht unter Beobachtung, seit die Chemikalie bei den Sauerland-Attentätern gefunden wurde. "Dieser Stoff ist geeignet zur Herstellung von THTP", sagte Müller, gemeinsam mit Aceton und Salzsäure ergebe Wasserstoffperoxid diesen hochexplosiven Sprengstoff – und der werde besonders gerne von salafistischen Attentätern benutzt. "Man hätte mit den vorhandenen Mitteln einen Schaden wie in Boston anrichten können", sagte Müller.

Das Ehepaar musste beim Kauf des Wasserstoffperoxids seine Personalien angeben, das ist seit der Sauerland-Zelle vorgeschrieben. Doch etwas lief schief, die Verkäuferin wurde misstrauisch, und sie verständigte die Polizei. Die stellte fest: der angegebene Name ist falsch, die Ermittler waren alarmiert. Die Spur führte schließlich zu dem Mann nach Oberursel, seit Mitte April wurde das Ehepaar observiert.

Dann, kurz vor dem Radrennen begannen die Ausflüge in den Wald und auf die Parkplätze entlang der Landstraße, und den Ermittlern wurde mulmig. Ein Anschlag wie auf den Boston-Marathon - ein Alptraum. Man habe die Situation gründlich analysiert, im Umfeld des Radrennens "einen tiefen Bewertungsprozess durchgeführt", sagte Müller: "Überschneidungen des Bewegungsbildes des Beschuldigten mit der Strecke des Radrennens haben uns veranlasst, jetzt zuzugreifen."

  "Wir gehen davon aus, dass wir dadurch einen Anschlag verhindern konnten, ich betone:

einen

Anschlag", sagte Schreiber. Ob der Anschlag tatsächlich dem Radrennen galt, beweisen können die Ermittler das nicht. Trotzdem wurden seit dem frühen Morgen von zwei Hundertschaften Polizei Wald und Parkplätze zwischen Oberursel und dem Feldberg durchkämmt – gefunden wurde bis zum frühen Abend nichts. "Ob es jetzt konkrete Hinweise auf das morgige Rennen gibt, ist zu überprüfen", sagte Schreiber. Derzeit werden die beiden Verdächtigen vernommen, das Ziel sei, sie in Untersuchungshaft zu nehmen. Der Generalbundesanwalt prüft, ob er die Ermittlungen an sich zieht.  

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