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Wandern

Pilgern auf dem Laurentiusweg

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Vor 150 Jahren hatte sich der Taunusklub gegründet – passend dazu präsentieren die passionierten Wanderer den TZ-Lesern in ihrem Jubiläums ihre 15 schönsten Touren. Im heutigen 14. Serienteil geht es um den Laurentiusweg.

Die Gründung des Taunusklubs vor 150 Jahren steht am Beginn der modernen Wanderbewegung in Deutschland: Wandern als Freizeitvergnügen, das sportliche Betätigung mit Naturgenuss und dem Kennenlernen von Land und Leuten verbindet. Gewandert sind die Menschen indes schon seit Jahrhunderten, allerdings kaum je zum Vergnügen, sondern, um Arbeit zu suchen, als Handwerker auf der Walz oder als Flüchtlinge. Eine sehr alte Form des Wanderns ist die Pilgerreise. Schon seit der Antike haben sich Menschen aus religiösen Gründen auf den Weg gemacht, um heilige Stätten zu besuchen, von deren Besuch sie sich besonderen himmlischen Beistand erhofften. Diese Art des spirituellen Wanderns genießt nach wie vor große Beliebtheit, allem voran auf den Jakobswegen, die aus allen Ecken der lateinischen Christenheit nach Santiago de Compostela führen.

Seit einigen Jahren kann man auch im Taunus eine kleine Pilgerfahrt unternehmen. Der Laurentiuspilgerweg verbindet die Kirchen in Usingen und Arnoldshain, die dem heiligen Laurentius geweiht sind. Er ist insgesamt 22 Kilometer weit, kann also als sportliche Tagestour ebenso wie in mehreren Etappen absolviert werden. Sein Markierungszeichen ist nicht zu übersehen: Ein schräg gestelltes und mit Heiligenschein versehenes L auf orangefarbigem Hintergrund zeigt, dass man auf den Spuren des Heiligen Laurentius unterwegs ist. Wer sich auf digitale Hilfsmittel verlässt, der kann sich die Routendaten unter laurentiuspilgern.wordpress.com bequem herunterladen.

Die Wanderung beginnt an der Laurentiuskirche in Usingen, der alten Hauptkirche des Usinger Landes, die nach einer aufwendigen Sanierung in neuem Glanz erstrahlt. Die spätgotische Hallenkirche mit ihrem markanten Turm ist eine ausführliche Besichtigung wert. Sie diente einst nicht nur als Stadtpfarrkirche, sondern zugleich als Grablege für das Fürstenhaus von Nassau-Usingen, dessen Angehörige in der Gruft der Laurentiuskirche bestattet sind. Der heilige Laurentius als Usinger Kirchenpatron ist bis heute regelmäßig in aller Munde – nämlich dann, wenn jedes Jahr das große Volksfest des Laurentiusmarktes viele Besucher aus nah und fern nach Usingen lockt, wie er das auch schon vor Jahrhunderten getan hat.

Ökumenisches Zeichen

Wir bleiben zunächst in der Usinger Innenstadt und gehen von der alten evangelischen zur neuen katholischen Laurentiuskirche. Die zunächst nur kleine katholische Gemeinde in der Stadt war vor allem durch Flüchtlinge und Vertriebene nach dem Zweiten Weltkrieg so weit gewachsen, dass sie 1960 ein repräsentatives, neues Gotteshaus bekam. Als Reminiszenz auf den alten Stadtpatron weihten die Katholiken ihre Kirche ebenfalls dem heiligen Laurentius, so dass es heute in Usingen gleich zwei Laurentiuskirchen gibt. Das sorgt einerseits manchmal für Verwirrung, ist aber andererseits durchaus ein schönes Signal ökumenischer Verbundenheit.

Nach der Besichtigung der katholischen Laurentiuskirchen geht es endlich hinaus ins Grüne. Der Weg läuft in Richtung Westen zunächst ein Stück parallel zu den Schienen der Eisenbahn, dann durch den Wald oberhalb der Deponie „Brandholz“ bis zum wunderschön idyllisch im Wald gelegenen Grünwiesenweiher – ein echter Geheimtipp für alle Erholungssuchenden. Von dort geht es weiter bis zum Ortsrand von Merzhausen. Der Weg führt am Dorf vorbei, es lohnt sich aber durchaus ein kleiner Abstecher in die Ortsmitte. Dort gibt es neben der hübschen Kirche – in der unter anderem eine Orgel aus der Bad Homburger Schlosskirche eine neue Heimat gefunden hat – das repräsentative alte Rathaus aus dem 16. Jahrhundert zu bestaunen. Das stolze Fachwerkhaus diente nicht nur als dörfliches Rathaus, sondern auch als Verwaltungs- und Gerichtsgebäude für das so genannte Stockheimer Niedergericht, einen mittelalterlichen Amtsbezirk, der in Merzhausen sein Zentrum hatte.

Weiter geht es in Richtung Süden durch abwechslungsreiche Taunuslandschaft, bis wir zwischen Brombach und Rod am Berg auf die Jammerhecke stoßen, die sich für eine Zwischenrast anbietet und wo uns einige Informationstafeln über die Geschichte dieses Ortes aufklären. Das Waldstück Jammerhecke bewahrt die Erinnerung an ein furchtbares Unglück, von dem die mündliche Überlieferung zu berichten weiß: Zu Beginn des 18. Jahrhunderts sollen hier Schulkinder aus Brombach, Dorfweil und Hundstall (heute Hunoldstal) auf dem Heimweg von der Schule in Rod am Berg von einem Schneesturm überrascht worden und jämmerlich erfroren sein.

Beim Weiterwandern lassen wir die düsteren Gedanken hinter uns. Wir umrunden Brombach und steigen hinunter ins Weiltal. Flussaufwärts kommen wir zunächst nach Dorfweil. Dort lohnt es sich, am prominent da stehenden Ehrenmal für die Gefallenen der Weltkriege kurz innezuhalten. Das Denkmal von 1929 ist durchaus bemerkenswert: Es ist nicht soldatisches Heldentum in nationalistischer Überhöhung, sondern die schlichte, anrührende Figur einer in Trauer versunkenen Frau, mit der in Dorfweil an die Schrecken des Krieges erinnert wird.

Weiter geht es, bis wir vom Wiegerfelsen aus das Dorf Schmitten uns zu Füßen liegen sehen. Wir steigen hinunter und kommen an der katholischen Pfarrkirche vorbei, die ebenfalls zu einer kurzen Besichtigung einlädt. Die Kirche, dem heiligen Karl Borromäus geweiht, konnte in diesem Jahr ihr 125-jähriges Bestehen feiern. Als sie 1893 errichtet wurde, brach man den Taunusschiefer direkt auf der Baustelle aus dem Felsen und schuf dadurch gleichzeitig den Baugrund. Deshalb wirkt die Kirche wie aus dem Felsen gewachsen und thront eindrucksvoll hoch über dem Dorf.

Kampf mit dem Drachen

Jetzt gilt es noch, einen letzten Schlenker zu machen und die letzten Höhenmeter zu überwinden, und dann stehen wir am Ziel, an der Laurentiuskirche in Arnoldshain. Die kleine Kirche oberhalb des Dorfes dürfte zu den ältesten Baudenkmälern gehören, die der Taunus vorzuweisen hat. Ihre Existenz wurde erstmals 1215, vor über achthundert Jahren, erwähnt, und sie dürfte sich in ihrer Bausubstanz einiges aus ihrer Entstehungszeit bewahrt haben. Eindrucksvoll sind vor allem die Glasfenster: Ein mittelalterliches Fenster aus dem 15. Jahrhundert zeigt den heiligen Georg im

Kampf mit dem Drachen

, und ein modernes Fenster präsentiert uns am Ziel unserer Wanderung nochmals den Kirchenpatron, den heiligen Laurentius, in leuchtenden Flammenfarben.

Man muss kein frommer Christ sein, um den Laurentius-Pilgerweg zu genießen. Auch ganz profan gewandert, führt er durch die abwechslungsreiche Taunus-Landschaft und weist allerhand zu sehen und zu erleben auf. Wer es besinnlich-nachdenklicher haben möchte, der kann an 19 Stationen innehalten und anhand von kurzen Meditationstexten ins Nachdenken kommen. Diese kurzen Denkanstöße können ebenfalls auf der Internet-Seite des Pilgerweges oder vor Ort an den jeweiligen Stationen auf das Smartphone geladen werden, wodurch die moderne Technik einmal ganz ungewohnt in den Dienst der Entschleunigung tritt.

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