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Psychischer Ausnahmezustand

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Rentner aus Friedrichsdorf nach Angriff auf Ehefrau angeklagt

Friedrichsdorf -Der Mann ist schwer krank, physisch und psychisch. Mit blassem Gesicht hört er sich im Bad Homburger Amtsgericht an, was ihm die Staatsanwaltschaft vorwirft: gefährliche Körperverletzung. Er soll seine Frau in der gemeinsamen Wohnung in Friedrichsdorf mit einem Steakmesser angegriffen und ihr mit dem Tod gedroht haben. Die Frau konnte ihn abwehren, sie wurde dabei leicht verletzt.

Dass es sich dabei nicht um eines im Gericht fast schon üblichen Beziehungsdramen handelt, wird rasch klar. Denn nicht nur der Mann ist krank, auch seine Frau war es. Vielleicht wollte er sie von ihrem Leiden erlösen und danach sich selbst töten. Vielleicht war er aber auch genervt von ihr und ihren Anschuldigungen und Forderungen. Diese möglichen Gründe stehen beim Prozess im Raum. Welches Motiv nun das wesentlichere gewesen ist, bleibt jedoch unklar.

15 Medikamente pro Tag genommen

Fest steht, dass er bei der Tat "nicht er selbst gewesen" war, wie es der Amtsanwalt formuliert. Der Mann litt damals an chronischen Schmerzen und an Long-Covid, zudem hatten ihn seine Depression fest im Griff. Jeden Tag musste er über 15 Medikamente nehmen, darunter reichlich Psychopharmaka. Er hatte einen Suizidversuch und Aufenthalte in der Psychiatrie hinter sich, war geplagt von Gedanken an Selbsttötung. Als Anfang Oktober 2021 seine Frau erneut schwer erkrankte, ging es ihm noch schlechter.

An die Tat selbst habe sein Mandant nur noch eine verschwommene Erinnerung, sagt der Rechtsanwalt des Rentners. Die Frau war wenige Wochen nach der Tat ihrer Krankheit erlegen, hatte jedoch noch bei der Polizei eine Aussage gemacht. Danach hatte sie am 22. Oktober 2021 auf der Couch gelegen, als ihr Mann aus der Küche kam und sich zu ihr beugte. Sie glaubte, er wolle sie küssen, dann erst sah sie laut ihrer Schilderung das lange Messer in seiner Hand. "Was machst Du?", soll sie ihn gefragt haben, seine Antwort: "Ich wollen machen tot." Sie schlug ihm das Messer aus der Hand und fiel zu Boden. Dort drückte er ihr eine Decke und ein Kissen kurz ins Gesicht, sie konnte ihn jedoch erneut abwehren. Dann soll er der zitternden Frau erklärt haben, sie solle keine Schmerzen mehr haben. Es sei besser, wenn er ihr und sein Leben beenden werde. Er habe drei Tage lang überlegt, wie er sie umbringen könne.

Die Frau rief eine Nachbarin an, die alarmierte die Polizei. Von Beamten wurde er in die Psychiatrie gebracht, dort sagte er den Ärzten zum einen, er sei mit der Betreuung seiner Frau überfordert gewesen - aber auch sie habe ihm Vorwürfe gemacht und er habe sie "erschrecken" wollen. Es sei das erste Mal gewesen, dass er in der Ehe gewalttätig geworden sei. Noch in der Psychiatrie versöhnte sich das Paar, er entschuldigte sich bei ihr und durfte wieder zurück in die gemeinsame Wohnung ziehen. Im Dezember 2021 starb sie in einem Hospiz.

"Der von ihr geschilderte Vorgang der Tat passt zu ihren Verletzungen", beginnt in der Verhandlung der Amtsanwalt sein Plädoyer. Bei dem bis dahin unbescholtenen Mann habe wegen seines ohnehin desolaten psychischen Zustands und der falschen Medikamenteneinnahme eine erheblich verminderte Schuldfähigkeit vorgelegen. Er beantragt eine Bewährungsstrafe von einem halben Jahr. Der Rechtsanwalt ist ähnlicher Meinung, letztlich verurteilt der Richter den Mann zu der beantragten Bewährungsstrafe. Die Bewährungszeit legt er auf drei Jahre fest.

Rücktritt vom Tötungsversuch

"Bei dieser Tat hätte man auch von einem versuchten Totschlag oder sogar Mord ausgehen können", erklärte der Richter. "Aber weil er nicht weitermachte, obwohl er es hätte tun können, liegt ein so genannter 'strafbefreiender Rücktritt vom Versuch' vor." Daher sei "nur" eine gefährliche Körperverletzung angeklagt worden. Das Urteil ist bereits rechtskräftig.

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