1. Startseite
  2. Region
  3. Hochtaunus
  4. Schmitten

Inspiriert vom verschneiten Gipfel

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

ualoka_Feldberg-Ga_stebu_4c
ualoka_Feldberg-Ga_stebu_4c © Red

Schmitten. Auf dem Großen Feldberg lag vor gut 90 Jahren offenbar häufig Schnee - und es wurde kräftig gefeiert. Dies ist aus den alten Gästebüchern des Feldberghofs ersichtlich, die das Kreisarchiv aufbewahrt. Gregor Maier, Kulturamtsleiter im Landratsamt, und Kreisarchivar Peter Maresch haben vier hübsche Seiten herausgesucht, die einen direkt in die 1920er Jahre mitnehmen.

Damals weilte offenbar eine illustre Gesellschaft in dem Gipfel-Gasthof, der dort stand, wo heute der Feldbergturm ist.

Man schrieb den 20. Januar 1929; tagsüber wurde Ski gefahren und abends Fastnacht gefeiert - so könnte man die schwungvolle Zeichnung einer schlanken Skifahrerin mit hoher Zipfelmütze deuten, die sogar die Sonne zum Staunen bringt. »Hat was von Bauhaus«, findet Maier. Zwei Berggipfel, ein Tannenbaum, wehende Bänder und der angedeutet steile Hang - vom Schneeball zum Maskenball: Beim abendlichen Feiern in der Hütte wurde gemalt; alle Mitfeiernden unterschrieben.

Skifreuden und »Mann Holle«

Eine weitere Seite aus dem historischen Gästebuch der 1920er Jahre fällt ins Auge. Über die ganze Seite zieht sich die Zeichnung, die eine interessante Fantasie-Perspektive zeigt. Man steht quasi zwischen den Tannen am Hang, und vorbei stieben in irrem Tempo zwei Skifahrer mit Baskenmützen und Schal. In weiter Ferne ist der Feldberg-Gipfel zu sehen, so wie man ihn eigentlich vom Tal wahrnimmt - so wirkt die Gegend wie ein größeres Skigebiet. Oben auf einer Wolke sitzt eine männliche Version von Frau Holle und leert einen Sack voller Schneeflocken aus. »Prima Pulverschnee! Und nun kann’s losgehen«, schreibt ein gewisser Wolfgang Kuebart aus Barmen.

Klar ist: Die Gäste hatten abends Zeit; damals daddelte noch keiner auf seinem Handy rum und ärgerte sich über schlechten Empfang. Mit Sorgfalt malten sie Bilder ins Gästebuch oder verewigten sich und ihren Aufenthalt mit Gedichten. »Viele haben sich viel Mühe gemacht«, sagt Gregor Maier.

Pfarrer hinterlässt ein Gedicht

Von gar nicht so weit her kam einer, der ein Gedicht hinterließ: Friedrich Ackermann, Pfarrer aus Arnoldshain. Seinen Eintrag ins Gästebuch am 30. April 1928 schrieb er zu Hause und klebte das Vorbereitete auf dem Feldberg einfach ein. Es handelte sich um eine Postkarte mit Zeichnung vom Kirchlein und um eine Kopie des St.-Georgs-Wappens aus der Kirche. Dazu dichtete der heimische Gottesmann:

»Der Feldberg, der große, das Kirchlein, das kleine, gehören beide zu einer Gemeinde.

Des Werktags, wenn die Arbeit ruht, dann sind sich großer und kleine gut. Doch sonntags haben Beschäftigung beide, drum tun sie an dem Tag sich nichts zuleide.«

Auch ein »richtiger« und bekannter Dichter weilte einst im Feldberg-Haus - kein Geringerer als Joachim Ringelnatz.

Joachim Ringelnatz war schwer erkältet

Sein kurzer Eintrag ist zwar holprige Prosa, was aber daran gelegen haben kann, dass es dem 45-Jährigen offenbar schlecht ging. »Hier hab ich mir meine Stimme verdorben. Traurig trank hier Kaffee«, schreibt der Dichter am 25. April 1929 ins Gästebuch. Darunter setzt der Schriftsteller, der auch als Maler arbeitet, mit wenigen Bleistiftstrichen ein Selbstporträt, das seine eigenwilligen Gesichtszüge deutlich erkennen lässt. Darauf hockt er im Unterhemd auf einem Stuhl, die schütteren Haare fallen ihm in die Stirn, während er offenbar hustet und ihm die Nase trieft. In der Hand hält er eine große Kaffeetasse. Interessant ist, dass der Dichter mit seinem Freund Alfred Schloßhauer im Taunus unterwegs war - ihm widmete Ringelnatz ein gefühlvolles Gedicht. War Schloßhauer ein enger Freund, war er sein Verleger oder ein Mäzen?

Auch er äußert sich knapp im Buch: »Packard« schreibt er - das war offenbar die Marke des Autos, mit dem die Männer hier waren -, »Loch im Strumpf« - man ist gewandert - und »2 Boonekamp« - und genoss offenbar einen Kräuterlikör als Absacker. »Mit einem Packard 8 komm ich öfters her«, fügte Alfred Schloßhauer junior an. Fünf Jahre nach dem Besuch des Trios stirbt Ringelnatz in Berlin an einer verschleppten Tuberkulose.

Faksimile wird ausgestellt

Für den Kulturamtsleiter ist die erst vor Kurzem zufällig entdeckte Ringelnatz-Karikatur »ein echtes Schmankerl«. Ausgewählte Seiten des Gästebuchs sollen künftig auch im neuen Feldberghaus als Faksimile ausgestellt werden.

ualoka_Feldberg-Ga_stebu_4c_2
ualoka_Feldberg-Ga_stebu_4c_2 © Red
ualoka_Feldberg-Ga_stebu_4c_3
ualoka_Feldberg-Ga_stebu_4c_3 © Red
ualoka_Feldberg-Ga_stebu_4c_1
ualoka_Feldberg-Ga_stebu_4c_1 © Red

Auch interessant

Kommentare