Analyse

Reicht das Straßennetz in Stierstadt aus?

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Die Verkehrsbelastung auf Stierstadts Straßen ist ein politisches Dauerthema im Ortsbeirat und in der Stadt. Jetzt wurde ein Gutachten vorgestellt, das viele im Stadtteil staunen lässt. Die Folge: Nach der Sommerpause wird weiter diskutiert.

Vom Autoverkehr, der an ihren Häusern vorbeifährt, sind die Stierstadter mitunter genervt. Viele haben den Eindruck, dass es zu viele Fahrzeuge sind und fordern Entlastungen. Doch das, was die Menschen fühlen, wird nicht immer durch Untersuchungen belegt. So ist es auch im Fall eines Verkehrsgutachtens, das derzeit im Stadtteil reichlich Diskussionsstoff bietet.

Denn eine Untersuchung hat, kurz gefasst, Folgendes ergeben: Die bestehenden Kfz-Mengen sind verträglich. Und auch, wenn die neuen Baugebiete in Stierstadt realisiert sind, kann der Verkehr über das bestehende Straßennetz abgewickelt werden.

Das lässt viele Bürger im Ort staunen, darunter Ortsvorsteher Ludwig Reuscher (CDU). Ob ihn das Ergebnis überrascht hat? „Und wie“, sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung. „Was da präsentiert wurde, kann ich nicht nachvollziehen.“ Das Gutachten, für das die Darmstädter Ingenieure von „R + T Verkehrsplanung“ verantwortlich zeichnen, wurde unlängst im Ortsbeirat Stierstadt vorgestellt. Dort wurde es dem Vernehmen nach ziemlich laut. Es fielen deutliche Worte in Richtung Rathausspitze – Bürgermeister Hans-Georg Brum (SPD) hat den Magistrat in dem Gremium vertreten.

Erster Stadtrat und Verkehrsdezernent Christof Fink (Grüne) betont im Gespräch mit dieser Zeitung, dass das Gutachten ergebnisoffen in Auftrag gegeben worden sei. Anlass für die Untersuchung war die weitere Entwicklung Stierstadts: Der Borngrund wird gerade bebaut, Wohnbebauung ist zudem fürs Areal der ehemaligen Grundschule, ebenso am Kiesweg und auf dem Friedhofserweiterungsgelände sowie – auf der anderen Seite der S-Bahn-Linie und damit außerhalb des Ortskerns – fürs Hochtief-Gelände vorgesehen: alles in allem mehr als 300 Wohneinheiten. Zudem wird die Integrierte Gesamtschule Stierstadt (IGS) erweitert.

Die Ingenieure haben errechnet, dass die Plangebiete 1470 zusätzliche Autofahrten pro Tag nach Stierstadt bringen. Für die Spitzenstunde am Vormittag kommen sie auf 126 zusätzliche Fahrten, für die am Nachmittag auf 145 Kfz.

Die Verkehrsplaner haben zwei Prognose-Planfälle untersucht: eine Herstellung des Seedammwegs und einen Ausbau des Verbindungswegs zwischen Römerstraße und Steinbacher Straße. Weder das eine noch das andere würde aber ihrer Ansicht nach zu deutlichen Verbesserungen führen. Der Verbindungsweg sei für den Fuß- und Radverkehr zum Schulgebiet wichtig, erklärt Fink. Hier müsse abgewogen werden, ob man ihn für Autos ausbauen wolle.

Der laut Gutachten für Spaziergänger bedeutsame Seedammweg ist ein Dauerbrenner in der politischen Diskussion. Über das Für und Wider eines Ausbaus war über Jahre in Bezug auf den Borngrund gesprochen worden.

Zurück zum Schulzentrum aus IGS und Grundschule: „Das eigentliche Problem ist der Schulverkehr“ fasst Bernd Strobehn aus der städtischen Abteilung Umwelt, Mobilität, Bauaufsicht und IT einen wesentlichen Punkt des Gutachtens zusammen. Im Fasanenweg sind zurzeit – beziehungsweise außerhalb der Ferien – in der Spitzenstunde vormittags 270 Kraftfahrzeuge unterwegs, in der Steinbacher Straße 290.

Die Ingenieure empfehlen daher eine bessere Organisation des Hol- und Bringverkehrs von den und zu den Schulen. Konkret schlagen sie außer verkehrsberuhigenden Maßnahmen eine sogenannte Elternhaltestelle vor. Eine solche gebe es in Oberursel noch nicht, sagt Fink. Elternhaltestellen sind Plätze in gewisser Entfernung zur Schule, an denen Mütter und Väter ihre Kinder aus dem Auto aussteigen lassen. Zur Prüfung sind sie im Gutachten im Fasanenweg und in der Steinbacher Straße eingezeichnet.

Wann das möglicherweise umgesetzt wird, dazu will Verkehrsdezernent Fink keine Prognose abgeben. Denn es besteht Redebedarf. Das macht Ortsvorsteher Reuscher deutlich, der auch auf die Taunusstraße hinweist, wo in der Spitze am Vormittag 420 Kraftfahrzeuge pro Stunde fahren, am Nachmittag 430. „Ich hätte ein Konzept erwartet“, sagt Reuscher. „Ich verlange ein Gespräch mit den Projektverantwortlichen.“ Damit meint er Gutachter und Verwaltung.

Und dann wechselt er im Gespräch mit dieser Zeitung aus der Rolle des Ortsvorstehers in die des CDU-Politikers: Da werbe man bei den Bürgern für eine Baugebietsentwicklung mit Augenmaß, sprich: mit entsprechender Infrastruktur. Doch diese werde dann auf „später“ verschoben, beklagt er.

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