1. Startseite
  2. Region
  3. Hochtaunus

Reise an den Bindestrich-Äquator

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Getrennte Schreibweise offensichtlich eine Hessen-Darmstädter Spezialität

Hochtaunus -Anzunehmen, dass Gregor Maier, Leiter des Fachbereichs Kultur beim Hochtaunuskreis, alles weiß, was länger her ist, liegt bei allem, was dieser Mann, nach Historischem befragt, meist spontan aus dem Ärmel schüttelt, nahe. Und doch gibt es Momente, bei denen er erstmal schwäbisch-bedächtig "hhm" meint, was bei ihm so viel heißt wie "keine Ahnung, muss ich nachschauen".

Maier hat mal wieder nachgeschaut, und er wurde auch fündig: Die an ihn aus der Redaktion im Zusammenhang mit der 50 Jahre zurückliegenden Gebietsreform gerichtete Frage lautete: Warum haben einige damals zu größeren Einheiten verschmolzene Orte im Hochtaunuskreis mit lokalisierendem Wortanteil einen Bindestrich, während andere durchgeschrieben werden? Also Nieder- und Ober-Eschbach oder Nieder- und Ober-Erlenbach auf der einen, Ober- und Niederlauken, Ober- und Niederhöchstadt sowie Ober- und Niederems auf der anderen Seite. So viel vorab: Mit der "Hecke", hinter und auch vor der man siedeln kann, hat's nichts zu tun und auch die Saalburg ist unschuldig.

Zunächst war Maier, der eigenem Bekunden nach nie darüber nachgedacht hatte, versucht, an einen Zufall zu glauben. Zu seiner Überraschung war es dann aber keiner. Vielmehr gelangte der auch als das "Gedächtnis des Hochtaunuskreises" bekannte Forscher zu der Erkenntnis, dass es ihn gibt, den historisch belegten "Bindestrich-Äquator". Nach Maiers Recherche ist er identisch mit der alten Landesgrenze des Großherzogtums Hessen-Darmstadt. "In früheren Jahrhunderten gab es keine amtlich-verbindliche Schreibung von Namen, das gilt für Personennamen (Maier, Meier, Meyer, ...) ebenso wie für Ortsnamen.

Geschrieben wurde nach Gehör

Geschrieben wurde nach Gehör. Im Zuge der allgemeinen Bürokratisierung wurde im Lauf des 19. Jahrhunderts dann eine amtliche Schreibweise festgelegt", sagt Maier, der entdeckt hat, dass das oft im Zusammenhang mit den großen Landesvermessungsprojekten gestanden hat. "Mit denen haben sich die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in napoleonischer Zeit, entstandenen neuen Mittelstaaten einen Überblick verschafft."

Bei Durchsicht der einschlägigen Gemeindeverzeichnisse fand Maier tatsächlich einen auffallenden Unterschied. Die Schreibung mit Bindestrich war offensichtlich eine Hessen-Darmstädter Spezialität.

Zum ehemaligen Großherzogtum Hessen-Darmstadt gehörten zum Beispiel Nieder- und Ober-Erlenbach, -Eschbach, -Florstadt, -Mörlen, -Rosbach, -Weisel und -Wöllstadt, außerdem Burg-Gräfenrode, Dorn-Assenheim, Groß- und Klein-Karben, Hoch-Weisel, Kirch-Göns, Pohl-Göns oder Groß-Gerau - alle mit Bindestrich.

Zum Herzogtum Nassau dagegen gehörten, so Maier, unter anderem Nieder- und Oberhöchstadt, -ems, -lauken, -reifenberg, Oberstedten, Oberursel, Oberliederbach, Niederhofheim, die sich alle ohne Bindestrich schrieben. Der Name "Neu-Anspach" zähle natürlich nicht. Ihr Bindestrich ist das direkte Ergebnis der Gebietsreform, die aus Anspach, Westerfeld, Rod am Berg und Hausen-Arnsbach Neu-Anspach hat werden lassen.

Die einzigen Bindestriche, die in Nassau zu finden seien, gebe es in Strinz-Trinitatis und Strinz-Margarethä; das sei aber so zu erklären, dass diese Namen im Unterschied zu den anderen Namen nicht aus Vorsilbe und eigentlichem Ortsnamen, sondern umgekehrt aus Ortsnamen und präzisierendem Zusatz bestehen.

Sogar Hausen-Arnsbach wird im Nassauischen Staatshandbuch von 1863 nicht so, sondern "Hausen und Arnsbach" geschrieben, hat Maier ermittelt. Analoges gelte auch für das alte Kurfürstentum Hessen-Kassel (in der Rhein-Main-Region etwa Nieder- und Oberdorfelden).

Maiers Resümee: An der Tatsache, ob ein Ort heute mit oder ohne Bindestrich geschrieben wird, lässt sich zumindest in der hiesigen Region tatsächlich ablesen, ob er zu Hessen-Darmstadt gehört hat oder nicht.

"Einen tieferen Grund für die abweichende Schreibung vermag ich nicht auszumachen - das scheint schlicht im persönlichen Sprachempfinden des jeweiligen leitenden Beamten gelegen zu haben. Es ist aber allemal ein interessanter Befund und wieder einmal ein schönes Beispiel dafür, wie die Geschichte unsere Lebenswelt prägt", so Historiker Maier. Und es lohne sich immer, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen.

Auch interessant

Kommentare