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Ob sich die Aufschrift "vergiss mich nicht" auf das alte Schulgebäude am Hohen Weg bezieht? Sicher ist, dass es bald verschwinden wird. Der Abriss hat begonnen.

"Für die breite Masse"

Schulruine wird endlich abgerissen: Das entsteht auf dem Gelände

Schulruine in Friedrichsdorf wird abgerissen: Dafür entstehen jede Menge Wohnungen auf dem Areal "Hoher Weg Süd".

Friedrichsdorf - Wie ein wütender Drache zerrt der Baggergreifer an dem silbrig glänzenden Knäuel aus Metallleisten. Das letzte Stündlein der alten Philipp-Reis-Schulgebäude am Hohen Weg hat geschlagen, das Abriss-Team knöpft sich die PRS-Ruinen vor. Neben der alten Turnhalle, an deren Stelle ein Parkplatz entstehen soll, stehen Bürgermeister Horst Burghardt (Grüne) und Erster Kreisbeigeordneter Uwe Kraft. Sie blicken auf einen großen Lageplan und lassen sich von zwei Vertretern der Baufirma Bouwfonds Property Development (BPD) erklären, wie der aktuelle Planungsstand für das 33 000 Quadratmeter große Areal des so genannten "Bauabschnitts Hoher Weg Süd" aussieht.

Insgesamt 76 Eigentumswohnungen in vier riegelförmigen Mehrfamilienhäusern sowie 25 Einfamilienhäuser sollen auf dem alten PRS-Gelände und angrenzenden Grundstücken entstehen, berichtet BPD-Niederlassungsleiter Ingo Schilling. Das Investitionsvolumen betrage rund 50 Millionen Euro. Burghardt freut sich nicht nur darüber, "dass hier ein attraktives neues Wohngebiet entsteht". Er ist auch froh darüber, dass die alten Ruinen, die schon seit Anfang 2012 leer stehen, endlich verschwinden. Immer wieder haben Eindringlinge in den verlassenen Schulgebäuden randaliert und sogar Feuer gelegt. Ein bisschen nachdenklich ist der Rathauschef aber trotz allem: "Hier bin ich zur Schule gegangen", sagt er.

"Hoher Weg Süd": Schallschutz als große Hürde

Der Abriss ist aufwendig. Erst Ende des Jahres soll hier kein Stein mehr auf dem anderen stehen. "Im kommenden Winter sollen die Erschließungsarbeiten für das neue Wohnviertel beginnen und zugleich der Vertrieb", berichtet BPD-Projektentwicklerin Feodora Wolff. Baubeginn sei für Mitte nächsten Jahres geplant. Die ersten Bewohner könnten 2022 oder 2023 einziehen.

Eine größere Hürde bei dem Projekt war der Schallschutz gewesen. Denn laut Gesetz müssen die künftigen Bewohner der geplanten Neubauten vor dem Badegäste-Lärm aus dem benachbarten Freibad geschützt werden. Einige Monate lang hatte es im Jahr 2017 sogar danach ausgesehen, als müsste eine acht Meter hohe und 50 Meter lange Mauer quer durchs Schwimmbad gezogen werden - oder eine 16 Meter hohe Mauer rund um das Schwimmbad herum. 

Die Alternative wäre ein reduzierter - und weniger wirtschaftlicher - Wohnungsbau gewesen, berichtet Kraft. Zum Glück für die Friedrichsdorfer und den Kreis änderte sich jedoch noch im gleichen Jahr die Gesetzeslage. Seitdem sind Schallschutzmaßnahmen direkt an den neuen Wohnhäusern zugelassen. Trotzdem hat das Lärm-Thema das Bauvorhaben verzögert.

"Für die breite Masse"

"Ein Teil der Wohnungen erhält nun, als Schallschutz zum Schwimmbad hin, teilverglaste Loggien", erklärt Schilling. Das Glas sei "hinterbelüftet" und die Loggien seien über offene Revisions-Balkone für die Feuerwehr zugänglich. Außerdem könnten die Scheiben von dort aus geputzt werden. Die meisten Wohnungen bekämen zusätzlich auf der anderen Seite unverglaste Balkone. Die vier Mehrfamilienhäuser sollen 7300 Quadratmeter Fläche einnehmen, insgesamt sollen dort 6900 Quadratmeter Wohnfläche entstehen.

Vor den alten Philipp-Reis-Schulgebäuden schauen Feodora Wolff, Uwe Kraft (2. v. l.), Horst Burghardt (3. v. l.) und Ingo Schilling auf den Plan für das künftige Wohngebiet.

Im vorigen April, nach dem Satzungsbeschluss der Friedrichsdorfer Stadtverordnetenversammlung, hatte der Immobilienentwickler das Schulgrundstück vom Hochtaunuskreis, der Grundstückseigentümer war, übernommen. Rodungsarbeiten habe die BPD, mit Erlaubnis des Kreises, schon im Februar durchgeführt. Viel später wäre das aus Naturschutzgründen nicht mehr möglich gewesen. Die Rodungen hätten sonst erst im Herbst stattfinden können und der Abriss hätte sich weiter verzögert. Anfang Juli habe die Baufirma damit begonnen, die Gebäude zu entkernen, berichtet Wolff.

"Hier wird das Wohnraum-Angebot erhöht und damit der Markt entlastet", so Kraft. Erfreulich seien auch die derzeit günstigen Finanzierungskonditionen. Die niedrigen Zinsen würden aber durch die hohen Baukosten relativiert. "Sie liegen, wie überall, um rund 30 Prozent über den ursprünglichen Planungen." Trotzdem sollen die künftigen Wohnungen "für breite Massen finanzierbar" sein, sagt Schilling. Eine 2-Zimmer-Wohnung solle rund 240 000 Euro kosten, eine 4-Zimmer-Wohnung mit Penthouse würde mit rund 500 000 Euro zu Buche schlagen.

Zu den Mehrfamilienhäusern gehörten Aufzüge und eine Tiefgarage. "Die Gebäude werden nicht höher als die alten Philipp-Reis-Schul-Gebäude", sagt Burghardt. Das bedeutet: Drei Vollgeschosse, ein zurückversetztes Staffelgeschoss und, wegen des abfallenden Geländes zum Mirabellenweg hin, eine Sockelgeschoss-Ebene, erklärte Schilling. Zu den Erdgeschosswohnungen gehörten Sondernutzungrechte für die Gartenbereiche. "Das soll ein lebendiges Quartier werden", wünscht er sich.

Teich für Fadenmolche

Für junge Familien seien die acht Reihenhäuser gedacht. Hinzu kommen zwei Doppelhaushälften und 15 frei stehende Einfamilienhäuser. Für deren Bewohner sind oberirdische Parkplätze und zum Teil auch Garagen vorgesehen. Kostengünstiger Wohnraum dagegen ist auf dem Gelände nicht geplant. Das liege daran, dass das Projekt schon entstanden sei, bevor die Wohnungsnot ausgebrochen sei, erklärt Burghardt. "Wir hatten damals versprochen, dass hier ein Wohngebiet entstehen soll und wollten nicht nachträglich die Auflagen ändern."

Der künftige öffentliche Parkplatz mit rund 30 Stellplätzen auf dem alten Turnhallengelände ist für Besucher des Dillinger Vereinshauses und zur Entlastung des bestehenden Schwimmbadparkplatzes gedacht, so Burghardt weiter. Der neue Parkplatz zählt genauso zu den 33 000 Quadratmetern, wie die künftigen beiden Grünflächen und die Straßen. Eine der Grünflächen soll oberhalb des Friedhofs angelegt werden, die zweite zwischen der dann verlängerten Feldbergstraße und dem Kinderhort. "Dort soll es künftig auch einen Teich geben, in dem Fadenmolche leben können", berichtet Wolff.

Schutz für Schulkinder

Wenn die ersten Bewohner in die Mehrfamilienhäuser einziehen, will die BPD auch den Bauabschnitt namens "Hoher Weg Nord" beginnen. In dem 2,5 Hektar großen Gebiet könnten die Bagger 2022 mit der Arbeit beginnen. Zuvor sind aber noch einige Verhandlungen nötig: "Wir werden Gespräche mit den Grundstückseigentümern aufnehmen", kündigt Schilling an. Auch der Naturschutz sei dort ein größeres Thema, sagt Burghardt.

Gegenüber der Baustelle liegt die Peter-Härtling-Schule. Der Schulweg ist mit rot-weißen Kunststoff-Barrieren gesichert, so dass die Kinder in einem geschützten Korridor laufen können.

Aber nochmals zurück zur jetzigen Baustelle an der alten Philipp-Reis-Schule: Direkt nebenan ist die Grundschule (Peter-Härtling-Schule). Auch der Kindergarten und der Hort sind nicht weit weg. Und obwohl die BPD den Schulweg mit dicken rot-weißen Kunststoffbarrieren geschützt hat, flößen die stattlichen Laster, die jetzt dort entlang rollen, manchen Eltern Angst ein. "Die Kinder laufen in einem geschützten Korridor. Das ist mit den Elternbeiräten von Schule, Kindergarten und Hort abgesprochen", betont dagegen Wolff. Die Absperrungen seien von den Eltern "positiv aufgenommen" worden.

Die Bouwfonds Property Development (BPD) GmbH ist einer der größten Projekt- und Gebietsentwickler in Europa. In Friedrichsdorf hat das Unternehmen bereits das Wohnviertel "Waldkristall" (69 Häuser und 28 Wohnungen) auf dem Gelände der früheren Tettauer Glaswerke errichtet und die Mehrfamilienhäuser (75 Wohnungen) auf dem früheren Milupa-Areal. In den Niederlanden ist das Unternehmen Marktführer, in Deutschland gehört es zu den führenden Projektentwicklern und ist Teil der Rabobank. 

von Christiane Paiement-Gensrich

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