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»Oma Anna« hat es aus Kiew nach Schmitten geschafft

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Von: Inka Friedrich

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Oliver, Collin und Lyuba Rühl (von links) haben »Oma Anna« (Zweite von links), die aus Kiew stammt, nach ihrer Flucht an der polnischen Grenze abgeholt. © Inka Friedrich

»Oma Anna« (69), die in einem Hochhaus in Kiew wohnte, hat es nach Schmitten geschafft, wo ihre Tochter mit Familie lebt. Nur ein glücklicher Zufall rettete ihr Leben...

Schmitten. Seit Beginn des Krieges sind Tausende Menschen aus der Ukraine geflohen. Eine von ihnen ist die (Schwieger-)Mutter der Schmittener Oliver und Lyuba Rühl, die von den beiden einfach nur »Oma Anna« genannt wird. So stellt sich die 69-Jährige am Freitag auch vor. Sieben Tage sind seit ihrer Flucht aus der ukrainischen Hauptstadt Kiew vergangen., um der immer näher rückenden russischen Armee zu entgehen.

»Man muss den Frieden schätzen, es gibt nichts Wichtigeres«, sagt Anna als allerersten Satz, nachdem sie am Küchentisch der Rühls Platz genommen hat. Lange habe sie, zusammen mit ihrer Tochter Lyuba, überlegt, ob es richtig sei, über das Erlebte zu sprechen. Sie habe sich dafür entschieden. Damit »die Menschen da draußen« wissen, was in der Ukraine passiert und in Zukunft vielleicht Konflikte friedlich lösen.

Wildfremde Menschen helfen sich in der ukrainischen Hauptstadt

Der Krieg habe die Menschen in der Ukraine überrascht - trotz der Warnungen der Amerikaner. Übungen an der Grenze kannte man, also habe man sich dabei nichts gedacht, als russische Truppenverbände zusammengezogen wurden. »Wir sind doch Brüder und Schwestern«, sagt auch Lyuba Rühl. Man spreche sowohl russisch als auch ukrainisch, die Menschen hätten diesseits und jenseits der Grenzen gewohnt, gearbeitet, sich besucht. »Und nun sollen wir auf einmal Feinde sein?«, fragt sie. Das böse Erwachen ereignete sich dann am frühen Morgen des 24. Februar - als die ersten Bomben fielen.

Anna lebte in einem Kiewer Hochhaus mit vielen alleinstehenden Menschen, zum Teil anonym, wie in Großstädten üblich. Seit dem Ausbruch des Krieges sei man jedoch zusammengerückt und habe sich geholfen, obwohl sich viele nicht einmal kannten. Nachbarn hätten für andere Haushalte eingekauft und sich zum Teil stundenlang in Warteschlangen angestellt. Die wenigen Waren, die es noch zu kaufen gab, seien aufgeteilt worden. Trotzdem wollte Anna zu ihrer Tochter nach Deutschland.

Wink des Schicksal ermöglicht »Oma Anna« die Flucht aus Kiew

Die naheliegendste Fluchtmöglichkeit sei für viele der Zug gewesen, der Bahnhof habe aber in einem anderen Stadtteil gelegen. Schon alleine dorthin zu gelangen stellte für die Rentnerin ein fast unüberwindbares Hindernis dar. »Meine Mutter ist herzkrank. Da so viele versuchen, per Zug aus der Stadt zu kommen, werden alle Bahnen so dicht besetzt, dass die Menschen wie Vieh in Waggons gepfercht werden. Gepäck bleibt am Bahnsteig zurück. Sowohl in den U- und S-Bahnen, als auch in den Fernzügen müssen die Menschen stundenlang stehen. Das hätte meine Mutter nicht geschafft«, sagt Lyuba Rühl.

Ein Wink des Schicksals ermöglichte Oma Anna jedoch die Flucht: Der Bekannte eines Bekannten habe, so wurde ihr zugetragen, einen Wagen, mit dem er sich in den Westen aufmachen wollte. Ob sie jedoch einen der begehrten Plätze ergattern würde, sei bis kurz vor der Abfahrt nicht klar gewesen. Schließlich sei alles sehr schnell gegangen. Sie habe einen Anruf bekommen, dass der Mann sie jetzt abholen würde. Mitnehmen konnte die Frau nur eine kleine Tasche, alles andere musste zurückbleiben. Ihr Haustürschlüssel blieb beim Nachbarn - damit der die verbliebenen Lebensmittelvorräte nutzen kann.

Mitten in der Nacht an der polnischen Grenze angekommen

Einfach aus der Stadt herausfahren sei jedoch nicht möglich gewesen. »Obwohl Kiew bis dato noch von den Angriffen weitestgehend verschont geblieben war, waren alle großen Straßen und Brücken zerstört, um den Einmarsch der Russen zu erschweren. Überall waren Straßensperren«, erzählt Oma Anna. Dem Fahrer sei somit nichts anderes übrig geblieben, als sich mühsam einen Schleichweg aus der Stadt zu suchen. Dort habe sich kilometerweit der Verkehr Richtung Westen gestaut. »Auf den regulären Straßen war kein Durchkommen, also sind wir über Felder und durch Wälder gefahren«, erzählt sie. Es wird eine Fahrt, die fast zwei Tage dauerte.

Mitten in der Nacht seien sie im Ort Schehyni an der Grenze zu Polen angekommen. Dieser liegt in unmittelbarer Nähe zum polnischen Ort Medyka. Hier habe sie der Mann abgesetzt. Beeindruckend sei die außergewöhnliche Hilfsbereitschaft der Polen gewesen, die sie sich aufopfernd um die ankommenden Geflüchteten gekümmert hätten. »Das zu sehen, hat mein Herz zutiefst gerührt. Diese Menschen waren sofort für uns da, haben geholfen ohne jegliche Gegenleistung zu verlangen Das werde ich ihnen nie vergessen«, sagt Anna.

Ukrainische Männer der Familie müssen im Kriegsgebiet bleiben

Damit sich beide an der Grenze wiederfinden, habe ihre Tochter ihr eingebläut, den Akku ihres Handys zu schonen, Lyuba Rühl habe sie schließlich eingehüllt in Decken am Grenzübergang gefunden. »Her ist mir das erste Mal richtig bewusst geworden, dass meine Mutter ein Flüchtling ist«, sagt sie.

Viele Menschen seien jedoch auch in der Ukraine geblieben, um zu kämpfen. »Sämtliche Männer unserer Familie haben sich freiwillig für den Kriegsdienst gemeldet. Mein Cousin beispielsweise hat sich die Ereignisse zwei Tage lang angesehen und dann gesagt, dass er nicht einfach herumsitzen könne, während andere ihr Land verteidigen«, erklärt Lyuba Rühl. Gehört haben sie von ihm seitdem nichts, die Handys seien tot.

»Oma Anna« ist sich sicher: Ukrainer werden Land bis zum Äußersten verteidigen

Die Rühls versuchen nun, die notwendigsten Dinge, wie beispielsweise die Anmeldung, für Oma Anna zu regeln. »Wichtig wären uns vor allem Adressen von Ansprechpartnern, Deutschkurse und vielleicht sogar ein Ort, wo die Flüchtlinge sich über das Erlebte austauschen können«, sagt die gebürtige Ukrainerin.

Wie es nun weiter geht, weiß jedoch niemand so genau. Ob sie zurückgehe? Oma Anna nickt. So sei die ukrainische Seele, die Heimat und die eigenen vier Wände seien extrem wichtig. Aus diesem Grund, so schätzt sie, würden viele Ukrainer wieder zurückkehren, egal ob Putin dann regiere oder nicht. Was das jedoch ganz konkret bedeutet, darüber habe sie sich noch keine Gedanken gemacht - will es zumindest jetzt auch noch gar nicht. »Vermutlich ist dafür auch noch alles zu frisch«, sagt Schwiegersohn Oliver Rühl.

Einer Sache ist sich die 69-Jährige jedoch sicher: »Wir werden den Krieg erst dann verlieren, wenn auch der letzte Mann gefallen ist. Bis dahin werden wir unser Land verteidigen.«

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