Oberurseler Bildhauer Hendrik Docken

Der Regenwald als Kunstwerk

Ein Stück Oberursel befindet sich seit kurzem auch in Costa Rica – möglich gemacht hat das der Oberurseler Bildhauer Hendrik Docken. Wie es dazu kam, ist genauso kurios und spannend wie das, was es jetzt auf 25 Hektar Regenwald in Mittelamerika zu bestaunen gibt. Darüber und über vieles andere hat TZ-Redakteur Matthias Kliem mit Hendoc ein Interview geführt.

Hallo Hendoc, wie bitte erwirbt man ein Stück Regenwald?

HENDOC: Es ist natürlich nicht so, dass man in Costa Rica einfach so Regenwald kaufen kann. Es gibt ab und zu Möglichkeiten, größere Gebiete zu erwerben, ab zehn Hektar aufwärts. Diese werden meistens in Plantagen umgemünzt oder weiterverkauft – die Gewinnmaximierung ist auch in Lateinamerika angekommen. Da unser Projekt von symbolischer Natur ist, wollten wir – mein Sohn Nick und ich – einem befreundeten Amerikaner einen Hektar abkaufen, um unser Projekt durchzuziehen. Er wollte allerdings nicht nur einen Hektar verkaufen, sondern elf. Das hätte unser Budget gesprengt, da der Hektar Regenwald zwischen 6000 und 10 000 Dollar kostet.

Und dann habt Ihr was gemacht?

HENDOC: Wir haben in San José, wo Nick aufgrund eines einjährigen Schulaufenthalts viele Freunde hat, den amerikanischen Arzt Steve Saletta kennengelernt, der gerade ein Haus mit 57 Hektar Regenwald geerbt hatte. Sein verstorbener Onkel war ein Vogelkundler, der sich mit dem Thema der Ursprünglichkeit der Natur beschäftigte. Daher rannten wir bei ihm offene Türen ein. Für unser Projekt haben wir 25 Hektar Regenwald von ihm gepachtet und erhalten ein sogenanntes Easement. Das heißt, das Gelände steht unter unserem Schutz und kann nicht mehr bewirtschaftet oder weiterverkauft werden.

„Dein“ Regenwald ist ja kein Regenwald wie jeder andere, sondern ein Kunstwerk – das musst Du uns erklären . . .

HENDOC: Vier sogenannte Auroren rahmen einen Raum ein – in diesem Fall sogenannter Primary Rainforest –, somit wird der Wald zum Teil des Kunstwerks. Obwohl die goldenen Stelen dezent und unaufdringlich im Wald stehen, sind sie ein Fremdkörper, der dem gewogenen Besucher vermittelt: Das steht hier nicht einfach so, da muss ein ästhetischer Sinn dahinter sein. In erster Linie geht es ja darum, Aufmerksamkeit zu schaffen, um dadurch Bewusstsein zu vermitteln. „Never ever for sale“ bedeutet eben auch, dass es Gebiete geben muss, die wirklich in alle Ewigkeit unberührt bleiben sollen. Die Idee, den Wald zu kaufen, um ihn so zu lassen, wie er ist, ist die logische Konsequenz aus der Problematik mit der Ausbeutung der Natur. Gewinn-Maximierung wurzelt im Antrieb des Menschen nach Reichtum. Mit genau dieser Waffe, dem Gold, schießen wir jetzt zurück.

Der Titel „Never ever for sale“ hört sich auch wie eine Botschaft an – nach dem Motto: Es gibt Dinge, die man nicht mit Geld erwerben kann. Ist das auch so gemeint?

HENDOC: Das ist exakt so gemeint. Artenschutz ist eine Pflicht für gebildete Bürger, denn man kann es weniger gebildeten Menschen nicht vorwerfen, sich an der Natur zu bedienen, das steckt in der DNA des Menschen. Sie wollen auch alle nur die Kinder satt bekommen und ein Auto fahren. Daher muss es überall auf der Welt Menschen geben, die die Verantwortung für die Ursprünglichkeit der Natur übernehmen und gewährleisten. Das Projekt soll nicht nur Schule machen, sondern auch gerne kopiert werden.

Wie willst Du denn sicherstellen, dass dieses ganz besondere Stück Regenwald wirklich bis in alle Ewigkeit naturbelassen bleibt?

HENDOC: Was ist ewig? Ein bis zwei Generationen? 99 Jahre? Doch darauf haben wir noch keine Antwort gefunden. Durch den Pachtvertrag und den dazugehörigen Schutz der Unberührbarkeit des Waldes kann man aber sicher sein, dass diese 25 Hektar so bleiben, wie sie sind. Allerdings ist auch klar, dass die Gesetze eines Landes mit dem Sturz der Regierung nichtig gemacht werden können. Dieses Phänomen haben wir in etlichen Ländern Lateinamerikas bereits gesehen. Costa Rica ist aber aufgrund einer sehr stabilen Regierung weit von einem Umsturz entfernt. Derzeit formuliert ein Anwalt, der auch zum Freundeskreis in San José zählt, den Schutzvertrag der 25 Hektar aus.

Finanziert hast Du das Projekt durch den Verkauf von Holzdrucken. Was ist darauf zu sehen und wie viele hast Du an die Frau und den Mann gebracht?

HENDOC: Die Holzdrucke zeigen Motive des Regenwalds – Frosch, Papagei, Kolibri, Affe, Faultier et cetera. Wir haben viel fotografiert und gezeichnet und haben mit den Drucken die Chance, mit den Farben zu spielen. Vor unserer Abreise haben wir gut zwei Dutzend Frösche an den Mann gebracht, obwohl wir das Projekt noch gar nicht beworben hatten.

Wie geht es weiter mit dem Projekt? Kommen weitere Flächen dazu?

HENDOC: In Deutschland gibt es glücklicherweise viele wohlhabende Menschen, die auch ein Bewusstsein für die Unberührbarkeit des Regenwaldes haben. In Costa Rica ist der Anfang gemacht. Es hat aber noch sehr viele vakante Waldstücke zu bieten, die wir auch gerne an Interessierte vermitteln. Die größere Schwierigkeit, Regenwald zu schützen, liegt aber in Asien und in Ländern, in denen Menschen im Jahr weniger verdienen als ein deutscher Angestellter im Monat. In Indonesien haben wir auf unserer Reise schon die Fühler ausgestreckt und gute Kontakte geknüpft. Dort ist die Situation für viele Tierarten besonders schlimm.

Zum Schluss noch eine etwas philosophisch angehauchte Frage: Was kann man vom Leben im Regenwald fürs Leben in Oberursel lernen?

HENDOC: Man sollte mit Demut und Dankbarkeit in den Wald gehen. Nichts mitbringen und nichts mitnehmen. Einfach nur schauen, genießen und sich an den vielen Tieren freuen und dankbar sein, wenn man ein Stück unberührte Natur vorfindet. In Europa ist kaum ein Fleck unberührt, und somit ist es immer eine gute Idee, manche Gebiete wieder zu Urwald werden zu lassen. So wie das kleine Stück zwischen dem Schellbach und dem Heidetränkenbach, das vom Förster Stolp seinerzeit zum Urwald gemacht wurde, indem er es einfach nicht mehr betreten hat und jeden umgefallenen Baum einfach so gelassen hat.

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