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Assistenzärztin Christine Lohse (sitzend), Stationsleiterin Cindy Leu (rechts) und ihren Kollegen ist es das größte Anliegen, für Palliativ-Patienten wie Werner Hardt da zu sein und deren Leid durch medizinische Maßnahmen, durch Aromatherapie, Musik und ganz viel Zuwendung zu lindern.

Hochtaunus Kliniken

Palliativstation: „Wir sind keine Sterbestation“

Etwa 500 Patienten waren im vergangenen Jahr auf der Palliativstation der Homburger Hochtaunus Kliniken. Ihnen und ihren Angehörigen beizustehen, Krankheitssymptome abzufedern und Ängste aufzufangen ist die Hauptaufgabe des Teams aus Medizinern, Pflegekräften, Therapeuten und Seelsorgern. Wenn Sprechen und zuhören eine Heilung einem Wunder gleichkommt, gibt es hier Raum für den letzten Lebensweg in Würde.

Seit einigen Wochen ist Werner Hardt einer von zehn Patienten auf der Palliativstation der Homburger Hochtaunus Kliniken. Nach der Diagnose Lungen- und Knochenkrebs im vergangenen Jahr, einer Operation und sechs Chemotherapien hat „Gevatter Tod schon am Bett gestanden. Der muss aber noch warten“, so der 74-Jährige.

In seinem großzügigen Zimmer mit eigenem Bad stehen zwei Betten, denn seine Frau ist die ganze Zeit bei ihm. „Das ist sehr wichtig für mich“, so der Mann, der dankbar dafür ist, dass sie ihn zu den Untersuchungen begleitet und auch einen Teil der Körperpflege übernimmt. „Man war doch immer ein selbstbestimmter Mensch“, das wolle er auch jetzt nicht aufgeben. Die Unterstützung seiner Frau hilft ihm dabei.

„Wir sind keine Sterbestation, denn hier gibt es sehr viel Leben“, betont Assistenzärztin Christine Lohse und räumt erstmal damit auf, dass die Patienten nur zum Sterben herkommen würden. „Tatsächlich können wir immer noch viel für sie tun“ erklärt die Medizinerin. Dazu gehöre, dass die Patienten medikamentös so eingestellt werden, dass sie möglichst keine Schmerzen mehr haben, keine Luftnot oder Übelkeit sie quält und dass Infekte bekämpft werden.

Auch Ängste aufzufangen gehört zu den Aufgaben des interdisziplinären Teams, das aus Medizinern unterschiedlicher Fachrichtungen, Schwestern und Pflegekräften, Physiotherapeuten, Psychoonkologen und Seelsorgern besteht. Sie alle wissen: Bei der palliativen Therapie ist nicht mehr die Heilung das Ziel, sondern die Linderung der Symptome durch medizinische Maßnahmen, durch Aromatherapie, Musik und ganz viel Zuwendung.

Daher auch der Begriff „palliativ“. Der kommt von dem lateinischen „Palium“, was übersetzt „Mantel“ bedeutet. Davon abgeleitet heißt palliativ „ummantelnd“. Ganz in diesem Sinne beschreibt Pflegedirektorin Yvonne Dintelmann, die Arbeit auf dieser Station so: „Wir möchten, dass sich die Menschen in ihrem letzten Lebensabschnitt ein Höchstmaß an Lebensqualität erhalten können.“ Der Vorteil einer eigenen Palliativstation sei dabei, dass hier die kliniküblichen Routinen und Zeitvorgaben nicht gelten. „Angehörige können hier übernachten. Und wenn ein Patient gerne etwas länger schläft, ist es für uns kein Problem, wenn er erst um 11 Uhr das Frühstück bekommt.“ Auch ein Gläschen Rotwein oder Sekt sei in Ordnung, wenn der Patient Lust darauf habe.

Ganz zentral aber ist das Gespräch, für das man sich viel Zeit nimmt – sowohl mit den Patienten als auch mit den Angehörigen. Fragen nach dem Warum werden gestellt, Ängste, wie es weitergehen soll, stehen im Raum. Genauso wie die Sorge um ein Sterben ohne Leiden – auf der Palliativstation hört man zu.

Das bestätigt auch Cindy Leu, die seit dem Umzug in den Neubau auf der damals neugeschaffenen Station arbeitet und sie seit dem vergangenen Jahr auch leitet. Sie hat im Laufe der Zeit beobachtet, dass die letzte Lebensphase sehr individuell ist. „Es gibt die, die noch hoffen und dann wieder die, die genau wissen, wo sie stehen.“ Nicht allen fällt es leicht loszulassen. Besonders schwer sind die Fälle, wenn eine unheilbar erkrankte Mutter Kinder hinterlässt.

Das bleibt auch den Ärzten und Pflegekräften nicht im Kittel hängen. „Wir sprechen viel miteinander. Geht uns mal ein Fall zu nah, dann ist es auch möglich, dass Kollegen einspringen“, so Leu. Sich etwas von der Seele zu reden, dabei helfen den Palliativprofis auch die regelmäßigen Supervisionen, an denen das Team alle vier bis sechs Wochen unter der Leitung eines Therapeuten teilnimmt.

Beieinander sein wird auf der Palliativstation groß geschrieben. So lädt das Wohnzimmer mit einer gemütlichen Sitzecke zum Verweilen ein, auch ein Klavier steht hier. Für diejenigen Angehörigen, die das Bedürfnis haben, sich zurückzuziehen und mit ihren Gedanken allein zu sein, gibt es den Raum der Stille.

Manche nutzen die Gelegenheit und schreiben das, was sie erleben, in die beiden Alben, die neben einer kleinen Engelsfigur bereitliegen. Auffällig ist, wie viele Dankeskarten eingeklebt sind: „Danke für die liebevolle Betreuung meines Mannes“ steht auf einer Karte und weiter: „Es fühlt sich so gut bei Ihnen auf der Station an.“

Das findet auch Patient Werner Hardt: „Ich fühle mich hier sehr gut aufgehoben. Die Schwestern sind freundlich und hilfsbereit.“

Diese Rückmeldungen seien für alle sehr wertvoll, sagt dazu Pflegedienstdirektorin Yvonne Dintelmann. „Man bekommt unheimlich viel von den Angehörigen und den Patienten zurück.“ Dankbarkeit sei das eine, ein Gefühl von innerem Frieden das andere. Manchmal ist der Dank auch mit einer Spende verbunden. Nicht alle Patienten, die auf die Palliativstation kommen – im vergangenen Jahr waren es rund 500 – sterben auch hier. Vorrangiges Ziel sei es, so Dintelmann, dass die Patienten, die wegen einer akuten, krankheitsbedingten Krise oder einer Verschlechterung des Zustandes kommen, stabilisiert werden und dann möglichst wieder nach Hause, in ihre Pflegeeinrichtung oder in ein Hospiz entlassen werden können.

Dennoch gehört auch das Sterben zum Alltag einer Palliativstation. Dank der „ummantelnden“ Versorgung ist es ein Abschied mit viel Geborgenheit und Zuwendung – oder kurz gesagt: ein Sterben in Würde.

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