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Anton Raky, vierter von links, als Stadtrat in Erkelenz. Als wohlhabender Bürger war er auch der erste in der Stadt, der ein Automobil besaß. Repro: Seibt

Wirtschaftspionier

Schmittener Erfinder wäre heute 150 Jahre alt geworden

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Dass der Taunus die ein oder andere Berühmtheit vorzuweisen hat, ist bekannt. Einer, der im Taunus die Welt erblickte, um sie dann nachhaltig zu verändern, ist aber in seinem Geburtsort mittlerweile in Vergessenheit geraten: Anton Raky.

Der kleine Schmittener Ortsteil Seelenberg und die rund 200 Kilometer entfernte Stadt Erkelenz haben etwas gemeinsam: Anton Raky. Der nämlich erblickte in dem Taunusdörfchen am 5. Januar 1868 das Licht der Welt, die er Jahre später entscheidend verändern sollte. Denn Anton Raky machte sich international einen Namen im Bereich der Tiefbohrtechnik.

Wasser, Erdöl, Stein- und Braunkohle, Kali und Erz förderte der Erfinder und Wirtschaftspionier zutage und bohrte nach den Erdschätzen nicht nur in Europa, sondern auch in Afrika, Mittel- und Südamerika. Seine Erfindung brachte die Bohrtechnik entscheidend voran, so dass nicht nur tiefer, sondern auch schneller gebohrt werden konnte.

Gleichwohl erinnert in seinem Geburtsort Seelenberg derzeit nichts an den Mann, der die Förderung von Rohstoffen revolutioniert und beschleunigt hat. Dabei steht sein Geburtshaus unter der Adresse Alt Seelenberg immer noch und ist im Besitz von Bernd Kaltwasser.

Vor 20 Jahren hat der Kölner das Ensemble um das Geburtshaus von Anton Raky erworben und liebevoll und mit viel Fleißarbeit unter dem Gesichtspunkt des Denkmalschutzes saniert. Dass das Gebäude etwas Besonderes ist, unterstreicht zwar ein kleines Glasschild vom Geschichtsverein. Allerdings verweist das Schild nicht auf Raky, sondern einen anderen bekannten Namen, nämlich den von Antonius Abt.

Der katholische Theologe arbeitete erst in der von ihm gegründeten Höheren Bildungsschule in Oberlahnstein, bevor er 1884 zunächst als Pfarrer in Königsstein und von 1885 an als Stadtpfarrer und Domkapitular zu Limburg im Kirchendienst stand. Die Nähe der Familie Abt zu Anton Raky ist kein Zufall. Denn Antons Vater Franz Raky heiratete 1867 in zweiter Ehe Caroline Jacobine Abt, die den kleinen Anton am 5. Januar 1868 im Haus ihrer Mutter Elisabeth und deren Bruder Antonius zur Welt brachte.

Während Antons Mutter einer alteingesessenen Hammerschmiedefamilie aus Hadamar entstammte, waren Franz Rakys Wurzeln deutlich bescheidener. Dessen Familie verdingte sich als Tagelöhner, während Franz Raky als Mechaniker in Frankfurt gemeldet war. Lange hielt es Franz und Caroline aber nicht in Seelenberg.

Schon bald zogen die drei nach Rod an der Weil, wo Franz Raky zunächst eine Säge-, dann eine Hammermühle betrieb und Antons Schwester Josephine 1869 zur Welt kam.

1872 verließ die Familie den Taunus, da der wirtschaftliche Erfolg ausblieb, und zog ins bayerische Hobbach im Spessart, wo Antons Bruder Johann 1875 geboren wurde. Fünf weitere Kinder folgten schließlich in Kiedrich im Rheingau, wo Raky eine Eisenhammerschmiede betrieb.

Durch handwerkliches Geschick im väterlichen Betrieb machte sich Anton Raky einen Namen. Die Kelterschrauben, Gewindespindeln für Keltern, die er fertigte, fanden Absatz bei Winzern aus nah und fern. Den Einstieg ins Bohrgeschäft hingegen verdankte Anton Raky seinem Lehrmeister, dem Bergbauingenieur Emanuel Przibilla, der 1886 für die Bohrung nach einer Salzquelle nach Kiedrich kam.

Für Przibilla soll Raky selbst einen Meißel so optimiert haben, dass sein Auftraggeber diesen zum Patent anmeldete und später Raky einstellte. Mit 21 Jahren hatte sich der junge talentierte Mann zum „Bohrmeister“ im Dienste Przibillas hochgearbeitet. Zwar meldete dessen Unternehmen später Konkurs an. Rakys steiler Aufstieg in der Bohrbranche war davon aber nicht mehr aufzuhalten.

Mit seinen Verbesserungen an bereits bestehenden Bohrtechniken – darunter das Spül-, oder Schlagbohren sowie das Bohren mit Diamantkrone – avancierte Raky zu einem der innovativsten Bohrtechniker seiner Zeit.

Seine revolutionärste Erfindung war jedoch der Schnellschlag-Bohrkran Nr. 7, der mit einer federnden Aufhängung des Bohrgestänges arbeitete. 1893 erhielt er auf den Kran, der mit dem „System Raky mit Einspritzspülung und Schnellschlag“ arbeitet, das Reichspatent. Welchen Vorteil diese Erfindung hatte, zeigt ein Vergleich: Waren bis dahin bei vergleichbaren Bohrungen 50 bis 60 Schläge pro Minute möglich, erreichte Rakys Kran Nr. 7 80 bis 90 Schläge pro Minute.

Damit erhöhte sich die Wirtschaftlichkeit einer Bohrung schlagartig. Denn dank seines Systems waren Bohr-Fortschritte von bis zu 200 Metern pro Tag möglich.

1895 gründete Raky zusammen mit Joseph Vogt und Johann Otto Seib in Straßburg die „Internationale Bohrgesellschaft“ (IBG). Später verlegte das Unternehmen seinen Hauptsitz nach Erkelenz. Mit seiner Technik brachte es Raky zu internationalem Ruhm. Bis 1930 wurde der Kran hergestellt und war noch bis in die 1950er Jahre im Einsatz. Zahlreiche weitere Patente folgten, die nicht nur Rakys Wohlstand, sondern auch sein Ansehen in Erkelenz förderten. Seine Wahlheimat profitierte von Rakys Erfolg – wirtschaftlich wie auch in Sachen Infrastruktur. Er spendierte 1898 die elektrische Straßenbeleuchtung für Teile der Stadt, betätigte sich als Stifter wie Mäzen und finanzierte den Ausbau des Bahnhofs.

Zehn Jahre lebte er in der Stadt im Rheinland, wo alle Teile seiner Bohrtürme gefertigt wurden. Die Entwicklung der Stadt hat er als Unternehmer und Mäzen nachhaltig beeinflusste. 1907 verließ Raky das Unternehmen, nachdem der Schaffhausen’sche Bankverein die Mehrheitsanteile an der IBG erwarb. Raky blieb Unternehmer, ging nach Salzgitter und gründete ein weiteres Unternehmen und bohrte bis 1914 auch im Ausland. Nach dem Krieg wurde er Generaldirektor in der Hauptverwaltung der Deutschen Erdöl-AG (DEA) in Berlin und gründete in Salzgitter die Firma „Anton Raky, Tiefbohrungen“, die dort Eisenerzfelder erschloss. 1920 bildete er gemeinsam mit der Rombacher und der Ilseder Hütte das Konsortium „Fortuna“. 1923 rief er zusammen mit August Thyssen die „Bergbau AG Salzgitter“ ins Leben.

Ende der 1920er Jahre besaß Raky etwa 53 Millionen Quadratmeter Erzkonzessionen, deren Ausnutzung aber risikoreiche Kapitalinvestitionen erforderte. Die kostspieligen Voruntersuchungen potenzieller Bohr-Terrains („Aufschlussarbeiten“) überforderten schließlich das Unternehmen, das 1932/33 in Konkurs ging.

So wohlhabend Raky war, so schnell ging das Vermögen zum Ende seines Lebens dahin. Was vermutlich auch seinem Lebenswandel geschuldet war. Mit drei Frauen war Anton Raky verheiratet, zeugte mit ihnen insgesamt acht Kinder. Doch auch darüber hinaus soll er den Frauen nicht abgeneigt gewesen sein, sehr zum Verdruss der Ehefrauen. Am 22. August 1943 starb Anton Raky schließlich vollkommen verarmt und verschuldet in seiner Villa in Berlin-Zehlendorf mit 75 Jahren.

Ob Seelenbergs berühmter Sohn jemals in seinen Geburtsort als Besucher zurückkehrte, ist unbekannt, zumal sich die vorhandenen Quellen im Wesentlichen auf Erzählungen und Erinnerungen stützen. Während Raky in Erkelenz 1920 Ehrenbürger wurde, vom rumänischen Königshaus mit zahlreichen Medaillen bedacht und in Belgien mit dem Leopold-Orden sowie dem Ritterkreuz versehen wurde, widmen sich die Hochtaunusblätter dem Seelenberger 2003 immerhin auf fünf Seiten.

Wer jedoch bei der Gemeinde Schmitten nachsieht, findet dort schlichtweg nichts. „Schade“, meint auch Bernd Kaltwasser, Besitzer des Geburtshauses, das noch im Original erhalten ist. Schließlich ist Anton Raky ein Kind des Taunus.

Quellen

Der Heimatverein Erkelenz hat dieser Zeitung dankenswerterweise umfangreiches Material zum Leben von Anton Raky zur Verfügung gestellt. Ann-Katrin Struken hat ihr Buch „Höhen und Tiefen“ auch Raky gewidmet.

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