+
Am Mammolshainer Berg, dem mit bis zu 23 Prozent legendären Stich, wird sich die Spreu vom Weizen trennen. Für Jochen Wehrheim aus Kronberg ist das eine Trainingsstrecke quasi direkt vor seiner Haustür. Foto: Pieren

Radsport

Radfahren am Limit: Kronberger macht bei „Eschborn-Frankfurt“ mit

  • schließen

Beim Radklassiker am 1. Mai spulen die Radprofis im Taunus ein Pensum von nicht weniger als 212,5 Kilometern und 3.500 Höhenmetern ab. Zuvor treten mehrere Tausend Radamateure auf drei Strecken über 50, 90 und 104 Kilometer in die Pedale. Jochen Wehrheim aus Kronberg wird wieder einmal mitten unter ihnen dabei sein.

. . . und dann liegen die steilsten 200 Meter des direkt vor Jochen Wehrheim. Dutzende Male ist der Kronberger auch in diesem Frühling beim Training die mit bis zu 23 Prozent absolut knackige Steigung des „Mammolshainer Stich“ hinauf gehechtet.

Auch am Wochenende trat der 47-jährige Vorsitzende des Mountainbike-Club Wehrheim (MTBC) ein letztes Mal mächtig in die Pedale, um den richtigen Rhythmus zu finden. Doch morgen, am 1. Mai, wird alles anders sein. Dann wird die Straße „Am Steinbruch“ von Tausenden Radsportfans gesäumt sein.

„Die Zuschauer brüllen einen förmlich den Berg hinauf“, sagt der Radsportler. „Das ist auch nötig. Der Stich tut richtig weh. Nach dem Rennverlauf brennen dann bereits die Beine, der Puls ist am Anschlag und der ein oder andere hat Blutgeschmack im Mund weil ein paar Äderchen geplatzt sind. Doch es ist unbeschreibliches Gefühl. Das bringt nur der ,Henninger‘. Das ist Radfahren am Limit.“

Den „Henninger“ kennt Jochen Wehrheim bereits aus Kindertagen. Damals, als das traditionsreiche Rennen am 1. Mai-Feiertag noch „Rund um den Henninger-Turm“ hieß, hatte er als Kind mit seinem Vater bereits Didi Thurau den Mammolshainer Berg hinauf getrieben. „Natürlich konnte ich nicht wissen, dass mich das Radsport-Virus einmal packen und ich beim Jedermann-Rennen selber am 1. Mai auf der Strecke sein würde“, sagt Wehrheim, der morgen mit zwölf Mannschaftskameraden vom MBTC Wehrheim im Sattel den Höllen-Ritt durch den Taunus absolvieren wird.

Seit es das Jedermann-Rennen gibt, tritt er vor dem Peleton der Radprofis in die Pedale. Zwei Mal musste er passen: Ein Mal war er krank, das andere Mal hatte er sich beim Snowboarden verletzt. Das Rennen am 1. Mai ist sein Heimrennen. „Das ist Gänsehaut pur, wenn ich beim Rennen durch Kronberg fahre und von meiner Familie angefeuert werde“, sagt er.

Doch der Reihe nach: Beim Start in Eschborn sei die Nervosität unter der Fahrern auch beim Jedermann-Rennen mit Händen zu greifen. „Da steht man mit Freunden und Team-Kollegen in seinem Startblock, und kurze Zeit später geht es im Pulk los“, berichtet Wehrheim. „Dann geht der Puls sofort in die Höhe, denn es wird vom Start weg ein hohes Tempo gefahren.“

Von der Skyline in Frankfurt sieht er dann nichts, weil er hochkonzentriert sein muss: Die engen Straßen und die vielen Abzweige fordern seine volle Aufmerksamkeit. „Da darf man sich nicht verbremsen oder verschalten“, so der Familienvater. „Und ganz wichtig: Man muss immer im Windschatten des Vordermanns bleiben. Wenn man abreißen lässt, erreicht man die Gruppe fast nicht mehr.“

In der Gruppe geht’s dann hochmotiviert in Richtung Bad Homburg und Oberursel. In den Fußgängerzonen genießt er die Begeisterung der Menschen. „Das Kopfsteinpflaster in der Oberurseler Altstadt vermittelt ein bisschen Paris-Roubaix-Feeling.“

Vor der Hohemark beginnen dann die permanenten Positionskämpfe. Einige müssen abreißen lassen, viele fahren für sich alleine. „Bis zum Sandplacken fährt man noch auf dem großen Blatt. Dann wird runter geschaltet und es tut bis zum höchsten Punkt unterhalb des Gipfels erstmals richtig weh.“

Ab der „Sprungschanze“ geht’s in rauschendem Tempo mit bis zu 80 Kilometern pro Stunde in Richtung Rotes Kreuz und weiter links ab und talwärts. In Ruppertshain warten dann am ersten Stich auch erstmals viele Zuschauer und feuern die Pedaleure an. „Die Begeisterung hilft dabei, durchzuziehen.“

Auch auf der Zwischenpassage von Kelkheim nach Bad Soden gibt’s kaum Erholung. Selbst bergab wird enorm Geschwindigkeit gemacht. Kurz vor Mammolshain muss jeder Teilnehmer beim Jedermann-Rennen für sich die Entscheidung treffen, ob die Kondition für den Mammolshainer Stich reicht oder nicht. Ja, man darf abzweigen, man muss sich nicht den Rest geben. Die Freiheit nutzen viele – und sie ist toleriert.

Oben beim Königsteiner Kreisel angekommen, verspürt Jochen Wehrheim jedes Jahr aufs Neue einen ganz besonderen Adrenalin-Kick, weil er weiß, dass er bald durch seine Heimatstadt Kronberg düst. Danach geht es eigentlich nur noch bergab in Richtung Ziel in Frankfurt. Zum Glück, denn die Kräfte sind alle verbraucht.

„Nach der Zieldurchfahrt bist Du einfach nur froh, es wieder einmal geschafft zu haben“, schwärmt Wehrheim. „Und dann wird jedem Teilnehmer auch schon bald das bei diesem Rennen obligatorische Bier gereicht. Das schmeckt dann extrem gut. Und vor Deinem inneren Auge läuft nochmals der ganze Film ab und Du bist glücklich.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare